Sport: Pferdrutsch

Auch in der zweiten Saison kämpft Frank Stronach mit seinem Magna Racino gegen aufgebrachte Umweltschützer, verärgerte Aktionäre und matte Besucherzahlen. Wird das Lieblingsprojekt des „Big Spender“ zur Geldverbrennungsmaschine?

Ein Preis wie aus dem Märchenbuch – und trotzdem schaut die Dame in Rot ein wenig indigniert. Gerade hat ihr Ulla Weigerstorfer, immerhin ehemalige Miss World, den zweiten Preis beim großen Hutwettbewerb von Ebreichsdorf überreicht. Der Anlass: das traditionsreiche Wiener Galopperderby, Saisonhighlight im Magna Racino, Frank Stronachs Pferdesportpark in Ebreichsdorf. Der Preis: ein Jahresabo des „Seitenblicke Magazins“. Nun gut, Ebreichsdorf ist eben nicht Ascot. Noch nicht. Schließlich hat Frank Stronach noch viel vor mit seinem neuen Steckenpferd. Und zwar möglichst schnell.

Schon zur Eröffnung am 4. April 2004 war der Magna-Chef um große Töne nicht verlegen. Flankiert von Landeshauptmann Pröll, den Ministern Gorbach, Grasser und Ferrero-Waldner, von DJ Ötzi und Hannes Kartnig, gab er – im strömenden Regen – die Parole aus: „Das wird interessanter als Las Vegas.“ Und, wo wir schon dabei waren: „Der 4. April soll ein nationaler Feiertag werden.“

Selbst ein passionierter Pferdenarr (mit über 1000 eigenen Edelrossen zählt Stronach zu den bedeutendsten Züchtern der Welt), wollte der „Big Spender“ nichts weniger als eine neue Ära im darniederliegenden Pferderennsport Österreichs einläuten. Und zwar um jeden Preis: Rund 80 Millionen Euro flossen in „Europas modernste Pferderennsport-Arena“, ein „Kompetenzzentrum für Pferdebegeisterte“, ein „Unterhaltungseldorado der Spitzenklasse“.

So weit die offiziellen Statements. Die Realität sieht weniger rosig aus.

Mühen der Ebene. Denn irgendwie scheint das allumfassende Entertainment-Konzept (Pferderennbahn plus Automatenkasino plus Dinnershow plus Gourmetrestaurant plus Wettbüro) nicht wirklich aufgehen zu wollen. Den hochfahrenden Ankündigungen folgten bald die Mühen der Ebene. Und auch wenn die Geschäftsführung heute betont wissen möchte, dass die im Vorjahr kolportierten Publikumserwartungen von bis zu 500.000 Besuchern pro Jahr natürlich unrealistisch und so auch nie geplant gewesen seien, bleibt Stronachs Ebreichsdorfer Entertainment-Tempel deutlich hinter dem eigenen Anspruch zurück. Mit rund 160.000 Besuchern im Vorjahr reicht das Racino längst nicht an die wahren niederösterreichischen Publikumsmagneten heran. Die Römertherme Baden verzeichnete im gleichen Zeitraum 275.000 Besucher, das Stift Melk gar 410.000 – und auch der Naturpark Hohe Wand war mit 130.000 Ausflüglern dicht dran am Stronach’schen Mini-Las-Vegas.

Dazu kommt, dass die Aktionäre der Betreiberfirma, der Magna Entertainment Corp. (MEC), mit dem niederösterreichischen Experiment alles andere als zufrieden sind. Kein Wunder, verhagelte das Racino doch die bis dahin durchaus stattlichen Bilanzen des Wett-Imperiums, das in Nordamerika zu den Marktführern im Pferderennbusiness zählt (siehe Kasten rechts). So blieb im ersten Quartal 2005 unterm Strich ein Verlust von rund 10,5 Millionen US-Dollar. Im Vorjahr – das Racino war damals noch nicht in Betrieb – stand dem ein Gewinn von über 14 Millionen Dollar gegenüber. Laut „WirtschaftsBlatt“ brachte es das Racino im Vorjahr auf ein Minus von 16 Millionen Euro.

