Sonderfall Zilk: Mehrere Öster­reicher wurden vor Gericht gestellt, Zilk blieb ungeschoren

Im Zuge einer Spionageaffäre 1968/69 wurden mehrere Öster­reicher als Informanten des CSSR-Geheimdiensts vor Gericht gestellt. Zilk blieb ungeschoren, ein dazugehöriger Stapo-Akt ist unter Verschluss.

Von Christa Zöchling

Im Herbst 1968 ist es um Helmut Zilk auffallend still geworden, keine Medienberichte, keine gesellschaftlichen Auftritte. Der umtriebige Fernsehdirektor scheint sich in den Wochen nach der Zerschlagung des Prager Frühlings aus der Öffentlichkeit zurückgezogen zu haben. Am 6. September hatte sich Zilks Verbindungsmann zum tschechischen Auslandsgeheimdienst, Presseattaché Ladislav Bittmann, nach München abgesetzt. Der Überläufer nahm dort Kontakt mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA auf und bat um Asyl in den USA.

In einem Interview mit dem Grazer Historiker und Geheimdienstexperten Siegfried Beer im Jahr 1997 sagte Bittmann, ein Asylantrag in Österreich erschien ihm zu gefährlich, da die österreichische Geheimdienstszene damals „von östlichen Diensten unterwandert“ war. Er sei den Amerikanern bis heute dankbar, dass sie ihm ein neues Leben mit neuer Identität und eine Hochschulkarriere fernab jeder Agententätigkeit ermöglicht hatten. In seine Heimat konnte Bittmann lang nicht zurückkehren. Der Ex-Agent war in der CSSR in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Präsident Vaclav Havel hat ihn später begnadigt.

Zilks zweiter Verbindungsmann , der Überläufer Jiri Starek, Kulturattaché an der tschechischen Gesandtschaft, hatte sich im Herbst 1968 dennoch für Österreich entschieden und engagierte sich in den darauffolgenden Jahren für die aus der CSSR vertriebenen Intellektuellen. Im Eigenverlag veröffentliche Starek 1974 eine Dokumentation über Repressalien gegen tschechische Regimegegner. Bittmann und Starek waren – wie viele Agenten des tschechischen Auslandsgeheimdienst Rozvedka – Reform­anhänger gewesen, und als am 21. August ­sowjetische Truppen in Prag einmarschierten, traten sie noch am selben Abend im Österreichischen Fernsehen gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings auf. Damit war klar, sie konnten nicht mehr zurück.

Während seines zweimonatigen Aufenthalts in Deutschland enttarnte Bittmann nach Angaben der österreichischen Staatspolizei einige Österreicher, die im Dienst des tschechischen Geheimdiensts standen. Man kann davon ausgehen, dass Bittmann vor allem jene verriet, die für die Hard­liner beim Inlandsgeheimdienst StB tätig waren, der innertschechischen Konkurrenz zur Rozvedka, und die Rolle der anderen ­herunterspielte. Heute noch dementiert Bittmann – gegen alle Evidenz der jetzt aufgetauchten Akten –, er hätte Zilk für dessen Informationen bezahlt. Nach der Flucht der Agenten Bittmann und Starek wurde Österreich von einem Spionageskandal erschüttert, der bis in die Staatspolizei hineinreichte. Im Zuge dieser Affäre wurden 268 Verdächtige überprüft, auch Helmut Zilk.

Am 25. Oktober 1968 wurde Josef A., ein Redakteur des Bundespressediensts, verhaftet und zu zehn Monaten Kerker verurteilt. Der 42-Jährige verteidigte sich, er sei vom tschechischen Geheimdienst (StB) wegen einer Liebesaffäre unter Druck gesetzt worden. Um seine Ehe zu retten, habe er eingewilligt, jedoch „lediglich politische Analysen nach journalistischen Methoden“ übermittelt. Im Zuge der Gerichtsverhandlung im Dezember 1968 stellte sich heraus, dass der Journalist dafür 72.000 Schilling bekommen hatte, was ein Geheimdienstexperte damals mit den Worten „Es gibt keinen Geheimdienst der Welt, der wertlose Nachrichten mit erheblichen Summen honoriert“ kommentierte.

