Warum nehmen Sie so leicht Abschied, Frau Hunger?

Sophie Hunger - Warum nehmen Sie so leicht Abschied, Frau Hunger?

Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger über die Misere der Musikindustrie, ihr Leben als moderne Nomadin und die Förderpolitik der Schweiz.

Interview: Philip Dulle

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"The Danger of Light“, Ihr aktuelles Album, haben Sie in der Schweiz, in Los Angeles und Frankreich aufgenommen. Warum so unstet?
Hunger: Ich wurde herausgefordert. Die vielen Studios, die unterschiedlichen Musiker - das war primär die Idee meines neuen Produzenten Adam Samuels. Er wollte wissen, wie ich außerhalb meines gewohnten Rahmens funktioniere.

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Verliert man da nicht leicht auch den Boden unter den Füßen?
Hunger: Die Angst hatte ich natürlich. Aber Musik ist vor allem ein Zusammenspiel, das sich erst durch unterschiedliche Einflüsse wirklich entfaltet. Diktatorisches Denken hilft da nicht weiter.

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Auch in Ihren Texten findet sich diese Lust an der permanenten Veränderung. Hat das mit Ihrer Kindheit in einer Diplomatenfamilie zu tun?
Hunger: Mit Analysen bin ich vorsichtig. Ich versuche nicht, mich selbst zu lesen. Aber loslassen kann ich schon gut, wenn Sie das meinen. Manchmal zu gut. Ich habe keine wirklich starken Bindungen.

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Wollten Sie sich mit Ihrer aktuellen CD als Musikerin auch internationalisieren?
Hunger: Das stimmt wohl. Mittlerweile habe ich zumindest die Sicherheit, mit allen möglichen Musikern zu spielen. Was ich sagen kann: Ich möchte mich nicht zurückentwickeln.


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Wo sehen Sie die Hauptveränderungen in der Musikszene der letzten Jahre?
Hunger: Als ich anfing, Musik zu machen, war das ganze Download-Zeug schon im vollen Gang. Ich kenne also nur die Misere. Heute funktioniert unsere Arbeit durch individualisierte Strukturen, die wir ständig neu erfinden müssen. Die alten Muster des Musikbusiness gelten nicht mehr. Ein wenig regiert wieder die Anarchie.

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Was soll Ihre Musik im Hörer bewirken? Wollen Sie ihn zum Nachdenken bringen?
Hunger: Nein, das fände ich anmaßend. Außerdem glaube ich nicht, dass ich etwas erklären könnte, was die Menschen nicht bereits wissen. Meine Songs sind Geschichten, die rund um mich passieren: Erinnerungen von früher - oder auch nur Ideen, die meiner Fantasie entspringen. Missionieren will ich nicht.

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Sie haben heuer einen Förderpreis des Kantons Zürich erhalten, für den Sie auch kritisiert wurden. Sind Sie als international erfolgreiche Musikerin auf Förderungen angewiesen?
Hunger: Diese Subventionen machen nur drei bis fünf Prozent des Budgets aus. Ob es richtig war, mir den Förderpreis zu verleihen, kann ich nicht beantworten. Ich habe mich geehrt gefühlt, mehr nicht.

Sophie Hunger, 29,
bürgerlich Emilie Welti, wuchs als Tochter einer Diplomatenfamilie in der Schweiz, in Großbritannien und Deutschland auf. Mit ihrem Album "1983“ (2010), das sie auf Tourneen durch Nordamerika und Europa führte, wurde die Wahlzüricherin einem internationalen Publikum bekannt. Ihre Songs, die zwischen düsterem Chanson, Folkpop und vertrackten Jazz-Arrangements changieren, singt sie in Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch und Deutsch.

Am 22. November gastiert Sophie Hunger im Wiener Konzerthaus.