Saliera: Der Wächter

Im Sicherheitsdienst des Kunsthistorischen Museums arbeitet seit Jahren ein Jugendfreund des Bruders des mutmaßlichen Saliera-Diebes.

Bleibt der derzeitige Sachverhalt im Kriminalfall Saliera unverändert, kann sich der mutmaßliche Dieb des Cellini-Salzfasses, Robert Mang, auf einen klaren Fahrplan einstellen: Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft und des Verteidigers des in Untersuchungshaft einsitzenden Mang, dürfte der Mann bis zum Prozess in Haft bleiben. Der Grund: Fluchtgefahr wegen der zu erwartenden Höhe der Strafe. Niemand zweifelt daran, dass das Gericht in diesem Fall aus Gründen der Generalprävention eine möglichst hohe Strafe verhängen wird. In Justizkreisen ist die Rede von mindestens vier Jahren unbedingter Haft wegen schweren Einbruchdiebstahls und versuchter Erpressung. Manche rechnen mit bis zu sieben Jahren.

Mit der Fertigstellung der Anklageschrift wird im Frühjahr gerechnet, und allgemein wird erwartet, dass der Prozess noch vor dem Sommer stattfinden wird. Das Verfahren dürfte nach wenigen Tagen beendet sein, weil die Sachlage als sehr klar eingestuft wird, wie auch der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, Walter Geyer, glaubt. Es gibt ein umfassendes Geständnis, kaum Zeugen zu vernehmen und aus heutiger Sicht keinerlei Gutachten einzuholen.

Voraussetzung: Die derzeitige Sachlage bleibt unverändert. Das allerdings ist nicht völlig sicher. profil-Recherchen der vergangenen Woche haben Hinweise ergeben, die die Verantwortung von Robert Mang, er sei ein spontaner Einzeltäter, der aus Jux eine Alarmanlage austricksen wollte, ins Wanken bringen könnten.

Mangs Rechtfertigung erschien den Ermittlern vom Anfang an nicht wirklich glaubhaft, musste aber mangels Alternativen „geschluckt“ werden. War Mang tatsächlich „an einem verregneten Sonntagnachmittag“ aus Langeweile zufällig ins Kunsthistorische Museum (KHM) in Wien spaziert, um dort die mangelhafte Alarmsicherung zu entdecken? Und war es tatsächlich nur seine spontane „Abenteuerlust“, die er nach einigen Bieren in einer Disco nicht mehr im Griff hatte und die ihn dazu trieb, eine nach seiner eigenen Einschätzung ohnehin sehr schlechte bis gar nicht vorhandene Alarmsicherung auszutricksen? Warum hat er zehn Millionen Euro gefordert, obwohl er die Saliera eigentlich zurückgeben wollte, weil er so viel Angst hatte?

Wieder Ermittlungen. Fragen, die nach dem Verschwinden des Salzfasses im Raum gestanden waren, stellen sich jetzt wieder: Woher wusste Mang, dass es zusätzlich zu den Bewegungsmeldern nicht auch Rundgänge von Sicherheitsleuten gab, die ihn jederzeit überraschen hätten können? Woher wusste Herr Mang, dass er, nachdem er das Fenster zum Schauraum bereits aufgebrochen hatte, wieder seelenruhig nach unten klettern konnte, um ein Stanley-Messer aus dem Auto zu holen und danach wieder weiterzumachen, als bastelte er an seinem Bauernhaus im Waldviertel? Und woher wusste er, dass auch von einem ausgelösten Alarm keine unmittelbare Gefahr ausging, weil die Wächter wegen der zahllosen Fehlalarme aufgehört hatten, Nachschau zu halten?

profil-Recherchen ergeben einen Hinweis auf mögliche Antworten, der den Behörden bisher verborgen geblieben ist: Im Sicherheitsdienst des KHM ist seit Jahren ein Mann beschäftigt, der zumindest den Bruder Robert Mangs, William, seit der Jugendzeit kennt.

William Mang hat es abgelehnt, einen Anruf von profil entgegenzunehmen. Der mit William Mang seit Jahrzehnten befreundete KHM-Wächter (sein Name ist der Redaktion bekannt) verweigerte ebenfalls das Gespräch mit profil. Er erklärt lediglich, nur William Mang zu kennen, nicht aber den mutmaßlichen Saliera-Dieb Robert. Weiters behauptet der Wächter, von der Polizei längst befragt worden zu sein. Freilich: Da er seinerzeit nach dem Diebstahl befragt wurde, gab es den Bezug zum Namen Mang noch nicht. Und seit sich Robert Mang gemeldet hat, gab es keine weiteren Befragungen im KHM.

profil informierte Ernst Geiger, den Chef der Einsatzgruppe Saliera, am vergangenen Freitag. Geiger, für den der Fall „eigentlich abgeschlossen schien“, zeigt sich von den vorliegenden profil-Recherchen „höchst alarmiert“. Er bestätigt, dass es seit der Rückgabe der Saliera keine Recherchen im KHM gegeben hat und dass bisher keine Bekanntschaften zwischen museumsnahen Personen und der Familie Mang vermutet wurden.

Seit Freitag laufen neue Ermittlungen auf Basis der profil-Recherchen.

Von Emil Bobi