SPÖ: Unsanft angekommen

Mit Alfred Gusenbauer hat eine 25 Jahre alte Seilschaft den Marsch durch die Institutionen beendet. Die Generation SJ übernimmt die Macht – unter dem Protest ihrer Nach-Nachfolger.

Melodische Dissonanzen werden mit Verve überbrüllt, aber der Text sitzt sicher: „So fliege, du rote Fahne, voran dem Wege, den wir zieh’n. Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer, wir sind die Arbeiter von Wien.“ Auf jeder Demo stimmt die Sozialistische Jugend das Klassenkampflied an, unterbrochen von der Wutparole: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten.“

Es ist ein Aufstand gegen ihre Vor-Vorgänger, die dasselbe Lied sangen. Er würde sich gern darüber freuen, dass die Generation SJ die Macht übernimmt, sagt SJ-Vorsitzender Torsten Engelage – aber: „Sie haben verraten, wofür sie in den achtziger Jahren eingetreten sind.“

Die Friedensbewegung, Demos gegen die erste Generation der Abfangjäger, Kampf gegen Atomkraft und für höhere Löhne in Nicaragua – die Mixtur aus Rebellion gegen die SPÖ-Spitze und den Rest der Welt, Sozialromantik und marxistischem Überbau führte vor 25 Jahren eine Gruppe junger Sozialisten zusammen. Gemeinsam waren sie aufgebrochen, die Partei und die Welt zu verändern. Nun ist die „Generation SJ“ angekommen. Die Aushängeschilder der roten Parteijugend der siebziger und achtziger Jahre führen Staat und SPÖ.

„Wenn ich aus der Politik ausscheide, mache ich ein Personalbüro auf“, grinst der Älteste im Bunde, Klubchef Josef Cap, zufrieden. Als SJ-Obmann holte sich Cap im Jahr 1980 Alfred Gusenbauer und Josef Kalina, heute SPÖ-Bundesgeschäftsführer, als Verbandssekretäre sowie Doris Bures, heute Frauenministerin, als Sekretärin. Den heutigen Infrastrukturminister Werner Faymann setzte er gemeinsam mit Kalina als Wiener SJ-Chef durch. Christoph Matznetter, heute Finanzstaatssekretär, wurde von Cap in dessen Schulcafé für die SJ angeworben, Michael Häupl, heute Wiener Bürgermeister, in der Mensa der Wiener Uni.

Sozialminister Erwin Buchinger ist der Einzige, dem man die wilde SJ-Zeit noch ein wenig ansieht: lange Haare, selten Krawatte. Während Gusenbauer den Aufstand der Parteijugend als „Empörung weniger Gewaltbereiter“ abkanzelt, zeigt Buchinger demonstratives Verständnis für die Proteste. Er ist mit 51 Jahren zwar der Älteste im SPÖ-Ministerteam, hat sich aber in Sprache und Auftreten die Dynamik des Weltverbesserers bewahrt. Das mag daran liegen, dass Buchinger die SJ zwar für einen politischen, nicht aber für einen Politiker-Job verließ. Er heuerte im Landesarbeitsamt an, während seine Mitstreiter den langen Marsch durch die Institutionen antraten. Erst vor zweieinhalb Jahren wechselte er in die Salzburger Landesregierung. Damit hat er sich einiges an Intrigen und Idealismus-Dämpfern erspart.

Pragmatiklektion. Bei dem stets adrett gestylten und inhaltlich „Kronen Zeitung“-kompatiblen Charmebolzen Faymann hingegen würde niemand auf die Idee kommen, dass er seine Jugend in Arbeitskreisen über den Austromarxisten Josef Hindels und im klapprigen Citroën von Cap verbrachte, auf dem Weg zum Anti-AKW-Plakatieren. „Ich bin sicher pragmatischer geworden“, bilanziert Faymann seinen Weg vom Schulsprecher zum Wohnbaustadtrat und Minister. Eine Abkehr von alten Idealen bedeute dies jedoch nicht: „Ich war für SJ-Verhältnisse schon damals rechts.“

Für die linke Ideologie waren andere zuständig. Faymann und Kalina, die hemdsärmeligen Handwerker der Macht, hielten sich nicht lange an der Uni auf. Gusenbauer hingegen, der 1983 von Cap den Vorsitz der SJ übernahm, konnte in Debatten über Sozialimperialismus oder das Verhältnis zu den Eurokommunisten jeden niederargumentieren. Was ihm Cap an blendender Rhetorik und gewinnendem Dandytum voraushatte, versuchte Gusenbauer durch unerbittliche Besserwisserei zu kompensieren.

Dieser leicht streberische Drang rührt nach Einschätzung von Josef Ackerl, der heute Soziallandesrat in Oberösterreich ist und damals vor Cap SJ-Vorsitzender war, auch daher, dass Gusenbauer die Bewährungen außerhalb der kleinen Welt der SJ-Machtkämpfe fehlten: „Frühe Herausforderungen hätten dem Alfred gutgetan. Dann wäre bei ihm nicht der Eindruck entstanden, dass man herumsitzen und auf eine Chance warten muss.“ Denn die Durststrecke zwischen dem SJ-Abgang 1990 und dem ersten Nationalratsmandat dauerte für Gusenbauer lange drei Jahre.

