Schwulen-Lobby im Vatikan: Ein Monsignore packt aus

Schwulen-Lobby im Vatikan: Ein Monsignore packt aus

Ein Monsignore des Vatikan erzählt von seinem Leben als homosexueller Priester und gewährt einen Einblick, was es mit der so genannten Schwulen-Lobby auf sich hat.

Ich komme gerade vom Strand zurück. Heute hatte ich einen freien Nachmittag, und ich fuhr mit zwei Freunden, beide sind Franziskaner, nach Capocotta. Ja, das ist der römische Schwulenstrand, bei Ostia. Da fahre ich immer hin. Da ist man unter sich und kann, na Sie wissen schon, in den Büschen zwischen der Straße und dem Strand Leute kennen lernen. Heute traf ich dort einen französischen Touristen.

Zwei, drei Stunden in der Sonne, und auch in den Büschen, und dann geht’s wieder zurück nach Rom und gleich unter die Dusche.

Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus beim Vatikan, das der APSA gehört. Das ist die Immobilienverwaltung des Heiligen Stuhls. Die verfügen über zahllose Wohnungen und uns Monsignori steht die Möglichkeit offen, solche Wohnungen zu erhalten.

Das geht vor allem, wenn man gute Beziehungen hat. Und die habe ich Gott sei Dank, denn während eines Theologie- und Philosophie-Studiums hier in Rom an der Papsthochschule Gregoriana lernt man die richtigen Leute kennen. Was mir heute bei meiner Arbeit in der vatikanischen Verwaltung sehr zugute kommt. Also ich meine, wenn man offene Augen hat und natürlich auch gut aussieht. Ich sehe ja gut aus, nicht? (Er lacht.) Auch jetzt noch, mit meinen 42 Jahren. Aber als ich an der Gregoriana anfing … Da war ich ein echter Feger. Und ich meine, das ist wie das B nach dem A: unter lauter Männern, vor allem älteren, sticht ein hübscher Junge immer hervor und findet schnell jemanden, der ihn protegiert. So wird man, wie man bei uns sagt, ein „pupillo“ (italienisch für Mündel, Anm.), man könnte auch sagen, ein Augapfel.

Zum „pupillo“ wird man durch den Kontakt zu einem Bischof oder einem Erzbischof, oder – noch besser: zu einem Kardinal. Der wird dann der Förderer eines jungen Geistlichen. Ich will damit nicht sagen, dass die allesamt miteinander rummachen. Das geschieht sicherlich auch, aber in unserem Umfeld ist es oft so, dass ein älterer Mann etwas für einen jüngeren empfindet, ihm wohl gesonnen ist. Falls sich erotische Triebe regen, aber davon gehe ich aus, hält er sie zurück und bringt seine Gefühle für den Jüngeren anders zum Ausdruck, auf sublimierte Weise: Indem er den jungen Mann fördert, immer ein Auge auf ihn hat, wie eine Art Vater, und wenn dann die Studien beendet sind, nimmt er ihn in seine Entourage auf und verschafft ihm innerhalb seines Einflussbereichs einen Posten innerhalb der vatikanischen Hierarchie. Für solche Beziehungen gibt es hier im Kirchenstaat zahllose Beispiele.

Ein Fall ging ja vor einiger Zeit durch die Medien. Marco Simeon, ein junger und gar nicht mal so schlecht aussehender Mann aus Norditalien, wurde von Tarcisio Bertone, unserem Noch-Kardinalstaatssekretär – denn der wird bald durch einen neuen Mann des Papstes ersetzt werden – dabei unterstützt, in verschiedene wichtige Posten der von Laien verwalteten Kirchenorganisation zu gelangen. Gerüchte tauchten auf, dieser Marco sei ein Sohn Bertones, oder gar sein Liebhaber. Oder doch nur sein Protegé?

Klar, seine Heiligkeit, also Franziskus , liegt nicht falsch, wenn er von einer „schwulen Lobby“ im Vatikan spricht ...

Lesen Sie die Titelgeschichte von Anna Giulia Fink, Thomas Migge und Robert Treichler in der aktuellen Printausgabe oder in der profil-iPad-App.