Aufstand der Zwerge

Das Land Steiermark muss sparen und will Gemeinden zusammenlegen. Aber der Widerstand formiert sich. Kleine Dörfer möchten justament nicht größer werden.

Es ist hübsch in Hartl bei Hartberg. Sanft wellt sich die Landschaft, auf fast jedem Hügel steht ein schmucker Bauernhof, an den Bäumen glitzert schneeweißer Raureif. Weit und breit qualmen keine Fabriksschlote, die nächste Autobahn ist fast zehn Kilometer entfernt, der Lärm verliert sich unterwegs. Ganz leicht riecht es nach Schweinemist. Der ist bekanntlich viel gesünder als der Feinstaub in der Großstadt.

Sonderlich gesellig geht es in Hartl allerdings nicht zu. Der Gasthof Koch hat am Dienstag Ruhetag und ist am späten Mittwochvormittag immer noch geschlossen. Kaffeehäuser gibt es in der Gegend nicht; wäre ja auch unsinnig, wo doch jeder selbst eine Kaffeemaschine daheim hat. Das Gemeindeamt ist versperrt, weil der Bürgermeister gerade einen Termin absolviert. Eine Greißlerei wäre theoretisch vorhanden, aber sie gehört zum Gasthof Koch und mag ebenfalls nicht aufmachen. Ein Bummel durch das Dorfzentrum ist keine Option: Hartl besteht aus einem halben Dutzend kleiner Streusiedlungen, ein Zentrum existiert nicht. Wer als Besucher von auswärts Zeit totschlagen muss, bleibt am besten im Auto sitzen. Der Radioempfang funktioniert, versprochen.

Viel puristischer als in Hartl kann Landleben nicht sein. Rund 40 Kilometer östlich von Graz, mitten im Steirischen Hügelland, ist wirklich gar nichts mehr los. Solche Ortschaften hatten Landeshauptmann Franz Voves und sein Stellvertreter Hermann Schützenhöfer vermutlich vor Augen, als sie im Rahmen ihrer Verwaltungsreform beschlossen, Gemeinden zusammenzulegen. Das spart Geld und schadet niemandem, dachten sich die beiden.

Doch seit Sonntag der Vorwoche ist absehbar, dass dieser Teil des Sparpakets mühsam werden wird. In sieben Ortschaften des Bezirks Hartberg hatten die Bürgermeister Volksbefragungen organisiert. Das Ergebnis: ein klares Nein zu Gemeindefusionen. Dabei wurde das Votum sozusagen auf Verdacht organisiert. Welche Orte betroffen wären, ist noch gar nicht entschieden. Aber man kann ja nie vorsichtig genug sein. "Wir wollten einfach wissen, wie die Leute darüber denken“, erklärt Josef Radl, Bürgermeister des 600-Einwohner-Dorfs Großhart. Jetzt werde man sich im Gemeinderat zusammensetzen und diskutieren, ob es nicht auch ohne Zusammenlegung Sparmöglichkeiten gebe. "Wir sind ja keine Reformverweigerer“, erklärt Radl, der aus seinem Reich ein besonders überzeugendes Njet beisteuern konnte. Mehr als 95 Prozent der Großharter wünschen keine Veränderung.

Noch eindeutiger war das Ergebnis nur in Hartl. Exakt 96,41 Prozent der Bürger sprachen sich gegen eine Zusammenlegung mit anderen Gemeinden aus. "Ich hab ja gewusst, dass sich die Leute Sorgen machen“, sagt Bürgermeister Hermann Grassl. "Aber ich hätte nicht gedacht, dass die Ängste so massiv sind.“ Stolz verweist er auf die Wahlbeteiligung: Von 705 Stimmberechtigten machten 613 mit - also praktisch jeder, der nicht krank, auf Urlaub oder sonstwie unpässlich war. Und jetzt möge bitte niemand glauben, dass die Hartler grundsätzlich alles ankreuzen, was man ihnen hinlegt. "Das Bildungsvolksbegehren haben bei uns nur zehn Leute unterschrieben“, betont Grassl.

