Der Lurch

Silvio Berlusconis wichtigster Mann: sein Strafverteidiger Ghedini

Italien. Berlusconis wichtigster Mann: sein Strafverteidiger Ghedini

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Italiens Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi droht ein weiterer "Ruby"-Prozess: Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt nun auch wegen Falschaussage vor Gericht gegen Berlusconi und seine Rechtsanwälte Niccolò Ghedini und Pietro Longo. Die drei sollen als Zeugen der Verteidigung zugunsten von Berlusconis Vertrauten ausgesagt haben, die vergangene Woche wegen Zuhälterei im Zusammenhang mit der Nachtclubtänzerin "Ruby" verurteilt wurden. Porträt von Niccolò Ghedini, seit fast zwei Jahrzehnten Berlusconis persönlicher Anwalt.

Vor langer Zeit kaufte sich Silvio Berlusconi einen Mantel, auf den er sehr stolz war. Er war noch ein Schuljunge und der Mantel ein schicker Klassiker, Marke Montgomery. Berlusconi tauchte damit in der Schule auf, wo ihn seine Mitschüler wie immer mit einer Mischung aus Begeisterung und Neid ansahen, denn der junge Silvio hatte Erfolg bei den Mädchen und immer gute Noten. Irgendjemand setzte ihm eine Fledermaus in den neuen Mantel, und als Berlusconi ihn nichts ahnend anzog, kam das Tier hektisch aus seiner Tasche geflogen. Die gesamte Klasse krümmte sich vor Lachen, der verspottete Silvio blieb stumm. Er zog seine Schlüsse aus diesem Erlebnis, das bis heute seine Beziehung zu Menschen prägt: Der Kreis der eigenen Freunde ist eng zu ziehen.

Bis heute steht der eitle 76-Jährige im Ruf, die engsten Mitarbeiter mit derselben Sorgfalt auszuwählen wie seine edlen Krawatten. Nur wenige haben es in den Hofstaat Berlusconis geschafft, die meisten haben sich so nahe an der Sonne die Flügel verbrannt. Sein Anwalt Niccolò Ghedini hat das Kunststück vollbracht, sich im allerengsten Kreis des Sonnenkönigs zu halten.

„Der meistgeklagte Mann”
Ghedini lernt Berlusconi Mitte der 1990er-Jahre über seinen damaligen Chef in der italienischen Strafkammer kennen. Der junge Anwalt verfällt dem Charisma, das bis heute auf einen beachtlichen Teil der Italiener wirkt. Wenig später macht Berlusconi ihn zu seinem wichtigsten Strafverteidiger, seither führt er die Anwaltshundertschaften jenes Politikers an, der sich als "der meistgeklagte Mann in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnet. Mit einem Jahresgehalt von 1,3 Millionen Euro gehört Ghedini zu den reichsten Parlamentariern, das Geld bringt aber nicht nur sein bester Kunde ein. Ghedini stammt aus einer großbürgerlichen Familie aus dem venezianischen Padua, es gibt ein Familienwappen, Dutzende Anwesen und Ländereien. Seit 400 Jahren schon bringt sie Anwälte hervor.

Über 30 Anzeigen gegen Berlusconi
Vor 20 Jahren ging Berlusconi in die Politik, in dieser Zeit wurde er angezeigt wegen Bilanzfälschung, Bestechung von Politikern, Finanzpolizei und Justiz, wegen Meineides, rechtswidriger Beihilfe, unlauteren Wettbewerbs, wegen Steuerbetrugs, Bruches des Amtsgeheimnisses und Mafia-Vergehen. Über 30 Anzeigen zählt man mittlerweile; selbst im Falle einer Verurteilung hat Berlusconi noch nie eine Strafe verbüßen müssen. Der Großteil der Erfolge Ghedinis geht auf die Strategie zurück, die Verfahren so hartnäckig in die Länge zu ziehen, bis die mutmaßlichen Straftaten verjähren. In seiner Funktion als Abgeordneter und später als Senator war Ghedini vorwiegend damit beschäftigt, für seinen Herren Strafgesetze maßzuschneidern: Er ließ Verjährungsfristen verkürzen und Gesetze schaffen, die Träger der höchsten Staatsämter vor Strafverfolgung schützen.

