Spion im Hause Habsburg

Adel & Nazis, Teil 3. Leopold Salvator wurde in der Kapuzinergruft bestattet. Seine Erben wollen NS-Opfer-Entschädigung. Was bis heute niemand weiß: Der Habsburger war Spion des Dritten Reichs.

Die Geschichte wirkt, als wäre sie einem Agentenfilm entnommen. Die Handlung: erfüllt vom Irrationalen und Realen, das im Verhältnis zwischen Adel und Nationalsozialismus möglich war. Orte der Handlung: Wien, Paris, Berlin, Moskau. Handelnde Charaktere: vom opportunistischen Kollaborateur bis zum NS-Gegner, vom Spitzenmann der Gestapo bis zum Enthüller. Der Fall: bis heute vollkommen unbekannt.

Er ist ein besonderer Fall in der Geschichte des heimischen Adels im Nationalsozialismus, über die als Ganzes bisher wenig bekannt ist. Adelige wurden wie Hitler-Attentäter Stauffenberg als NS-Gegner hingerichtet, andere unterstützten das Regime aktiv und gewaltsam als hohe SA- und SS-Leute. Einem Teil wurde alles genommen, andere bedienten sich (siehe auch Titelgeschichte „Der Adel und die Nazis“, profil 22/04, und Folge zwei, profil 23/04).

Die Hauptfigur in dem bisher unbekannten Fall „Spion im Hause Habsburg“ ist Erzherzog Leopold Maria Salvator. Er lebt so grenzgängerisch wie standeswidrig. In New York wird er 1930 gemeinsam mit einem angeblichen britischen Geheimdienstmann mit der legendären Halsband-Affäre in Zusammenhang gebracht: dem Diebstahl eines Colliers, das Napoleon einst seiner Frau Maria Luise verehrt hatte. In der Wiener Bristol-Bar trägt er den Orden vom Goldenen Vließ an einem Sportanzug. In einem Nachtlokal soll er 1935 gerufen haben: „Nur der Hitler kann uns retten, spielt’s das Horst Wessel-Lied!“ Oft in finanziellen Nöten, kämpft er um sein künftiges Erbe und lässt seine Mutter Blanka von Castilien anzeigen: Sie enthalte ihm seinen Teil am berühmten „Rainerschmuck“ vor, den die alte Dame wiederum vor den Nazis in einem Ofen auf Schloss Hernstein vergeblich zu verstecken versucht. 1938 ist er 41 Jahre alt.

Ihm gegenüber steht der um sieben Jahre jüngere SS-Hauptsturmführer Johann Sanitzer, eine der Schlüsselfiguren in der Gestapo-Zentrale Wien. Er erkennt zielsicher die Bereitwilligkeit des Aristokraten zur Kollaboration.

Hinzu kommt der jüngere Bruder des Erzherzogs, Anton Salvator, verehelicht mit Ileana, der Lieblingstochter des rumänischen Königs Caroll II. Antons Familie steht unter besonderem Schutz Hitlers, der auf das rumänische Königshaus setzt und der Königinmutter Blumen ans Sterbebett bringen lässt. Anders als sein Bruder Leopold kämpft Erzherzog Anton Salvator auf höchster Ebene um das von den Nazis beschlagnahmte künftige Erbe: Er spricht direkt in der „Führer“-Kanzlei vor, auch Himmler und Göring treten für rasche Erledigung seiner Sache ein.

Hauptfigur ist auch Otto von Habsburg, Chef im früheren „Haus Österreich“ und Oberhaupt der weit verzweigten Familie der Habsburger. Otto ist entschiedener Gegner Hitlers, wird wegen Hochverrats gesucht. Um ihn sammelt sich ab 1938 in Paris die legitimistische Opposition, die in Otto den legitimen Herrscher Österreichs sieht. Otto versucht, eine österreichische Exilregierung zu etablieren, hat weit reichende politische Kontakte: Den französischen Ministerpräsidenten Edouard Daladier etwa trifft er im Juli 1939 über Intervention des US-Botschafters in Paris, William C. Bullit.

Dass ein Mitglied des Hauses Habsburg als Spion für Hitlers Geheimpolizei und gegen den Chef der Familie gearbeitet hat, wurde vor kurzem zufällig entdeckt: vom Wiener Historiker Hans Schafranek, spezialisiert auf Erforschung der Geheimagenten, die gegen das Dritte Reich eingesetzt waren. Er arbeitet das Schicksal der sowjetischen Fallschirm-Agenten auf, die nach ihrer Gefangennahme von Gestapo-Mann Sanitzer unter Todesdrohung gezwungen wurden, aus Wien Desinformation an ihre Nachrichtenzentralen zu funken. Schafranek bekam das wichtigste Dokument aus dem Moskauer Zentralarchiv des Abwehrdienstes, früher KGB: Es sind die Aussagen Sanitzers vor Verhörspezialisten des Ministeriums für Staatssicherheit der UdSSR. Das Archiv ist grundsätzlich nicht zugänglich, die jahrelangen Forschungen des Wiener Historikers wurden von der Volkswagen-Stiftung gefördert. profil kann daraus den Fall des erzherzöglichen Agenten erstmals veröffentlichen.