Verhaftungswelle. Kurz danach wurde der ehemalige Staatspolizist Johann A., der zu diesem Zeitpunkt bereits als Privatdetektiv arbeitete und drei Dutzend Kriminalbeamte als Zuträger eingespannt hatte, zu zweieinhalb Jahren verurteilt. Einer seiner Helfer, der Rayonsinspektor Norbert K., hatte Durchschriften von Vernehmungsprotokollen mit CSSR-Flüchtlingen an den StB geliefert. Das Urteil: 20 Monate. Ein noch aktiver Staatspolizist wurde versetzt. Mitte November wurde ein Wirtschaftsjournalist wegen Spionage für die Tschechen angeklagt.

Zwei Tage später sorgte eine Affäre im Zentrum der Macht für helle Aufregung. Alois Euler, Pressesprecher des damaligen Innenministers Franz Soronic (ÖVP) und Mitarbeiter der ÖVP-Zentrale, wurde festgenommen. Er stand unter Verdacht, geheime Verschlussakten – unter anderem Einsatzpläne des österreichischen Bundesheers während der CSSR-Krise – an den tschechischen Geheimdienst geliefert zu haben. Noch im Dezember 1968 wurde ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu dem glamourösen Fall eingerichtet. Wie aus dem Abschlussbericht vom Oktober 1969 hervorgeht, hatte Bittmann den entscheidenden Hinweis auf Euler gegeben, doch auch der deutsche Bundesnachrichtendienst war bei der Enttarnung behilflich ­gewesen, weil sich Euler eine Zeit lang als Doppelagent versucht hatte.

In den Jännertagen des Jahres 1969 , als immer neue Details bekannt wurden, hatte Zilk seine Geheimdienstkontakte längst stillgelegt. Doch in der Prager Zentrale des StB fragte man sich verwundert: „Starek (…) ist im September abgesprungen und wurde von der österreichischen Fremdenpolizei verhört. (…) Warum gibt es (in Österreich) keine Maßnahmen gegen Zilk? Arbeitet er für feindliche Dienste? Quittungen und Tonbänder sind Möglichkeit der Kompromittierung“ (Aktennotiz vom 24.1.1969).

Ende Mai stand dann Euler vor Gericht. Er habe „nur hausmeisterlichen Tratsch“ an die Tschechen weitergegeben, verteidigte er sich. Euler wurde zu drei Jahren schweren Kerker verurteilt. Franz N., ein Beamter des Handelsministeriums, wurde für die Weitergabe von statistischem Material an den CSSR-Geheimdienst mit neun Monaten bestraft. Sechs Wochen danach, am 8. Juli 1969, hielt der StB in einer Aktennotiz fest, dass „die österreichische Staatspolizei voll vom Stand unserer Beziehungen mit Zilk informiert (ist). Es wurde mit ihm auch schon ein Gespräch geführt.“ Gemessen an diesen Urteilen hatte Zilk „maßloses Glück oder mächtige Freunde“, sagt der Grazer Historiker Beer. Auch der Einwand von Zilks Fürsprechern, Zilk habe sich ausbedungen, „nicht zum Schaden Österreichs“ zu arbeiten, wurde in einem anderen Fall ganz anders gewertet.

Im September 1971 wurde abermals ein Redakteur des Bundespressediensts verurteilt. Der Beamte hatte für seine Informationen an den Bittmann-Nachfolger an der CSSR-Botschaft, Miroslav Janku, gerade einmal ein paar Geschenke und Spesenersatz angenommen. Der Richter entschied, für den Tatbestand der Spionage sei es „nicht erforderlich, dass die im Einzelnen weitergegebenen Nachrichten besonders geheime Umstände betrafen“, auch müsse dies nicht „im konkreten Einzelfall wirklich für Österreich nachteilig gewesen sein“.

Zilk war offenbar ein Sonderfall. Und er ist es bis heute. Ein staatspolizeiliches Dossier, das vielleicht die Frage beantworten könnte, warum gerade Helmut Zilk geschont wurde, befindet sich im Innenministerium unter Verschluss. Der Historiker Beer findet den Umgang mit dem Fall Zilk beschämend. „Historische Wahrheitsfindung erscheint heute für Prag wichtiger denn für Wien. Die Archive der österreichischen Geheimdienstorganisationen werden der systematischen Versperrung oder Vernichtung preisgegeben.“