Der Abgang des kleinen Prinzen

Herbert Lackner über Triumph und Tragik im Leben des Wolfgang Schüssel, den die Politik jetzt brutal abgeworfen hat.

Zuletzt musste alles schnell gehen. Montag vergangener Woche, neun Uhr, bat er seine ehemalige Sprecherin Heidi Glück, rasch eine Pressekonferenz zu organisieren. Um 11.30 Uhr betrat er den überhitzten Saal, wenige Minuten später war die politische Karriere Wolfgang Schüssels beendet. Als er vor 32 Jahren erstmals in den Nationalrat gewählt wurde, saß noch Bruno Kreisky auf der Regierungsbank. 18 Jahre lang war er selbst Minister und Kanzler. Zwölf Jahre hatte er die ÖVP angeführt – das hat vor und nach ihm noch keiner durchgestanden.

Jetzt hat die Politik auch ihn abgeworfen – brutaler als seine Vorgänger, und das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. Wahrscheinlich wird Wolfgang Schüssel binnen Jahresfrist vor einem Untersuchungsausschuss und vielleicht auch vor Gericht erklären müssen, wie die von ihm geführte Regierung zu einem Tummelplatz für Korruptionisten, Abzocker und Glücksritter werden konnte.

Der Finanzminister
– mit Geldkoffern aus Liechtenstein unterwegs, umschwirrt von Nehmern, die Steuerzahlen für Warmduscherei halten; der Innenminister – ein Mann, der sich selbst zu einem käuflichen Subjekt im Europaparlament herabgestuft hat; der Verkehrsminister – ein Handaufhalter der ungenierten Art; der Vizekanzler – ein Bezahl-Politiker, der für gute Dienste kassierte; die Gesundheitsministerin – verheiratet mit einem Großprovisions-Verteiler im Dienste von Waffenkonzernen.

Wie falsch ihre politischen Gegner doch die schwarz-blaue Wenderegierung eingeschätzt hatten! Hier sei nun eine rechtskonservative Law-and-Order-Truppe an der Macht, meinte man auf den schrillen Donnerstagsdemos. Heute weiß man, dass es von Beginn an weder um Law noch um Order gegangen war. Statt des Faschismus kam der Feschismus (© Armin Thurnher). Aber der war gnadenlos.

Nicht einmal seine entschlossensten Kritiker glauben an persönliche Bereicherung Wolfgang Schüssels. Der heute 66-Jährige demonstrierte zeitlebens frappierende Anspruchslosigkeit. Bis dato lebt er mit seiner Frau in einer als etwas abgewohnt beschriebenen Siebziger-Jahre-Wohnung, fährt einen Volkswagen Beetle und meidet Society-Events noch konsequenter als in seinen Kanzlerjahren. Schon damals bekam man ihn selten nach 22 Uhr zu Gesicht. Dekantieren andere teure Rote, zieht Schüssel seit jeher Bier und Schnapserl vor. Nachdem Alfred Gusenbauer während der Koalitionsverhandlungen 2003 einmal bei Schüssels zu Gast gewesen war, erzählte er verstört, dort stehe das Weinregal im Badezimmer (er selbst lagert seine guten Flaschen in einem eigens angemieteten Keller im Weinviertel). Sollte er jemals Restaurants besuchen, dürfte Schüssel eher ein Winnetou-Schnitzel als ein Schlemmermenü bestellen – der Altkanzler hält sein Gewicht seit Jahrzehnten so konstant, dass seine Anzüge immer ein wenig an den zarten Gliedern schlottern.

Wolfgang Schüssel ging weder golfen noch jagen, sondern traf sich jeden Samstag mit Freunden auf der Marswiese in Neuwaldegg zum Kicken. Nix Südsee, nix Nordkap: Die Familienurlaube werden seit jeher rituell am Wolfgangsee verbracht, wo sich die Schüssels – einziges Zugeständnis an den „Luxus“ – unlängst eine Ferienwohnung zugelegt haben. Jahrelang zog sich der asketische Politiker jeden Sommer mit Freunden für eine Woche ins Kloster Seckau in der Steiermark zurück und diskutierte Bibelworte. Als seinen Lieblingstext bezeichnete Schüssel einmal das Buch Kohelet, eines der „Bücher der Lehrweisheit“ aus dem Alten Testament. Die aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert stammenden Verse wurden offenkundig von einem recht weltmüden Pessimisten verfasst, der irdischen Genüssen wenig abgewinnen konnte. Reichtum, Prunk, Pracht und Weiber – das sei alles „Windhauch und Luftgespinst“, heißt es bei Kohelet: „Besser der Gang in ein Haus, wo man trauert, als der Gang in ein Haus, wo man trinkt.“
„Wolfgang Schüssel war der Anti-Busek der ÖVP“, befindet der Politologe Anton Pelinka klug. „Nicht bunt, sondern spartanisch-grau.“

Dabei ist Schüssel ohne Zweifel ein wohlhabender Mann. Zur Pension von 15.000 Euro monatlich kommen jährlich geschätzte 150.000 Euro für die Präsenz im Aufsichtsrat des deutschen Energieriesen RWE und etwa 30.000 Euro für den Sitz im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung. Für das prestigereiche Mandat in der eher konservativen Denkfabrik hatte Liz Mohn, die Chefin der Eigentümerfamilie, Schüssel persönlich ausgewählt, nachdem sie ihn bei mehreren Anlässen schätzen gelernt habe, wird erzählt.

