Strache: „Ich verfüge über hohe soziale Intelligenz“

Strache: „Ich verfüge über hohe soziale Intelligenz“

FPÖ-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache über Freiheitliches am neuen Papst, den Schmerz der Niederlage und die Kraft der Liebe.

Interview: Gernot Bauer

profil: Herr Bundesparteiobmann, wissen Sie, wer gleichzeitig mit Ihrer Wahl zum FPÖ-Chef im April 2005 sein Amt als Vorsitzender einer einflussreichen Organisation angetreten hat?
Strache: Wer?

profil: Papst Benedikt XVI.
Strache: Das ist vielleicht ein gutes Omen, und jetzt haben wir ja auch einen neuen Papst .

profil: Sie haben ein ORF-Interview zwei Stunden nach der Papstwahl spontan zu einer Freudensbekundung genutzt. Warum?
Strache: Der neue Papst ist eine volksnahe und spirituelle Persönlichkeit. Es ist ein starkes Signal, dass Franziskus soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt rückt und für die armen Menschen da ist.

profil: Der praktizierende Katholik Heinz-Christian Strache freut sich also über die Wahl?
Strache: Der Glaube ist eine zutiefst private Angelegenheit. Ich kann den kirchlichen Weg nicht immer nachvollziehen, habe aber einen sehr tiefen Glauben.

profil: Die FPÖ ist ja eigentlich ein Gegenprogramm zum Papst.
Strache: Das ist absolut nicht richtig. Die FPÖ steht für die Trennung von Kirche und Staat. Aber wir betonen die Werte des christlichen Abendlandes.

profil: Der neue Papst steht für Milde und Barmherzigkeit, die FPÖ für Gesetzeshärte und Unbarmherzigkeit.
Strache: Wir stehen für soziale Gerechtigkeit. Wir sind die soziale Heimatpartei. Das ist unsere Kernkompetenz. Unter Gerechtigkeit verstehen wir auch Sicherheit und Ordnung. Wo es zu Missbrauch kommt, wie bei der rechtswidrigen Besetzung der Votivkirche in Wien, darf es kein Verständnis geben.

profil: Ein Gedankenexperiment: Der neue Papst wäre als Kardinal sicher in die Votivkirche zu den Asylwerbern gegangen.
Strache: Wenn ein Kardinal in seine Kirche geht und dort mit den Menschen spricht, ist das selbstverständlich. Dass man dann aber nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen kann, ist eine Grundvoraussetzung. Ich würde davon ausgehen, dass der Papst das auch nicht tun würde.

profil: Sie haben bei den Landtagswahlen in Kärnten ein Desaster, in Niederösterreich eine Schlappe erlebt. Tut es weh, wenn man verliert?
Strache: Wo ich persönlich angetreten bin, habe ich noch nie verloren. Aber es ist die erste Niederlage in meiner Bundesobmannschaft auf regionaler Ebene. Man muss sich im Leben weiterentwickeln. Wie im Sport erfolgt das nicht nur durch Siege, sondern auch durch Niederlagen.

profil: Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient?
Strache: Man muss sowohl im Sieg als auch in der Niederlage demütig bleiben.

profil: Der Siegernimbus des selbst ernannten Politik-Superhelden HC ist vorerst verflogen.
Strache: Nein. Der Wähler unterscheidet genau zwischen Landtagswahlen und Bundeswahlen, für die ich die Verantwortung trage.

profil: Sie wirken wie ein schlechter Verlierer und haben Politiker des Teams Stronach als „politische Abfallprodukte“ bezeichnet.
Strache: Ich sage bloß ehrlich, was ich mir denke. Wenn gescheiterte Politiker abfallen und zu Frank Stronach wechseln, weil der bessere Angebote monetärer Art hat, darf man das Kind beim Namen nennen.

profil: Haben Sie Stronach unterschätzt?
Strache: Stronach ist ein Mitbewerber, aber mein Gegner ist Werner Faymann. Ich will stärkste Kraft werden und ihn als Kanzler ablösen.

profil: Sie wollten auch Michael Häupl als Wiener Bürgermeister ablösen. Wie ernst ist da Ihre Prognose zu nehmen, Kanzler zu werden?
Strache: Ich habe in Wien gewonnen, war aber nicht stark genug, um Bürgermeister zu werden. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Alles braucht eine gewisse Zeit. In Wien werden wir bei den nächsten Wahlen den Bürgermeister stellen.