Johann Sanitzer war ein „höchst aktiver Beamter“, der nach Beschreibung seiner Chefs auch „bald im RSHA (Reichssicherheitshauptamt Berlin) auffiel“. Nach seinen großen Erfolgen beim Einsatz von V-Leuten und Agenten profilierte er sich als Spitzenmann im Referat für Spionageabwehr. So genannte „verschärfte Vernehmungen“ waren unter Sanitzer üblich, er schlug selbst Menschen blutig oder ließ prügeln. Im Jänner 1949 wurde er in Wien zu lebenslangem Kerker verurteilt, im Februar wurde er an die sowjetische Staatssicherheit ausgeliefert. In Moskau zu 25 Jahren Haft verurteilt, kam er 1955 nach Österreich zurück, blieb in Freiheit und starb zwei Jahre später.

Erzherzog Leopold Salvator wurde 1897 als Sohn von Erzherzog Leopold Salvator und Blanka von Castilien, Prinzessin von Bourbon, geboren. Er gehörte der Toscana-Linie der Habsburger an. Nach dem Ende der Monarchie verzichtete er mündlich auf die Zugehörigkeit zum Hause Habsburg, versuchte sich im Hopfenhandel, heiratete in „nicht hausgesetzmäßiger Ehe“ Dagmar Baronesse von Nicolics-Podrinje. Der später geschiedenen Ehe entstammt sein einziges Kind Maria Gabrielle. 1931 verlobte er sich in Paris mit Alice Gibson Coburn, die einer bekannten kanadischen Familie entstammt.

Die Aussagen Sanitzers in Moskau sind laut Historiker Schafranek im Wesentlichen zuverlässig. Im Fall von Erzherzog Leopold Salvator stimmen sie, soweit überprüfbar, mit dem Inhalt zeitgenössischer Akten über den Erzherzog überein.

Militärgeheimnis. Was die militärischen Informationen angeht, die Gestapo-Mann Sanitzer von seinem Spion Leopold Salvator bekommen haben will, kontaktierte profil das renommierte Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam. Sanitzer sagte in Moskau aus, Leopold Salvator habe ihm vor dem deutschen Einmarsch in Frankreich 1940 einen Bericht übergeben, in dem „alle französischen U-Boot-Stützpunkte und die Zahl der U-Boote angegeben waren“.

Kann jemand wie Erzherzog Leopold solch wichtige Informationen überhaupt bekommen haben? Bernhard Chiari vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt: „Grundsätzlich ist es möglich, dass eine Person mit Zugang zu französischen Regierungskreisen strategische Informationen etwa über den Stand der französischen U-Boot-Waffe in Erfahrung gebracht hat.“ Und weiter: „Es gibt vergleichbare Fälle, wo die Informationsbeschaffung unterschiedlicher Geheimdienste in dieser Weise funktioniert hat.“

Sanitzer nennt auch eine weitere adelige Kollaborateurin: „Die Gräfin Seilern kam zu mir und erklärte mir, sie wolle die Gestapo über eine legitimistische Geheimgesellschaft aus den höchsten Adelskreisen informieren.“ Bekannt war bisher die Zeugenaussage von Emilie und Paul Seilern gegen Baron Ladislaus Döry von Jobbahaza, der 1943 hingerichtet wurde.

„Warum sollten Adelige anders gewesen sein? Ich denke, dass es aber auch hier eher die Gestrauchelten waren, die sich dem NS-Regime zur Verfügung stellten“, meint der Historiker Stephan Malinowski. Er hat in „Vom König zum Führer“ den Weg tausender Adeliger in den Nationalsozialismus in Deutschland beschrieben.
Angehörige des Hochadels als NS-Spione fand Malinowski bisher nicht: „Potenziell hatten sie durch ihre internationalen Kontakte jedoch gute Voraussetzungen für Spionagearbeit.“

Erzherzog Leopold Salvator verstarb im März 1958 im US-Bundesstaat Connecticut. Seine letzte Ruhestätte fand er in der Kapuzinergruft in Wien.
Seine Geschichte als Gestapo-Kollaborateur ist aktuell politisch brisant: Die Habsburger fordern als NS-Opfer Entschädigung und Wälder und Schlösser zurück – die beiden Enkel Leopolds sollen im Falle der Rückgabe je 1,56 Prozent des auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzten Vermögens bekommen. profil ließ Karl Habsburg, dem ältesten Sohn Ottos, das Moskauer Dokument übermitteln. Karl Habsburg ließ erklären, er wolle keinen Kommentar abgeben.

Literatur: Thomas Mang: „Gestapo-Leitstelle Wien“, Lit Verlag, 2003; Baier/Demmerle: „Otto von Habsburg“, Amalthea, 2002; Stephan Malinowski: „Vom König zum Führer“, Akademie Verlag, 2003; Archiv Heraldisch-Genealogische Gesellschaft „Adler“, Wien; Akten aus: Zentralarchiv des Ministeriums f. Staatssicherheit Moskau, Archiv der Republik und Dokumentationsarchiv d. Österr. Widerstands Wien.