Schein in bar

Noch immer werden Schein-Ehen mit Ausländern geahndet – obwohl das eine österreichische Tradition ist.

Vorvergangenen Freitag sollte in einem Standesamt im Bezirk St. Pölten der sog. Bund fürs Leben zwischen einer Österreicherin und einem Türken geschlossen werden. Doch dazu kam es nicht mehr, denn „in diesem Augenblick ging die Tür auf, Gendarmen platzten nach einem Hinweis in die – übrigens wunderschön mit Blumen und Musik arrangierte – Hochzeit!“ („Kronen Zeitung“).

Dem türkischen Asylanten hatten Freunde „aus einschlägigem Milieu“ den Tipp gegeben: „Heiraten, und zwar Frau aus Österreich!“ Die „recht hübsche“ Braut fand sich „im Bezirk Mistelbach“; ihr sollen fürs Ja-Wort mehr als 6000 Euro geboten worden sein.

Abgesehen davon, dass es apart ist, dass eine Mistelbacherin zu diesem Deal bereit war, denn seit je tragen die Gendarmen den Spitznamen „Die Mistelbacher“, weil in dieser Gegend Geborene in der Exekutive nach dem Krieg überrepräsentiert waren, abgesehen davon hätte das „einschlägige Milieu“ vor Jahrhunderten schon aus den Kaiser- und Königshäusern Europas stammen können, denn die habsburgische Heiratspolitik war ebenso berüchtigt wie genial.

Herrschaftshäuser, die den Habsburgern mittels eines unnötigen Kriegs hätten gefährlich werden können und die ansehnlichen Besitz sowie irgendsehnliche Sprösslinge vorzuweisen hatten, wurden nicht niedergemacht, sondern mit scharfem Blick für wichtige Betten emporgeadlert. Ihre Methode, dem Schlachtfeld der Ehre das Schlachtfeld der Ehe vorzuziehen, wurde zu ihrer Trademark.*)

Asylanten haben Aristos gegenüber freilich den Nachteil, dass sie erstens selbst der Sprössling sind und zweitens meistens nichts Nennenswertes besitzen. Was liegt da näher, ihnen ihr Begehr nach heimischer Staatsbürgerschaft zu verwehren – sofern sie nicht Fußball oder Tischtennis spielen können?

Eingeborene können die aufopfernden Behörden allerdings papierln, denn ob eine Ehe auch vollzogen wird oder nur vorgeführt, ist unerheblich, auch, wenn zwei stadtbekannte Deppen eine „Vernunft-Ehe“ schließen, sagen die Beamten ergeben: Schein drauf.

Der Geldadel hat, um das Vermögen seiner Firmen sanft zu schützen, als erster zu zwangs-erotischen Fusionen gegriffen, sodass manche Brautleute, einander erstmals ansichtig, gedacht haben mögen, es handle sich dabei um eine feindliche Übernahme.

Was etlichen Konzernen recht war, kam die Konzernchefs teuer: die reichen alten Männer kauften sich ganz unverhohlen fesche junge Frauen; fast jede Mutter erträumt für ihre Tochter heute noch eine möglichst „gute Partie“; und so aufgeschlossen kann eine Gesellschaft gar nicht sein, dass es nicht nach wie vor „gutbürgerliche“ Familien gibt, deren Nachwuchs keine Kinder aus Arbeiterfamilien heiraten dürften. Und Frauen, die früh geheiratet haben, stehen da mit vielen Kindern und wenig Ausbildung, sodass sie sich des Trauscheins wegen jedweden Schein aufrechtzuerhalten gezwungen sehen.

Möglicherweise mag der Schein trügen, aber Scheine überzeugen immer: der Schuster Voigt muss in Köpenick eine Hauptmannsuniform klauen, um zu einem Heimatschein zu kommen; in Casablanca braucht Viktor Laszlo dringend das Visum für den Flug nach Lissabon; und so mancher cerebral Versehrte fühlt sich mit einem Presse-Ausweis wohler.
Statt zu erkennen, dass Scheine, in bar gekauft, oft der letzte Ausweg sind, erliegt die Welt offenen Auges den Scharlatanen.

Am selben Freitag wurde nämlich noch ein Mann festgenommen, ein Österreicher in Kroatien. Der Mann, der sich „Dr. Desiderius Ostrogonac da Costa“ nannte, gab sich seit Jahren als „Botschafter“ des kleinen westafrikanischen Landes Guinea-Bissau aus und hatte auf Krk ein „Honorarkonsulat“ eingerichtet.

Der charmante „Dr. Costa“ verkaufte in dieser „Residenz“ haufenweise falsche Pässe und wurde Partner einer Segelschiff-Firma. Für viele leidenschaftliche Segler beschaffte er die Hoheitsflaggen des afrikanischen Landes, wofür er bis zu 1500 Euro verlangte.

Er verklopfte auch Rotchinesen und Russen falsche Pässe und nahm als Mündel Serbien-Montenegro so geschickt mit, dass sich dessen Präsident sogar zu einem gemeinsamen Kommuniqué über „zu vertiefende bilaterale Beziehungen“ hinreißen ließ.

Der Mann, der diesen Schein konstruieren konnte, ist ein gebürtiger Jugoslawe, den Österreich 1976 eingebürgert hatte.
Damals soll er noch ehrlich gewesen sein.