Hartl hat keine eigene Schule, keine Feuerwehr, keinen Sportplatz und nicht einmal einen Bankomaten. Wofür braucht man dann noch ein Gemeindeamt? Hermann Grassl hat Munition gesammelt. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Berg von Unterlagen, die unter anderem beweisen sollen, dass die Verwaltung größerer Kommunen teurer kommt als jene von kleinen, weil, wie er nachweisen kann, "dort dann mehr Akademiker arbeiten“. Hartl wirtschafte seit Jahren ausgeglichen, habe erfolgreich die Ansiedelung eines Gewerbeparks betrieben und sei gemeinsam mit fünf anderen Gemeinden in der "Ökoregion Kaindorf“ engagiert. "Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut“, sagt Grassl, "aber eben auf freiwilliger Basis.“

Vor ein paar Jahren gönnte sich die Gemeinde den Bau einer kleinen Kirche, die ein wenig verloren auf der Wiese neben dem Bauhof steht. Fantasievolle Investitionen dieser Art gehen einem leichter von der Hand, wenn die politische Konkurrenz nicht allzu brutal ist. In Hartl gehören alle neun Gemeinderäte wie der Bürgermeister der ÖVP an.

Das überzeugende Votum der Bürger für ihre Selbstständigkeit darf Hermann Grassl ruhig als Kompliment verstehen. Was im Ort an Verwaltung geboten wird, macht er praktisch im Alleingang. Grassl wurde mit 26 Jahren Bürgermeister, das war vor einem Vierteljahrhundert. Nebenbei ist er auch noch, in Teilzeit, als Gemeindesekretär beschäftigt. Seine besondere Bedeutung wird an den vielen Hinweisschildern deutlich, mit denen die Hartler ihre geografisch unübersichtliche Heimat bestückt haben. Die grünen Pfeile weisen nicht nur in Richtung Gewerbepark und Gemeindeamt, sondern auch in Richtung "Bgm. Grassl“. Nur für den Fall, dass jemand den Bürgermeister daheim besuchen möchte.

Josef Radl in Großhart hat zwar keine eigene Hinweistafel, trotzdem ist er nach eigenem Empfinden unersetzlich. "Die Leute kommen mit ihren Problemen ins Gemeindeamt, auch mit den privaten“, erzählt er. Fast wie der Pfarrer fühle er sich manchmal. Einen richtigen Seelsorger gibt es nicht, weil die Gläubigen von Großhart seit jeher auf drei Pfarreien verteilt sind; auch die katholische Kirche mag es gerne kompliziert.

Neun von zehn Einwohnern müssen zur Arbeit auspendeln. Wer dablieb, lebt von der Landwirtschaft oder vom Tourismus. Großhart verfügt über einen Naturteich, der als Wirtschaftsbetrieb geführt wird. Außerdem wurde vor fünf Jahren mit Förderungen des Landes ein 30 Meter hoher Aussichtsturm gebaut. Seltsam unmotiviert steht das hölzerne Monstrum am Ortsanfang von Auffen-Großhart. Im trüben Novemberlicht wirkt es, als wären Außerirdische mit einem besonders unhandlichen Raumschiff gelandet.

Dem Besuch zuliebe kraxelt der Bürgermeister die 179 Stufen bis zur Aussichtsplattform hoch. Fast alle Stufen sind mit Namensschildern versehen - die Bürger haben für ihr Bauwerk brav gespendet und durften sich hier verewigen. Das Innere des Turms ist dem Wasserkur-Erfinder Sebastian Kneipp gewidmet. Von ganz oben könnte man, schiene die Sonne, weit ins Land sehen. Derzeit reicht die Sicht leider nur bis zu den ersten Häusern des Dorfs.

Großhart betreibt einen Kindergarten und eine dreiklassige Volksschule, hat drei Gasthöfe und zwei Kapellen. Der "Nah & frisch“-Markt direkt neben dem Gemeindeamt sperrte vor ein paar Jahren zu. Seither sucht der Bürgermeister vergeblich einen Nachmieter. Manche Dinge funktionieren nur in kleinen Einheiten, glaubt Radl. "Je größer die Gemeinde, umso anonymer wird es.“ Wie sein Kollege Grassl schwärmt auch er von den vielen Gratisleistungen der Bürger: Der Streusplitt wird ohne Murren weggekehrt, der Rasen im Ort gemäht, zum Gemeindefest bringen die Leute Selbstgebackenes mit.

Vielleicht passiert das alles ja wirklich aus Liebe zum Heimatdorf. Vielleicht ist es nur der Gruppenzwang. Das wurde bei der Volksbefragung leider nicht eruiert.

Vor Kurzem feierte Großhart das 850-Jahr-Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung. Landeshauptmannstellvertreter Hermann Schützenhöfer schrieb ein Vorwort für die Ortschronik und lobte die beachtlichen Leistungen der Gemeinde. "Ein steirisches Glückauf und alles Gute“, schloss Schützenhöfer.

Wenn das kein Versprechen für die Zukunft war.