Griechenlands Banken drohen unterzugehen

Griechenlands Finanzinstitute haben in den vergangenen Jahren solide gewirtschaftet. Nun drohen sie im Strudel der Schuldenkrise unterzugehen - weitgehend unverschuldet.

Die Meldungen der vergangenen Tage waren besorgniserregend: "Die Europäische Zentralbank und die Europäische Kommission arbeiten an Notfallszenarien für den Fall, dass es Griechenland nicht schafft“, ließ EU-Handelskommissar Karel de Gucht wissen. Die genannten Institutionen pfiffen den Belgier zurück und dementierten umgehend. Doch die weltgrößte private Gelddruckerei De la Rue wittert bereits das große Geschäft und trifft Vorkehrungen für ein griechisches Euro-Aus. Man müsse sich auf alle Eventualitäten einstellen, heißt es aus dem britischen Unternehmen. Europäische Pharmakonzerne wiederum bereiten die Notversorgung der Griechen mit den wichtigsten Medikamenten vor. Man wolle eine Katastrophe im Gesundheitssektor verhindern, sollte Griechenland wegen einer Abwertung der Drachme seine Importe nicht mehr bezahlen können. Und dann meldete sich auch noch der Präsident der griechischen Zentralbank zu Wort: "Der Zustand unserer Banken ist derzeit sehr schwach“, klagte Georgios Provopoulos.

Keiner dieser Berichte war dazu angetan, das Vertrauen der Griechen zu stärken. Mit den gescheiterten Versuchen einer Regierungsbildung und den bevorstehenden Neuwahlen erreichte die griechische Misere einen neuen Höhepunkt. Offenbar glauben viele Hellenen inzwischen nicht mehr an eine Zukunft ihres Landes in der Währungsunion. Den Menschen zwischen Athen und Thessaloniki ist der Euro in der Hand lieber als die Drachme auf der Bank - sie heben ihre Ersparnisse ab. Es steht zu befürchten, dass sie damit den griechischen Kreditinstituten den Todesstoß versetzen.

Verunsicherte Kunden plündern zwar schon seit Beginn der Krise ihre Konten - vor allem Ausländer und Inhaber großer Depots zogen ihre Gelder ab -, doch durch die verfahrene politische Lage bekommt diese Entwicklung eine neue Dimension. Allein vergangene Woche büßten die Banken 900 Millionen Euro an Einlagen ein, denn mittlerweile haben auch Kleinanleger und Sparer mit dem Abheben begonnen. Insgesamt verringerten sich die Spareinlagen bei griechischen Banken laut offiziellen Zahlen seit Anfang 2010 von 195 Milliarden auf 170 Milliarden Euro im März 2012.

Dabei haben die Institute in den vergangenen Jahren recht solide gewirtschaftet und die Finanzkrise 2008 ohne größere Blessuren überstanden. Mit den toxischen Wertpapieren und den hochspekulativen Geschäften, die manch anderer europäischer Bank das Genick gebrochen haben, hatten die griechischen Banker kaum etwas am Hut. Bis 2010 musste die griechische Regierung das Bankensystem mit lediglich vier Milliarden Euro stützen - das entspricht rund 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: Deutschland musste seinen siechen Banken mit Finanzspritzen in Höhe von 13 Prozent und Irland sogar mit 23 Prozent des BIP aushelfen.

Wie robust die hellenischen Finanzinstitute im Prinzip aufgestellt waren, zeigen auch die Daten aus dem Stresstest: So konnte etwa die Alpha Bank vor Einrechnung des Stressszenarios - also des griechischen Staatsbankrotts - ein hartes Eigenkapital von 10,8 Prozent vorweisen, die National Bank of Greece (NBG) kam auf 11,9 Prozent und die 1900 auf Kreta gegründete TT Hellenic Postbank sogar auf 18,5 Prozent. Werte, von denen viele andere europäische Institute - angesichts der von der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) geforderten harten Kernkapitalquote von neun Prozent - nur träumen können.

"Was wir in Griechenland sehen, ist keine Krise der Banken, sondern eine Vertrauenskrise des Staats und des Geldes“, sagt Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der UniCredit Bank Austria.

Vor allem die hohen Bestände an griechischen Staatsanleihen werden den Banken zum Verhängnis. Die sechs größten Banken (NBG, EFG Eurobank, Alpha Bank, Piraeus Bank, ATEbank und Hellenic Postbank) sitzen auf einem Viertel der Anleihenschulden des griechischen Staats. Während andere ausländische Gläubiger in der Krise ihre Papiere abzustoßen versuchten, griffen die griechischen Banken auf Druck ihrer Regierung weiterhin zu.