Kurz: Über dem Entertainment-Paradies hängen trübe Wolken. Bildlich gesprochen. In Wirklichkeit hingegen herrscht, zumindest am großen Derby-Tag, eitel Sonnenschein. Die prachtvolle, vielleicht ein wenig dominante Fassade des Racino (eine stilistisch nicht unoriginelle Mischung aus Neoklassik und Beverly Hills) strahlt in der Sommersonne, das korrekt getrimmte Gras auf dem gigantischen Vorplatz strotzt vor Saft, und auch das Publikum ist gekommen, um dem mit 150.000 Euro höchstdotierten Pferderennen der heimischen Renngeschichte beizuwohnen. 5000 Besucher wird man später zählen, ungefähr doppelt so viele wie an gewöhnlichen Rennsonntagen, ein bunt gemischtes Völkchen: Damen in Kostüm und Hut tummeln sich am Proseccostand, ein paar Meter weiter sitzen Großfamilien in Badeschlapfen unter Fransensonnenschirmen, Pensionistenreisegruppen werden busweise herangekarrt, die jüngeren Racino-Gäste versuchen sich beim Kinder-Karaoke, Waterloo & Robinson beschallen die Showbühne. Lediglich die Promis lassen ein wenig aus, nur Peter Westenthaler zeigt sich. Aber der zählt ja irgendwie nicht, als Hausinterner. Trotzdem: ein Tag, ganz nach Hanns-Georg Sieberts Geschmack. Schließlich setzt der MEC-Europa-Chef in puncto Publikum gern auf alle Pferde: „Wir versuchen, möglichst viele Zielgruppen zu erreichen. Das Pferd ist ein wunderschönes Produkt, das die verschiedensten Klientelen anspricht.“ Doch wie das so ist, wenn man’s allen recht machen will, läuft auch das Racino Gefahr, an sämtlichen Bedürfnissen eben haarscharf vorbeizuschrammen.

Während die betagten Kaffeefahrenden vor dem Wettschalter, den 3-Euro-Wettgutschein fest umklammert, mit dem komplizierten Quotensystem ringen, murren die Rennprofis an der Sportsbar im Untergeschoß. Sicher, alles schön und toll hier, aber normalerweise bleibe man lieber im Wettbüro ums Eck. Schließlich könne man da auch auf die englischen Rennen setzen – und nicht bloß auf die stronacheigenen, nordamerikanischen. Die seien nämlich, ehrlich gesagt, nicht wirklich spannend.

Termindruck. Auf der Tribüne erklingt indes der Donauwalzer. Der Höhepunkt naht – das 137. Galopperderby, die älteste Sportveranstaltung Österreichs, steht kurz bevor. Kurz herrscht Verwirrung, die traditionelle Parade der Rennpferde wird dem Termindruck geopfert, eifrig nehmen kurzberockte Hostessen die letzten Wetten an. Knappe zweieinhalb Minuten später ist der Spuk vorbei. Bis auf ein kurzes Aufflackern beim Zieleinlauf hält sich die Aufregung in Grenzen. Kein Wunder, meint Michael Popinger, Geschäftsführer der stärksten Racino-Konkurrenz, der Trabrennbahn Krieau: „Da sind Sie ja auch 70 Meter von der Bahn entfernt. Klar, dass da das Liveerlebnis flöten geht.“ Über den potenten Mitbewerber sei er übrigens gar nicht so unfroh: „Ebreichsdorf ist für uns eine super PR-Maschine. Erst jetzt merken die Leute, was sie an der Krieau eigentlich haben.“ Dass der österreichische Pferderennsport durch Frank Stronachs Investment zum angekündigten Höhenflug angesetzt hätte, kann Popinger leider nicht feststellen. Und wenn, dann könne so etwas ohnehin nur langfristig geschehen.

Dem kann Racino-Geschäftsführer Siebert nur zustimmen: „Wir haben gewusst, dass es nicht so einfach sein wird, die Österreicher von einem solchen neuartigen Konzept zu überzeugen. Man muss dem Projekt Zeit geben.“ Zeit, die man nicht hat. Denn Frank Stronach hat es eilig. Schließlich will er, mittlerweile 72, den großen Durchbruch seiner Vision noch selbst erleben. Weshalb er seinen Managern auch Entscheidungen abnötigt, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar sind. Vorsichtig gesagt. Intern spricht man auch von „Geldverbrennung“. Zum Ärger von Stronachs Mitaktionären. Was den Druck naturgemäß erhöht und dem Betriebsklima, nun, nicht wirklich zuträglich ist. Dementsprechend hoch ist die Fluktuation auf der Managerebene. Kündigungen werden in der von Stronach gewohnten Regelmäßigkeit ausgesprochen. Ein ehemaliger Mitarbeiter bringt die Stimmung auf den Punkt: „Wer einen anderen Job findet, der geht, so schnell er kann.“

Zu den internen Spannungen kommen die Probleme von außen. Ende Februar hob der Verwaltungsgerichtshof den wasserrechtlichen Bescheid für die Anlage in Ebreichsdorf auf. Was Umweltschützer, die schon seit Jahren gegen das ins Feuchtgebiet geklotzte Projekt anstürmen, dazu verleitet hat, die sofortige Schließung des Racino zu fordern. Derzeit prozessiert eine Gruppe von Bauern aus dem benachbarten Trumau gegen die Rennbahnbetreiber, da die Drainagierungsarbeiten am Racino den Grundwasserspiegel derart abgesenkt hätten, dass ihre Felder zu vertrocknen drohten. Die Anti-Racino-Front formiert sich und fährt scharfe Geschütze auf. Von Packeleien zwischen Magna und den beteiligten Behörden (Bezirkshauptmannschaft, Landesregierung und Landwirtschaftsministerium) ist da die Rede.