Lebensaufgabe
Die Verteidigung Berlusconis ist für den 53-Jährigen zur Lebensaufgabe geworden. Ghedini stellt sich den Journalistenhorden vor Gericht, während Berlusconi selbst nicht einmal zum Prozess erscheint. Er sitzt mit am Tisch, wenn die Familie bespricht, ob Tochter Marina Vater Silvio allmählich politisch beerben soll. Und er zieht durch die Talkshows im italienischen Fernsehen, um für jenen Mann in die Bresche zu springen, "den ich wie meinen Bruder verteidige“, von dessen Unschuld er ehrlich überzeugt scheint und für den er nachts das Handy eingeschaltet lässt.

Stur, pedantisch und fleißig
Der großgewachsene Paduaner mit der rahmenlosen Brille, den hervorstehenden Augen und dem leicht schütteren Haar sprüht nicht vor Charme, er ist weder telegen noch rhetorisch versiert. Er gilt als stur, pedantisch und fleißig, vor allem aber treu bis zur Selbstverleugnung - so sehr, dass es manchmal weh tut beim Zuschauen. "Ich gehe nicht gern ins Fernsehen, wo ich automatisch die Rolle einnehme, die von mir erwartet wird und in der ich dann auch entsprechend zerfleischt werde“, sagte Ghedini gegenüber der linksliberalen Tageszeitung "Repubblica“. Es sei nun mal seine Pflicht.

Der Lurch
Die Italiener nennen Ghedini "Lurch“, wie den schlecht gelaunten Butler der Addams Family, der an Frankenstein erinnert. Es gibt massenweise Ghedini-Parodien. In einer der netteren sieht man ihn in seiner Amtstracht, mit unzähligen Ordnern unter den Armen, wobei er aussieht wie eine Fledermaus, die ihren Opfern das Blut aussaugt. "Für die Hälfte des Landes bin ich ein Dämon“, sagt Ghedini über sich: "Einer ohne Gewissen, der alles für Geld macht. Ich habe diesen Mann aber wirklich gerne, und ich glaube tatsächlich, dass Berlusconi ein Opfer ist.“

Ende Juni verurteilte ein Mailänder Gericht ihn in erster Instanz zu sieben Jahren Haft wegen Amtsmissbrauchs und Sex mit einer damals noch minderjährigen Tänzerin. Am 30. Juli entscheidet das Oberste Gericht in einem anderem Prozess, ob Berlusconi in letzter Instanz wegen Steuerbetrugs zu vier Jahren Haft und dem Ausschluss aus allen öffentlichen Ämtern verurteilt wird. Das Oberste Gericht war Ghedini zuvorgekommen und hatte die Verhandlung überraschend vorverlegt, um einer möglichen Verjährung zuvorzukommen. Und auch der Antrag, den Prozess wegen Formalfehlern später stattfinden zu lassen, war abgewiesen worden.

Kurz darauf engagierte der Ex-Premier einen weiteren Anwalt und stellte ihn an die Seite Ghedinis. Es war eine Wende in der Beziehung der beiden, der degradierte Ghedini kommentierte sie mit keiner Silbe. Die alte Feindschaft zwischen Berlusconi und der Justiz gefährde das Verfahren, spekulierten italienische Medien. Der Tonfall müsse entschärft werden, Berlusconis treuer Weggefährte stehe seinem Meister zu nahe. An vorderster Front kämpft nun Franco Coppi, der ehemalige Anwalt des legendären Politikers Giulio Andreotti. Er wurde 27 Mal angeklagt - und kein einziges Mal verurteilt.