'Schöner Schein' im Land von Jörg Haider

Der Gusi-Hunderter gegen die Inflation ist in Kärnten bereits Realität: Jörg Haider tingelt seit Wochen durch sein Land und verteilt Geld.

Schweinshaxlsuppe, Stelzn, Schnitzel und Kärntner Kasnudeln – natürlich mit reichlich brauner Butter. Beim Josefiwirt in Friesach liebt man es deftig. Am Dienstag vergangener Woche lockt der Gasthof der Familie Prodinger jedoch weniger mit lukullischen als monetären Freuden: Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider hat sich im 5378-Seelen-Dorf angekündigt, um Geldscheine an das Wahlvolk zu verteilen. Es ist bereits die zehnte Station seiner Teuerungsausgleich-Roadshow.

Lange bevor auf Bundesebene die Idee zum Gusi-Hunderter geboren wurde, war der Haider-Hunderter in Kärnten beschlossene Sache – mit den Stimmen der Kärntner SPÖ. Deren Chefin Gaby Schaunig wettert mittlerweile allerdings eifrig gegen Haiders „Fürstengabe“. Vergebens. Bereits seit Dezember tingelt er durch sein Land und verteilt 100-Euro-Scheine an die Ärmeren: Ausgleichszulagen-, Müttergeld-, Wohnbeihilfen- oder Familienzuschussbezieher. Grundbedingung: Sie müssen Kärntner sein. 16.000 haben bisher seinen Teuerungsausgleich erhalten. Dass Haiders Politik wohl zum Gutteil an ihrer Situation schuld ist, kümmert die so großherzig Beteilten wenig. Es ist „ihr Jörg“, und sie ­lieben ihn.
Normalerweise kommen die ersten ­Gäste zum Josefiwirt erst gegen Mittag. Diesmal steht schon ab neun Uhr ein ­Wagen mit Klagenfurter Kennzeichen auf dem großzügigen Parkplatz. Der Fahrer verschwindet in der Gaststube, seine Begleiter kämpfen vor der Eingangstüre mit einem Transparent-Ständer. Kaum hängt das orange Banner, biegt der rote Ford Fiesta eines Pensionistenehepaares auf den Parkplatz. Sie sind sicherheitshalber eine Dreiviertelstunde vor dem offiziellen Start da: damit sie „den Jörg“ auch ja zu sehen bekommen.

Doch der soll gar nicht kommen, hört man jetzt. Kurzfristig habe sich ein Termin dazwischengeschoben, entschuldigen ihn seine Mannen vor Ort: „Der Herr Landeshauptmann ist halt sehr spontan.“ Was er dann auch eindrucksvoll unter Beweis stellt. Nur eine halbe Stunde nachdem sein Klagenfurter Büro von der Medienpräsenz in Friesach erfahren hat, rückt Haider an, um die Hunderter doch höchstpersönlich zu verteilen.

Jubelrufe. Braun gebrannt und mit strahlendem Lächeln betritt er die Gaststube. Wo vorher sanftes Getuschel herrschte, wird nun heftig geklatscht. Zwei ältere Semester lassen sich gar zu Jubelrufen hinreißen. „Geht’s eich guat?“, fragt Haider in die Runde, nimmt sich zwei betagte Damen zur Brust und tätschelt ihre Schultern. „Fesch ist er“, flüstert eine schmachtende Pensionistin ihrer Sitznachbarin zu. Diese nickt andächtig. Andere, weniger Schüchterne, starten zu ihrem Jörg. Der hat aber inzwischen schon ein neues Ziel ausgemacht: eine junge Frau mit Baby. Wenige Augenblicke später schwebt er mit der Kleinen am Arm durch den Raum, von Smalltalk zu Smalltalk.

Die Mutter blickt ihnen verdutzt hinterher. Haider spricht mit jedem persönlich – was nicht allzu lange dauert. Friesach ist nun mal nicht Klagenfurt: Zur Auftakt­aktion der Teuerungsausgleich-Initiative am 22. Dezember waren 4000 Menschen mit Meldezetteln, Pässen und Nachweisen aller Art in das Regierungsgebäude in der Landeshauptstadt gekommen; erst nach sechseinhalb Stunden war der Andrang abgeebbt. In Friesach sind um elf Uhr lediglich 30 Personen anwesend, vorwiegend Pensionis­tinnen. Doch die sind Feuer und Flamme.

„Unser Landeshauptmann ist halt für uns da“, schwärmt Maria Taumberger, 83, aus Zienitzen. Nachbarin Wilhelmine Bergner, 79, nickt eifrig: „Die anderen Landeshauptleute behalten das Geld lieber selbst. Er ist einfach der Beste.“ Sie werden Haider auch nächstes Jahr wieder wählen. Der shakert inzwischen mit Apollonia Oberhof. „Ein Gesicht wie ein Model“, sagt er nach einem Blick auf den Reisepass. Die 77-Jährige kichert verschämt. Auch ihre Stimme hat er sicher.

Einem Mann, der trotz Minimalpension von 360 Euro pro Monat keine Ausgleichszulage erhält und so keinen Anspruch auf den Haider-Hunderter hat, drückt der Namensgeber dennoch das Geld in die Hand. Der Rentner dankt ihm überschwänglich. Eine alte Frau herzt Haider zum Abschied: „Ich bin ein armes Putzweibl, danke, dass du an uns denkst, Herr Landeshauptmann.“ Haider grinst. Der Besuch in Friesach ist ein Heimspiel.
Kritik von Wirtschaftsexperten, sein Teuerungsausgleich heize die Inflation nur weiter an, kratzt ihn nicht: „Für die Inflation ist die Einführung des Euro durch Rot und Schwarz verantwortlich, nicht der Teuerungsausgleich. Der ist eine Soforthilfe für die Schwächeren.“ Das sei nicht Populismus, sondern wirkungsvolle Politik. Seine Wähler glauben ihm.

Um halb eins sind außer Haiders Mitarbeitern nur noch drei Frauen anwesend – der Landeshauptmann selbst ist schon lange fort. Zwei Pensionistinnen stoßen mit einem Glaserl Rotwein auf ihn an, eine junge Mutter holt sich in letzter Minute ihren Geldschein. Es ist der 90. Hunderter, der heute seinen Besitzer wechselt. Im Hintergrund hört man den Koch Schnitzel klopfen – beim Josefiwirt dreht sich nun wieder alles um Nahrhaftes. Bis in einem Jahr, dann gibt es wieder einen Teuerungsausgleich. Gerade rechtzeitig vor der Landtagswahl.

Von Martina Lettner