Da hat sie der Schuldenschnitt der privaten Gläubiger vor wenigen Wochen massiv getroffen. Der Haircut kostete allein die vier größten Kreditinstitute rund 28 Milliarden Euro. Die höchsten Verluste aus dem Anleihentausch verbuchte mit 11,7 Milliarden Euro die NBG, die größte und älteste Geschäftsbank des Landes. Noch 2007 schrieb das einstige Vorzeigeinstitut einen Gewinn von 1,6 Milliarden Euro. Jetzt kämpft es, so wie sämtliche Mitbewerber, ums Überleben. Denn der Schuldenschnitt ging an die Substanz und ließ die Kapitalreserven schmelzen. Die Banken leben seither von der Hand in den Mund und arbeiten mit wenig bis gar keinem Eigenkapital. Technisch sind sie längst insolvent. Von den Ratingagenturen werden sie nur noch mit Ramschstatus bewertet. Deren Begründung: das Risiko eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone und ein möglicher Staatsbankrott. "Die griechischen Banken sind im Prinzip keine schlechten Banken. Aber sie haften letztlich für den Staat, das ist ihr großes Problem“, sagt Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel.

Es ist ein Teufelskreis:
Banken und Regierung sind derart eng miteinander verstrickt, dass sie sich gegenseitig schwächen. So hat die Regierung in Athen erhebliche Bürgschaften an die maroden Banken ausgereicht. Insgesamt garantiert sie inzwischen für Bankschulden in Höhe von 65 Milliarden Euro. Fällig werden die Bürgschaften im Falle einer Pleite der Bank. Das hilft aber im Fall der Fälle wenig: Schließlich ist das größte Insolvenzrisiko für die Kreditinstitute eine Pleite des Ägäis-Staats - und da ist dann auch die Staatsgarantie wertlos.

Doch die Staatsschulden sind beileibe nicht die einzige Sorge der Athener Banker. Wegen der anhaltenden Rezession drohen massenweise Darlehen auszufallen. Insgesamt haben die griechischen Finanzinstitute Kredite in Höhe von 250 Milliarden Euro vergeben. Doch immer mehr Unternehmen und Privatpersonen können diese nicht mehr bedienen. Allein 16 Milliarden Euro haben die Banken in die Finanzierung der griechischen Reedereien gesteckt, aufgrund der wirtschaftlichen Lage ist deren Einbringlichkeit jedoch fraglich. Landesweit gelten etwa 15 bis 17 Prozent der Kredite als notleidend.

Und lukratives Neugeschäft ist weit und breit nicht in Sicht. Die Kreditnachfrage ist in den letzten Jahren massiv eingebrochen. Die Wirtschaft liegt am Boden und investiert nicht mehr. Die Transaktionen am Wohnungsmarkt sind um 70 Prozent zurückgegangen, und während 2008 noch 280.000 Autos verkauft wurden, werden es heuer gerade einmal 60.000 sein. Selbst wenn die Nachfrage - was höchst unwahrscheinlich ist - in absehbarer Zeit wieder anziehen sollte, den Banken fehlt es schlicht an Liquidität, um sie zu befriedigen.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz:
Die Sparer ziehen jene Einlagen ab, welche die Banken zur Refinanzierung der Kredite benötigen. "Das Verhalten der griechischen Anleger spielt die größte Rolle bei der weiteren Entwicklung der prekären Situation“, meint CEPS-Chef Gros.

Und weil die Banken am Interbankenmarkt kein Geld mehr erhalten, hängen sie de facto am Tropf der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch die Infusionen geraten immer mehr ins Stocken. Von den üblichen Kreditlinien sind die meisten griechischen Banken derzeit abgeschnitten. Sie verfügen nicht mehr über genügend Sicherheiten, die sie bei der EZB hinterlegen könnten. Eine Alternative, um an frische Liquidität zu kommen, ist den griechischen Banken jedoch noch geblieben. Sie können die so genannte Emergency Liquidity Assistance (ELA) der griechischen Zentralbank nutzen. Und das tun sie weidlich. Doch die Kritik an diesen Krediten wächst, denn die nationale Notenbank kann Milliardensummen verleihen und selbst entscheiden, welche Sicherheiten sie dafür verlangt. Die Mittel dafür leiht sie sich selbst wiederum vom Eurosystem. So werden Schrottpapiere in harte Euro umgewandelt.

Gottfried Haber, Professor für Volkswirtschaft an der Uni Klagenfurt, ist der Überzeugung, dass die Abwärtsspirale gestoppt werden kann: "Die EU-Institutionen werden beherzt reagieren beziehungsweise reagieren müssen.“ Es gebe schließlich genügend Mittel, um die Banken zu stabilisieren.

Eine kurze Atempause ist den griechischen Banken vergönnt: Nun sollen endlich 18 Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds EFSF fließen. Insgesamt sind im jüngsten Rettungspaket für Griechenland 50 Milliarden Euro zur Rekapitalisierung der Banken vorgesehen. Mit dieser Kapitalspritze können die Banken wieder an den Geldmarktoperationen der EZB teilnehmen. Vorerst.