Wie verletzlich müssen Songwriter sein, Herr Altziebler?

Der Musiker Georg Altziebler alias Son of the Velvet Rat im Gespräch über Meeressehnsucht, Wut als Katalysator für gute Songs und seine temporäre Wahlheimat USA.

Interview: Christoph Hüttner

profil online: Wirkt man als Songwriter authentischer, wenn man sich besonders verletzlich gibt?
Altziebler: Ich glaube, sobald man anfängt, etwas vorzutäuschen, ist man schon verloren. Wenn man nicht alles an vorhandenen Emotionen einfließen lässt, sondern versucht sich zu verstecken, wird das der Zuhörer sofort merken. Es freut mich, wenn meine Musik etwas auslöst. Ich habe auch viele berührende Begegnungen mit Fans, die sich meine Songs in extremen Situationen anhören und sich davon Linderung versprechen. Aber diese Verantwortung darf man nicht zu nah an sich heran lassen, das halte ich eher von mir fern. Aber ich habe das Gefühl, dass meine Songs manchen Menschen sehr, sehr viel bedeuten.

profil online: Ihr neues Album „Firedancer“ wirkt nun vergleichsweise fast optimistisch, einige Songs sind richtiggehend beschwingt. Haben die Studiomusiker, mit denen Sie nun erstmals arbeiteten, zu dieser Veränderung beigetragen?
Altziebler: Die Musiker, die man hat, prägen den Sound mit. Und ich wollte diesmal wieder elektrische Gitarren haben. Auf „Red Chamber Music“ war, glaube ich, keine einzige zu hören. E-Gitarren sorgen schon an sich für forschere Musik. Ich finde auch, dass es ein positives, lebensfrohes Album geworden ist, aber es hat seine Schattenseiten, sonst wäre es ja auch nicht gut.

profil online: Nach den amerikanischen Einflüssen bei den Vorgängeralben, klingt bei „Firedancer“ teilweise ein europäischer Flair durch. Haben Sie das von Beginn weg so beabsichtigt?
Altziebler: Das hat zwei Gründe. Bei dieser Platte spielten erstmals Musiker meiner Liveband, wie Albrecht Klinger und Anne Weinhardt am Bass und am Schlagzeug im Studio mit. Dazu kommt, dass wir in Graz in einem Studio namens Garaža gearbeitet haben. Das ist richtig Vintage, von Sasa Prolić in seiner eigenen Garage eingerichtet. Er ist aber auch ein wunderbarer Gitarrist und ich nahm mit ihm zunächst ein paar Tonspuren auf, analog auf einem Tonband, was ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht habe. Zu den Albumaufnahmen kamen dann Freunde von ihm aus der bosnisch-serbischen-mazedonischen Community, die großartige Musiker sind und uns mit Gitarre, Trompete und Saxophon unterstützt haben.

profil online: Sie pendeln halbjährlich zwischen Österreich und Kalifornien. Spielen Sie in den USA auch öfters live?
Altziebler: Ich spiele dort schon, aber ich bin auch ganz froh, wenn ich ab und zu eine Pause einlegen kann. Aber Ende Oktober wird es eh schon wieder weitergehen. Ich habe mir gedacht, wenn ich dorthin ziehe, kann ich auch gleich ein neues Projekt starten. Das heißt, dass ich dort nur zusammen mit meiner Frau auftreten und einen anderen Bandnamen verwenden werde, nämlich Black Mandolin.

profil online: Sie thematisieren musikalisch auch den Tod Ihres Vaters – mit dennoch positiven Untertönen?
Altziebler: Ich will niemandem Hoffnung verkaufen, aber die Dinge für mich selbst nicht zu trübe werden lassen. Wenn etwas nur traurig ist, ist es auch fad. Mein Ausgangspunkt war oft nicht Trauer, sondern eher Wut – und Wut ist ein guter Katalysator für Songs.

profil online: Ihre Songs sind immer wieder von Naturmetaphern durchdrungen. Woher kommt etwa Ihre Meeressehnsucht?
Altziebler: Ich habe oft das Gefühl, dass ich nirgends wirklich zuhause bin. Wenn ich durch Österreich fahre, finde ich es zwar schön hier. Aber fühle ich mich auch zuhause? Nein. Ich kann ebenso gut in Bali herumhängen. Das Meer ist eben ein Ort, den ich gerne aufsuche. Es hat mich immer inspiriert.

profil online: Was bedeutet Ihnen der Albumtitel „Firedancer“?
Altziebler: Ehrlich gesagt: Ich weiß es selbst nicht so genau. „Firedancer“ kann der Staubpartikel über dem Krematorium sein, aber auch jemand, der mit Fackeln Kunststücke vollführt. Das Spektrum ist da weit.

profil online: Welche Rolle spielt Humor in ihren Texten?
Altziebler: Texte können ruhig finster sein, aber sie müssen einen gewissen Witz haben. Ich wünsche mir auch bei meinen eigenen Songs, dass sie mehrdimensional seien – emotional und dennoch mit Witz und Biss. Von Leonard Cohen sagen alle, seine Musik sei so traurig, aber wenn man genauer hinhört, hat sie auch extrem witzige Seiten.

Zur Person
Georg Altziebler, 53, wird unter dem Projektnamen Son of the Velvet Rat mit „Firedancer“ Ende September sein siebtes Studioalbum veröffentlichen. Dieser Tage stellt er seine neuen Songs live unter anderem in Wien und Innsbruck vor. Großgeworden mit Georges Brassens und Townes Van Zandt, trieb es den Grazer Musiker mit seinen ersten beiden Bands Pure Laine und Bloom05 zunächst in rockigesTerrain. 2003 machte er sich als Son of the Velvet Rat selbständig. Auf dem neuen Album verbindet er Melancholie und Lebensmut mit in seinem Oeuvre bislang ungekanntem Groove. Während einige der mit Americana durchtränkten Vorgängeralben noch in Nashville produziert wurden, hat Altziebler „Firedancer“ in Graz eingespielt.

Liveauftritte
19.09. Kulturhauskeller, Straden
20.09. Kamot, Klagenfurt
21.09. Rockhouse Salzburg
25.09. Porgy & Bess, Wien
26.09. P.P.C., Graz
27.09. Theater am Saumarkt, Feldkirch
28.09. Treibhaus, Innsbruck