Als politische Kaderschmiede funktionierte die SJ dennoch besser als andere Jugendorganisationen. „Für uns war nie so klar, dass das Ziel Politik ist und sonst nichts“, begründet Maria Berger, warum sie aus der autonomen Frauenbewegung in die Junge Generation (JG) ging. Der zweite Unterschied zwischen JG und SJ in den Augen der heutigen Justizministerin: „Die Kenntnis aller Marx-Bände war bei uns nicht Voraussetzung.“

Die Beherrschung interner Ränkespiele schon: Berger setzte sich 1984 in der Kampfabstimmung um den JG-Vorsitz gegen Manfred Matzka, heute Sektionschef im Kanzleramt, durch. Danach machte die Pragmatikerin Politikpause, werkte zehn Jahre im Kanzleramt in der damaligen EG-Abteilung.

Das Konkrete für politischer zu halten, als nächtelang zu theoretisieren, das trennte die JG von der SJ, in der professionelle Fraktionierer gewittert wurden. Den SJ-Blauhemden hingegen war die von Bruno Kreisky gegründete JG zu systemkonform. Die roten Studenten im VSStÖ hielten von beiden wenig: „Die SJ war linientreu, in der JG waren die ganz Braven“, erinnert sich Peter Pilz an die wechselseitige Verachtung. Er war bis zu seinem Ausschluss im VSStÖ, gemeinsam mit Häupl und Renate Brauner. Sie ist nun, nach Faymanns Abgang in die Bundespolitik, designierte Häupl-Nachfolgerin.

Nur Cap gelang das Kunststück, in SJ und VSStÖ zu Hause zu sein, was ihn nach einer fulminanten Vorzugsstimmenkampagne ins Parlament und auf den Posten des Zentralsekretärs beförderte. Franz Vranitzky entließ ihn daraus wieder – und Cap, der erst in Konfliktsituationen zur Hochform aufläuft, hatte Zeit, sich dem Marsch durch die Vinotheken und der Konservierung seines Images als intellektueller Zyniker zu widmen.

Erst SPÖ-Chef Gusenbauer beendete Caps Weg zur gealterten Zukunftshoffnung und installierte ihn als Klubchef. Auch den Mitstreiter Christoph Matznetter holte Gusenbauer zurück: Der junge Marxist hatte wissen wollen, wo der Mehrwert verbucht wird, und eine Steuerberatungskanzlei gegründet. „Eine so lange Pause von der Politik hätte ich mir nicht gewünscht“, erinnert sich Matznetter – und stürzte sich 2000 mit Feuereifer in die undankbare Arbeit der Sanierung der maroden SPÖ.

Alte Rollenverteilung. In gewisser Weise war damit die Rollenverteilung aus der SJ-Zeit wiederhergestellt: Gusenbauer bunkerte sich mit dem Kreis seiner Getreuen ein, Doris Bures reaktivierte ihre Rolle als Outlaw. Schon in der SJ war die Zahnarzttechnikerin neben Gusenbauer die Vorzeigeproletarierin und als Frau zusätzlich Außenseiterin. „Der Macho-Faktor war dem Zeitgeist entsprechend in der SJ groߓ, beschreibt Bures ihre Formung zur Kämpferin, in der SJ und zu Hause, wo ihr die Mutter das Licht verweigerte: „Du brauchst eh keinen Strom“, kommentierte sie den Anti-AKW-Kampf ihrer Tochter. Diese las darauf mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Später war Bures die einzige Jungmutter in der SJ, sie hat eine 20-jährige Tochter mit Faymanns Ex-Pressesprecher Wolfgang Jansky. Bures reagierte auf ihre Sonderstellung mit Härte, auch später als Bundesgeschäftsführerin.

Die Verengung der Vertrautenzone auf alte SJ-Gefährten stößt Nichtzugehörigen auf: Der steirische SPÖ-Chef Franz Voves etwa verbrachte seine Jugend auf Eishockeyfeldern statt bei Staatsmonopolkapitalismusdiskussionen, sein oberösterreichischer Kollege Erich Haider wechselte Mitte der siebziger Jahre von der SJ zur SPÖ. Beide klagen, vom SJ-Kreis um Gusenbauer zu wenig eingebunden zu werden.

Im Kreis gewesen zu sein bedeutet allerdings nicht unbedingt lebenslange Freundschaft: Die Scharmützel zwischen Bures und Kalina etwa sind legendär. Dennoch würde Faymann unterschreiben, dass eine Truppe alter Kumpels in der obersten Etage der Politik angekommen ist: „Die politische Übereinstimmung hat gehalten. Es ist leichter, mit Freunden Politik zu machen.“

Matznetter hingegen hält die Fama vom alten SJ-Netzwerk für überzogen: „Österreich ist nicht so groß. Da kennt man sich halt.“ Allerdings: Von ORF-General Alexander Wrabetz bis in die neue Ministerriege kennen viele Führungsrote einander besonders lang und gut. „Das ist die erfolgreichste Führungsgeneration der SP֓, bejubelt Cap den Aufstieg der Generation SJ.

Ungetrübt ist das Ende des Marsches nicht. Die Proteste der übernächsten Generation der SJ vermasseln den Start, den sich viele glorioser ausgemalt hatten. Daher versuchte Erwin Buchinger, Jungrote vom Regierungsprogramm zu überzeugen und von der Protest- zur Unterstützungsgruppe umzufunktionieren. Vergeblich: Die SJ ließ sich nicht zur Rolle der Jubelperser überreden. Und so demonstrierten die einen draußen, vor der Neujahrskonferenz und vor der Hofburg, und die anderen stießen drinnen auf ihren Aufstieg an. Zwei SJ-Welten, die nicht nur durch den Altersunterschied getrennt bleiben.

Von Eva Linsinger