Seid im Bild

Endlich wird im Fernsehen, der Schönheit zuliebe, auch noch operiert.

Jedes Mal, wenn ich meine von Gurkenscheiben beschwerten Augenlider hebe, werfe ich meinen süchtigen Blick auf den Bildschirm. Denn, denke ich mir, es könnte doch sein, dass es Methoden gibt, meine ramponierte äußerliche Schönheit wieder in einem ansehnlichen Maß zu restaurieren.

Und welches Medium wäre für die allgemeine Aufklärung über revolutionäre Wege der Verhübschung geeigneter als das Fernsehen? Welches Instrument, das ohnehin die feindliche Übernahme unseres täglichen Lebens zu seinem Grundprinzip gemacht hat, könnte wirkungsvoller auf die, sagen wir, Volkskörper einwirken? Andere Vervielfältigungen mögen eventuell Anregungen dafür geben, wie ein paar leibliche Necessaires wie Bauch oder Falten oder Hammerzehen beseitigbar seien – aber für den Vollkoffer ist das Fernsehen zuständig.

Das Medium hat mich nicht enttäuscht. Von nun an wird professionelle, chirurgische Hand an die tausenden Missgeburten und Verunstalteten, Verkrüppelten und Hängebusigen, Zwergschwänzigen und Nasenbären angelegt. „Schönheit um jeden Preis – Letzte Hoffnung Skalpell.“ Es blitzt wieder was in unseren Wohnzimmern, auf den Straßen werden uns bald die „Beauty Queens“ begegnen, und jeder heute noch gesichtsverschrammte Mann ist morgen schon ein potenzieller „bachelor“.

Es wurde aber auch, wenn wir uns alle so in den Spiegel schauen, höchste Zeit, dem allgemeinen Missstand der galoppierenden Unansehnlichkeit auf breiter Basis und mit allen blutigen Mitteln zu begegnen. Schließlich kann unseren Kindern doch nicht noch länger zugemutet werden, von schiefnasigen verrunzelten Eltern umzingelt zu sein. Und, was den Blickwinkel der Kinder noch verschlimmert, noch dazu von ganz individuell aussehenden Eltern. Es kann einfach nicht jeder so ausschauen, wie es seinen Genen gefallen hat, es gehört ein generalüberholter corpore sano als corporate identity her.

In anderen wichtigen Bereichen unseres Daseins werden wir ja schließlich auch schon aufklärend hingestylt. Da gibt es für alle, die noch nicht wussten, wie man zwar unfein, aber gepflegt in ein Bordell geht, „Das Geständnis – Heute sage ich alles“. Und wir wollen alles wissen, die Fernsehmacher haben das mit dem feinen Instinkt für das Kreatürliche erkannt und mahnen uns zum täglichen Erfahren: Seid im Bild!
Darum wissen wir Gott sei Dank jetzt schon, was „Das Strafgericht“ mit älteren Menschen macht, die sich „Das Jugendgericht“ nicht rechtzeitig zu Herzen genommen haben. Vermutlich sind sie sozial dermaßen verwahrlost, dass sich um sie auch noch „Das Familiengericht“ kümmern muss. Dennoch können bei unverbesserlichen Charakteren selbst die wahrhaftigsten Belehrungs-Sendungen manchmal nichts mehr zum Guten wenden, und darum erfahren wir mittels „Hinter Gittern – wie alles begann“.

Dort wacht ständig ein „Big Brother“ darüber, dass es zu keiner „Erotischen Nacht“ kommt, dort bleiben die wichtigen Organe des öffentlichen Lebens „Den Tätern auf der Spur“, und nur, wer vor dreißig Jahren ein Heimatlied jodeln konnte, darf aufbegehren: „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“. Allerdings muss er zuvor noch die Regenwürmer in Ochsenscheißmarinade verspeist haben.

Solche Sachen dürfen nicht abschätzig abgetan werden. Das sind bleibende Eindrücke, die für unser aller Leben unheimlich wichtig sind. Wer hätte vor der Erfindung des Fernsehens jemals gedacht, dass der Briefträger bei jeder zweiten Nachbarin dreimal klingelt? Wie um Himmels willen wären wir auf die Idee gekommen, dass der häufigste Scheidungsgrund darin besteht, dass die Partner einander immer weniger zuhören, weil sie immer besessener fernsehen? Niemand hätte uns erzählt, dass es in dunklen Kellern vielleicht etwas unsicherer ist als auf hell erleuchteten Plätzen.

Ich meine, so was sind ewige Wahrheiten, die uns selber nicht im Traum eingefallen wären. Und die im Fernsehen fackeln auch gar nicht lang mit den unfassbarsten Enthüllungen; alles kommt „gleich“ oder gar „jetzt“, augenblicklich nach einem lieben werblichen Hinweis auf grauenvollen Körpergeruch, und wir werden dadurch wieder ein Stück geistig reicher. Die Durchdringung unserer natürlichen Ignoranz den wesentlichen Erkenntnissen dieser Welt gegenüber ist der wertvollste Meilenstein des Privatfernsehens.

Natürlich hat es noch ein paar Lücken in seinem selbstlosen Schaffen. Schönheitsoperationen vor laufender Kamera sind schon ein brauchbarer Aufbruch in eine optisch erfreuliche Zukunft, aber noch fehlen überwältigende Schicksal-Soaps wie „So wurde ich zum Ladendieb“ oder „Was Parkplatzwächter alles sehen müssen“ oder „Der Beichtstuhl“. Gesundheitlich nützlich wären „Mein Leben als Bettnässer“ und „Ich höre doppelt“.

Derlei dringend benötigte Serien werden schon noch kommen, vielleicht gibt es auch bald Leute, die ihre letzten Minuten vom Brückengeländer aus erzählen, es wird uns nichts mehr verborgen bleiben, denn privates Fernsehen ist die öffentliche Selbstenthüllung der Gesellschaft.

Bleiben Sie dran – mehr können Sie für Ihre Gehirnwäsche nicht tun.