Es gab durchaus schon hässlichere Geldgerüchte. 1994 etwa hatte Schüssel noch als Wirtschaftsminister den Ankauf eines Heeresradarsystems des französischen Herstellers Thompson gepusht, der in selbiger Sache zuvor einen SPÖ-Sekretär zu bestechen versucht hatte. Im Notizkalender des zuständigen Waffenhändlers Karlheinz Schreiber fand sich ein Vermerk „Schüssel“ samt einer Zahl. Beim Verfahren gegen Schreiber in München wurde der Causa nicht nachgegangen.

Wenig später veröffentlichte der Journalist Joachim Riedl eine Schüssel-Biografie, in der er, von Zeugen untermauert, behauptete, der damals 45-jährige Schüssel habe beim Wechsel vom Generalsekretärsposten des ÖVP-Wirtschaftsbunds ins Wirtschaftsministerium eine Quasi-Abfertigung in zweistelliger Millionen-(Schil-ling-)Höhe bezogen, weil er auf ein sonst übliches Rückkehrrecht verzichtet habe. Schüssel dementierte.

Andere politische Intermezzi könnten für den Altkanzler vor einem Parlamentsausschuss unangenehmer werden: Hat er nicht hingesehen, als ihn Jörg Haider bat, noch schnell in der letzten Ministerratssitzung des Kabinetts Schüssel im Februar 2007 zwei Russen die Staatsbürgerschaft zu verleihen? Die beiden Herren hatten Haider zuvor zwei Millionen Euro zugesteckt. Und wusste er wirklich nichts von jenem Initiativantrag zum Glücksspielgesetz, den sein Klubobmann Wilhelm Molterer gemeinsam mit dem BZÖ in der letzten Nationalratssitzung vor der Wahl 2006 eingebracht hatte und der so ganz nach dem Geschmack von Novomatic und Telekom war? Die hatten zuvor übrigens Walter Meischberger, den besten Freund des Finanzministers, großzügig gesponsert.

Von Karl-Heinz Grasser hatte Schüssel viel gehalten. Als letzte Machtdemonstration wollte er ihn 2007 als Vizekanzler in der Regierung Gusenbauer unterbringen. Die Partei nahm das nicht mehr hin.

Dabei war Grasser so ganz anders gestrickt als sein Förderer: In einem Alter, in dem der Kärntner mit dem Jaguar aus dem elterlichen Autohaus den sommerlichen Wörthersee entlangbrauste, zupfte Schüssel noch bei braven Jazzmessen die Gitarre und verfasste für das Blatt der Katholischen Hochschuljugend Texte wie diesen: „Mündig müssen sie werden, deine höheren Schüler, sodass jeder von ihnen wieder eine Gruppe führen könnte. Wenn ein Führer das nicht schafft, hat er versagt.“

Mit 25, Grasser wurde in diesem Alter Vizelandeshauptmann von Kärnten, begann sich Schüssel gerade als kleiner Sekretär im Parlament hochzuarbeiten. Schüssel verzichtete als Minister und Kanzler dem Vernehmen nach oft auf die Abrechnung von Spesen; Grasser verlangte gleich zu Beginn seiner Amtszeit einen rassigeren Dienstwagen.

Aber Schüssel verbindet mit Grasser die Erinnerung an jene goldenen Tage im September und Oktober 2002. Die FPÖ hatte sich gespalten, er hatte Grasser, vermeintlich ein junger Immaculatus, auf sein ­Ticket geholt und die ÖVP bei den Wahlen auf 42 Prozent hochgebracht. „Wer, wenn nicht er“, hatte die ÖVP damals stolz und ohne Fragezeichen auf die Schüssel-Plakate geschrieben. Am St. Pöltener Erntedankfest hatten ihm 35.000 Anhänger zugejubelt.

Im Finanzministerium gab es in jenem September 2002 gerade merkwürdige Vorgänge um die geplante Buwog-Privatisierung.

Im ÖVP-Parlamentsklub hatte man schon seit einiger Zeit mit einem Abgang Schüssels per Jahresende spekuliert. Was wollte er noch im Nationalrat? Seine Freunde hatten sich in alle Winde zerstreut: Ursula Plassnik ist als Chefin der Botschaft in Paris, Wilhelm Molterer ist Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg, Elisabeth Gehrer in Pension. Bloß Martin Bartenstein hält noch in der Parlamentsfraktion das verblichene Fähnlein einer zu großer Tat aufgebrochenen Truppe hoch.

So als könne niemand anderer als ein Mitglied seiner Regierungsmannschaft das schreiende Unrecht der Niederlage von 2006 ermessen, hatte Schüssel danach sein altes Team um sich geschart. Die Kontakte zum Rest der Partei blieben auf das Nötige beschränkt.

Zuletzt, als seine große Zeit plötzlich in einem so anderen Licht dastand und kaum noch einer der Freunde da war, habe sich Schüssel von seiner Partei verlassen gefühlt, erzählen Vertraute. Die Sondersitzung des Nationalrats zum Thema Korruption am kommenden Dienstag wollte er sich nicht mehr antun.

Dann war er weg, so wie am Ende der kleine Prinz, die Titelfigur des fantastischen Romans von Antoine de Saint-Exupéry, den Wolfgang Schüssel einmal als sein Lieblingsbuch bezeichnet hatte. In einer der letzten Szenen sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar.“ Und: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“