An den Projektbefürwortern prallt derlei Kritik freilich ab. Josef Pilz, Bürgermeister von Ebreichsdorf, gibt sich restlos überzeugt: „Das Racino ist eine Belebung für unsere Gemeinde und eine Belebung für die ganze Region.“ Gut 500 Arbeitsplätze seien durch den Pferdepark geschaffen worden. Und auch von den Racino-Gästen werde Ebreichsdorf, vom Tourismus bis dato eher unbeleckt, noch ausgiebig profitieren. Schließlich hätte man einiges zu bieten. Jene Authentizität beispielsweise, die Stronachs gestriegeltem Entertainment-Tempel doch ein wenig fehlt. „Zuerst schaut man sich den ganzen Zirkus an, und dann kann man in Ebreichsdorf das echte Niederösterreich erleben.“

Neon. Tatsächlich kommt auch den gutbehuteten Damen am Derbytag alles „ein bisserl amerikanisch“ vor, all die neonglitzernden Automaten, die tiefen Teppiche, die roten Ledersofas, der gedämpfte Trompetenjazz vom Band. Ein Hauch von Las Vegas weht durch die Spielhalle. Ein Hauch nur, aber immerhin. Zumindest am Derbytag.

Drei Tage danach, Mittwoch. Der Racino-Alltag hat Einzug gehalten. Eine Hand voll Autos verteilt sich auf den (für fast 4000 Fahrzeuge konzipierten) Parkplätzen, ein Heer von Rasensprenklern sorgt dafür, dass auch am nächsten Rennsonntag das Gras vor Saft strotzt, im Hintergrund summt die nahe Autobahn. Ein betagtes Pärchen schlendert den Abgang hinunter. Auf der Durchreise hätte man sich das heute eben einmal angeschaut, schließlich plane man, demnächst per Kaffeefahrt einen Tag hier zu verbringen. Gefallen täte es „eh nicht schlecht“. Nur sei halt „ein bisserl wenig los“. Im Kasinobereich versuchen derweil knappe 15 Spieler ihr Glück. Was hier gar nicht so einfach ist, wie ein Paar aus Wien versichert: „Die stellen die Automaten schon so ein, dass man nix gewinnt“, sind die beiden überzeugt. Was sich in der überschaubaren Community der Automatenzocker auch schon herumgesprochen habe. Und außerdem: Diese Shows! Unter der Woche finden im Racino gern Firmenevents und Betriebsfeiern statt, samt Galadiner und Showprogramm. Wobei: „Singen können die nicht“, behaupten die Automatencracks. „Eine schlechte Darbietung vom Herrn Stronach“ sei das, das könne man, bitte schön, ruhig einmal schreiben. Warum sie selbst herkommen? „Weil man hier nicht so ein ungutes Publikum hat wie im Prater.“

Firmenfeiern und Praterflüchtlinge – ist das die Zukunft des Racino? Des neuen „Unterhaltungseldorados der Spitzenklasse“? Noch will niemand konkrete Voraussagen machen. Die Geschäftsführung gibt sich verhalten optimistisch und verweist auf langsam steigende Besucherzahlen. Und auch die Kooperationspartner, die Casinos Austria, die den Glücksspielbereich betreiben, und Admiral Sportwetten, vertrauen auf das Potenzial des Projekts. Unisono erklären der Casinos-Manager Robert Vierziger und Christian Reibenspiess, Vorstand der Admiral Sportwetten AG, dass die Entwicklung in Ebreichsdorf zwar nicht unbedingt alle Erwartungen sprenge, aber doch Anlass zu leisem Optimismus gebe. Eine steigende Tendenz sei festzustellen, man müsse dem Projekt einfach Zeit geben, sich zu entwickeln.

Ganz ähnlich sehen das wohl die Kellner in der Racino-Sportsbar. Und dass die Zeit hier ganz schön lang werden kann, wissen sie längst. Inzwischen läuft auf all den schönen Flachbildschirmen, die eigentlich internationale Pferderennen zeigen sollten, eben MTV und Viva. Zum Zeitvertreib, gewissermaßen.

Von Sebastian Hofer