Sex und Mores

Ein Sittenbild nach „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch.

Ach, was muss man oft von bösen
Burschen hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
die sich stolz „Alumnen“ priesen.
Die, anstatt durch weise Lehren
sich zum Guten zu bekehren,
oftmals noch darüber lachten
und sich heimlich lustig machten.
Wer kann Ehrfurcht wieder kitten
in solch Zeiten wüster Sitten?
Man schreit: O tempora, o mores,
gibt’s unterm Kreuz denn nix wie Zores?
Gibt es noch einen frommen „Regens“,
der nicht entsetzt von Wien bis Bregenz?
Die Nachsicht, die hat auch zu gelten
für junge Leute in Sankt Pölten.
Doch nicht für die, die heuchelnd schüren
Entsagung – und dann selbst verführen.
Drum sei nun hier, was sie getrieben,
nachempfunden aufgeschrieben.

Alle hier im Lande kennen
einen, den sie Krenn benennen.
Er ist Bischof, ein geweihter,
rundum fest und bäuchlings breiter.
An Feier- wie an Wochentagen
lässt er die Sünder arg verzagen,
er weiß sich ohne Fehl und Tadel
und sucht in Zimmer, Küch’ und Stadel
nach Lastern, die er keuchend wittert,
und laut verdammt, bis jeder zittert.
Die Keuschheit ist ihm liebste Tugend,
er mahnt sie ein bei unsrer Jugend,
verursacht ganz gewaltsam Pein
mit seinem Ruf: Enthaltsam sein!
Das Land der Berge, Land am Strome
soll auch vermeiden die Kondome,
auch jeder Mann gilt als verächtlich,
der Lieb’ empfindet gleichgeschlechtlich.
Für Priester gilt nur triste Sicht:
wer Kutte trägt, kennt Lüste nicht!
Der Zölibat, der muss so bleiben,
nach oben darf die Hand nur zeigen.
Ein Pfarrer soll sich Flirt und Schmäh spar’n –
ach, Firmament, Gesäß und Nähgarn!
Nur Zucht, Buߒ vielgestaltig, Eid,
hält Krenn für die Dreifaltigkeit.

Er weiß, manch Kinder werden Biester,
da wär es gut, sie würden Priester,
bevor sie noch mit geilen Fingern
verhängnisvoll ins Unheil schlingern.
Für hoffnungsvolle junge Fälle,
die schade wär’n fürs Sexuelle,
gibt es spezielle Seminare,
dort lernen sie dann viele Jahre,
nur der Verzicht, das ist das Wahre,
vom Pubertieren bis zur Bahre.
Und wenn sie dann einmal ernannt sind,
dann freu’n sie sich, dass sie entmannt sind
durch ihr Gelöbnis, das penibel –
doch steht das nirgends in der Bibel.
Gleichwohl sind sie dem Fluch entronnen,
krennlob gibt’s nie mehr Fleischeswonnen,
fern ihnen jeglicher Verdruss ist,
weil jetzt für sie Orgas kein Muss ist.

Doch jedes Jahr, da wird es Weihnacht,
und wie’s so kommt, kommt es zur Wein-Nacht.
Wenn nur der Kerzen trauter Schein wacht,
wer gibt auf Hände, Hirn und Bein Acht?
Ganz spitze Münder, süߒ Gezüngel,
einander nah sind da die Schlingel,
manch einer hält halt pars pro toto,
ein andrer macht davon ein Foto,
und schon ist ein Skandal entstanden
wie selten noch in diesen Landen,
denn nicht Alumnen nur scharf kosen,
Regenten grapschen auch nach Hosen.
Und alle kommen sich ganz smart vor,
denn stumpf begaffen sie ein hardcore.

Es heißt: humanum est errare,
doch heißt es auch noch: Gott bewahre!
Es hilft kein Zögern und kein Schweigen,
die Kirche muss Vernunft jetzt zeigen.
Das Beispiel mag uns endlich lehren:
Den Trieben kann kein Mensch abschwören.