„Erst heute früh wurde wieder in Richtung unserer Leute geschossen“

UN-Untergeneralsekretär Hervé Ladsous über die prekäre Lage der Blauhelme auf dem Golan

Interview: Martin Staudinger und Robert Treichler

profil: Wie gefährdet sind die Blauhelme auf dem Golan tatsächlich?
Ladsous: 37 Jahre lang hatte die Undof eine sehr ruhige Mission. Die Lage hat sich im Zusammenhang mit der dramatischen Situation in Syrien aber immer mehr verschlechtert. Ich war im vergangenen Jahr zweimal auf dem Golan – da konnte man anhand von ersten Erschütterungen bereits darauf schließen, dass es noch mehr bergab gehen würde.

profil: Was heißt das konkret?
Ladsous: Wir haben derzeit viel zu regelmäßig Zwischenfälle in der „Area of Separation“ (AOS). Erst heute früh (am Donnerstag, Anm.) wurde dort wieder in Richtung unserer Leute geschossen. Das ist äußerst besorgniserregend.

profil: Gezielt?
Ladsous: In ihre Richtung, nur so viel ist klar. Es gab auch schon Vorfälle, bei denen gezielt auf sie gefeuert wurde: Schüsse auf Checkpoints, Autos wurden geraubt, 21 philippinische UN-Soldaten drei Tage lang gekidnappt und – nicht zu vergessen – mehrere Österreicher bei einem Überfall auf ihren Konvoi zum Teil schwer verletzt. Das ist besonders bedauerlich, weil die Österreicher seit vielen Jahren das Rückgrat bilden: sehr tapfere Leute, für deren Einsatz wir der Regierung in Wien besonders in dieser schwierigen Situation äußerst dankbar sind.

profil: Wie kam es zur aktuellen Situation?
Ladsous: Nach und nach sind bewaffnete Gruppen, vor allem aus der Opposition, in die AOS eingedrungen – offenbar weil sie glaubten, dort besser aufgehoben zu sein.

profil: Auf diese Gruppen bezieht sich das Mandat der Undof formell aber nicht.
Ladsous: Genau. Das Mandat spricht nur von Streitkräften Syriens und Israels. Aber die syrische Armee verfolgt diese Gruppen, und dabei kommt es auch zu Gefechten in der entmilitarisierten Zone.

profil: Was tut die UN zum Schutz der Blauhelme?
Ladsous: Wir haben die Sicherheitsmaßnahmen deutlich verstärkt. Zwölf neue Truppentransporter und ein gepanzerter Bus sollten dieser Tage im Operationsgebiet eintreffen. Wir haben auch die medizinische Versorgung angepasst, um sicherzustellen, dass Verwundete im Notfall schneller behandelt werden können. Und wir haben einige Beobachtungsposten verstärkt, andere hingegen geschlossen.

profil: Offenbar können die Blauhelme nur noch sehr eingeschränkt patrouillieren.
Ladsous: Wir passen den Operationsmodus generell an. Patrouilliert wird substanziell seltener – nur wenn es absolut unumgänglich ist, und selbst dann nicht überall. Das wird ständig von Force Commander General Iqbal Singh Singha, einem sehr fähigen Mann, evaluiert. Und wir halten über alle möglichen Kanäle Kontakt zu beiden Seiten, um sicherzustellen, dass sie die Friedenstruppen respektieren und nicht als Ziele betrachten.

Zur Person
Zur Person: Hervé Ladsous, 62, ist seit 2011 UN-Untergeneralsekretär für Friedensmissionen. Zuvor bekleidete er unter anderem den Posten des Vize-Generaldirektors der Amerika-Abteilung und des Stabschefs im französischen Außenministerium und war stellvertretender UN-Botschafter in New York sowie Botschafter in China, Indonesien und Ost-Timor.