profil: Vom Kärntner Wähler abgestrafte Politiker wie Gerhard Dörfler oder Harald Dobernig weigern sich, noch am Wahl­abend zurückzutreten. Die FPÖ ist offenbar zur Altpartei geworden.
Strache: Nach der Abspaltung des BZÖ 2005 waren wir in einer schwierigen Situation. Ich bin als Brückenbauer in die Bundesländer ausgerückt und habe acht Landesgruppen wieder vereint. Bei der neunten, in Kärnten, ist das nicht gelungen. Dort blieb das BZÖ. Nach dem tragischen Tod von Jörg Haider gab es ein historisches Fenster, um die freiheitliche Familie in Kärnten wieder zu vereinen, obwohl ich wusste, dass es in diesem BZÖ Fehlentwicklungen mit den nun sichtbaren Folgen gegeben hat. Jetzt braucht es eine Erneuerung, einen Wertekatalog und einen Ehrenkodex.

profil: Protestwähler fühlen sich von Newcomern und Antipolitikern angezogen. Das zeigt auch Italien mit Beppe Grillo.
Strache: Wo man sich nicht nachhaltig für die Menschen einsetzt, entsteht Raum für neue Kräfte. Stronach wird trotzdem ein flüchtiges Phänomen bleiben.

profil: War es vergangene Woche nicht unsportlich, Nationalratspräsident Martin Graf auszubooten, während dieser in Südamerika war?
Strache: Ganz im Gegenteil. Graf hat mir in mehreren Gesprächen mitgeteilt, nach der nächsten Wahl nicht mehr als Nationalratspräsident zur Verfügung zu stehen. Ich habe das respektvoll entgegengenommen. Mit meinem Stellvertreter Norbert Hofer haben wir einen hervorragenden Kandidaten für den Posten des Nationalratspräsidenten. Wenn der Wähler will, sogar einen für den Ersten.

profil: In Niederösterreich haben Sie sich nicht durchgesetzt mit Ihrem Versuch, Landesparteiobfrau Barbara Rosenkranz zu entmachten.
Strache: Ich finde es ja erfreulich, dass die Medien endlich zur Kenntnis nehmen, dass HC Strache jemand ist, der Entscheidungen seiner Landesparteien respektiert. Und nicht wie ein antidemokratischer Diktator oder Tyrann mit der Sense Köpfe abhackt.

profil: Sie haben also in Wahrheit ein verbindliches Wesen?
Strache: Selbstverständlich habe ich ein verbindliches Wesen. Aber ich nenne nach innen und nach außen die Dinge auch beim Namen. Ich lebe eine soziale Verantwortung und verfüge über hohe soziale Intelligenz. Nur mit Überzeugungskraft kann man unabhängige Landesparteien auf den rechten Weg bringen. Das ist jetzt passiert.

profil: Wieso waren Sie in der Vorwoche nicht bei der Gedenkveranstaltung in der Hofburg anlässlich des 75. Jahrestags des so genannten Anschlusses?
Strache: Die FPÖ war natürlich vertreten, aber ich hatte in dieser Phase als Parteichef natürlich viele Termine zu absolvieren und war unabkömmlich.

profil: Haben Sie eine Meinung zu diesem Jahrestag? Im Gegensatz zu den anderen Parteien gab es keine Aussendungen der FPÖ.
Strache: Lesen Sie sich meine Aussagen zu diesem Thema durch. Kein FPÖ-Obmann zuvor hat dermaßen deutlich totalitäre Gesinnungen, Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus verurteilt. Ich finde es allerdings kritikwürdig, dass man solche Gedenkveranstaltungen abhält, ohne dabei auf bedenkliche Entwicklungen in der Europäischen Union hinzuweisen. Ich will kein Teil eines autoritären Europas werden, wo Bürgerrechte abgebaut werden und abgehobene Bürokraten entscheiden.

profil: Sie vergleichen also den so genannten Anschluss Österreichs im März 1938 mit der heutigen Entwicklung der Europäischen Union?
Strache: Ein Vergleich ist dazu da, um festzustellen, dass man beides nicht vergleichen kann. Das halte ich ausdrücklich fest. Wenn man zu Recht sagt, gedenken wir der Fehlentwicklung in der Vergangenheit, sollte man auch nicht schweigen, wenn in Europa George-Orwell-Überwachungsmechanismen eingeführt werden sollen.

profil: Jetzt vergleichen Sie es aber doch.
Strache: Noch einmal. Ein Vergleich ist dazu da, um festzustellen, dass man beides nicht vergleichen kann. Es bringt aber nichts, immer nur zurückzuschauen und in der Gegenwart zu scheitern.

profil: Sie sind bald acht Jahre Chef der FPÖ. Wann werden Sie ein Obmann emeritus?
Strache: Ich war bei Amtsantritt der jüngste FPÖ-Obmann, bin immer noch der jüngste Parteichef von allen und trotzdem jener mit der größten Erfahrung. Mit mir ist noch lange zu rechnen.

profil: Was wurde eigentlich aus Ihrem zum Jahreswechsel ausgerufenen Konzept einer Politik der Liebe?
Strache: Das lebe ich. Was ich tue, trage ich im Herzen und tue ich aus der Kraft der Liebe. Diese Kraft kann vom Materialismus nicht besiegt werden.