Telekom: Wie Ronny Pecik die Macht übernehmen will

Wie aus einem Aktiengeschäft eine Staatsaffäre wurde – der Einstieg des Investors Ronny Pecik in die Staatsholding ÖIAG schonungslos offen.

Achtundvierzig Stunden. 22 Millionen Aktien der Telekom Austria AG zum Stückpreis von 8,08 Euro. Insgesamt also rund 180 Millionen Euro. Man muss schon eine Spielernatur sein, um sich auf ein Geschäft wie dieses einzulassen. Zwei Werktage. Mehr Zeit hatte das US-amerikanische Investmenthaus Capital Group Ronny Pecik nicht zugestanden.
Take it or leave it.

Pecik nahm. Was im Herbst 2011 mit einem Schnellschuss begann – Capital Group verkaufte damals auf einen Schlag fünf Prozent der Telekom –, hat sich zwischenzeitlich zu einer veritablen Staatsaffäre ausgewachsen.

Der Wiener Geschäftsmann mit kroatischen Wurzeln hat sich seit September vergangenen Jahres Zug um Zug in den größten Telekommunikationsanbieter des Landes eingekauft und dafür die Kleinigkeit von mittlerweile gut 800 Millionen Euro abgelegt. Zusammen mit seinem ägyptischen Partner Naguib Sawiris kontrollierte er zu Redaktionsschluss Freitag vergangener Woche rund 21 Prozent, Tendenz steigend. Pecik und Sawiris, bis vor Kurzem Hauptaktionär des ägyptischen Telekom-Betreibers Orascom und nicht erst seit dem Verkauf an France Télécom einer der reichsten Männer Afrikas, sind damit unvermittelt zu einer bestimmenden Größe im Telekom-Aktionariat aufgestiegen.
Nur die Verstaatlichtenholding ÖIAG verfügt mit 28,4 Prozent über mehr Stimmrechte.

Und das schafft eine delikate Gemengelage. Die Telekom Austria wurde zwar vor Jahren mehrheitlich privatisiert – ­dennoch galt sie weiterhin als verlängerte Werkbank des Finanzministeriums. Schlicht deshalb, da die Aktien so breit gestreut waren, dass kein Aktionär neben der ÖIAG bestehen hätte können. Konsequenterweise ist der Telekom-Aufsichtsrat nach wie vor mit Emissären der Staatsholding durchsetzt, der jeweilige ÖIAG-Chef ist traditionell auch Vorsitzender des Kontrollgremiums. Bis Mai vergangenen Jahres war das Peter Michaelis, ihm folgte Markus Beyrer. Da der Aufsichtsrat den Vorstand bestellt, bestimmte die ÖIAG bisher auch das Tagesgeschäft des Konzerns.

Und da ging es bekanntlich nicht nur mit rechten Dingen zu: schwarze Kassen, obskure Beraterverträge, erschlichene Managerboni, Jagdausflüge, Korruption, Untreue. Seit Auffliegen der Affäre um den Lobbyisten Peter Hochegger ist die Telekom zum Sinnbild für Freunderlwirtschaft, politische Landschaftspflege und Miss­management geworden.

In der Ära Schwarz-Blau sollen Millionen Euro an Telekom-Geldern zu Parteien und deren Günstlingen verschoben worden sein. Verantwortet von Vorständen, denen die Republik Österreich das Vertrauen geschenkt hatte. All das unter den Augen eines in jeder Hinsicht überforderten, wenn nicht gar willfährigen Aufsichtsrats.

Die Vorgänge waren auch dem Vertrauen der Anleger nicht eben zuträglich. Das Telekom-Papier hat seit Herbst 2010 rund 30 Prozent seines Werts eingebüßt, grundelte zuletzt bei acht Euro und damit nahe seinem historischen Tief.

Ironie der Geschichte: Die Melange aus Untätigkeit und Unfähigkeit aufseiten der ÖIAG hat aus dem Telekom-Konzern einen Übernahmekandidaten ersten Ranges gemacht. Denn bei aller Verwicklung in dunkle Machenschaften verfügt das Unternehmen über Potenzial und Substanz. Die Telekom Austria zählt mit 20 Millionen Mobilfunk-Kunden und 2,6 Millionen Festnetzanschlüssen zu den bedeutenderen Playern in Zentral- und Osteuropa. In ­Österreich, Kroatien, Bulgarien und Weißrussland erreicht die Telekom im Mobilfunkgeschäft einen Marktanteil von jeweils 40 Prozent aufwärts. Kurz gesagt: Der aktuelle Börsenkurs bildet den tatsächlichen Wert des Unternehmens nicht annähernd ab.
Ronny Pecik hat genau das erkannt. Und macht sich jetzt auch noch die manifeste Schwäche des Hauptaktionärs zu­nutze – obwohl er noch gar keinen Einfluss auf das Unternehmen hat. Am 23. Mai, Schlag zehn Uhr, steigt in der Wiener Stadthalle die mit Spannung erwartete ordentliche Hauptversammlung der Telekom Austria. Wichtigster Tagesordnungspunkt: „Wahlen in den Aufsichtsrat“.

Pecik und Partner Sawiris beanspruchen da jeweils einen Sitz im derzeit zwölfköpfigen Organ. Bis dahin hätten die beiden de facto nichts zu melden. Was Pecik freilich nicht daran hinderte, ÖIAG und Telekom-Management ab dem Jahreswechsel vor sich herzutreiben. Mal sinnierte er öffentlich unverblümt über das Karriereende der Vorstände Hannes Ametsreiter und Hans Tschuden, mal forderte er im kleinen Kreis auch gleich die Ablöse von Aufsichtsratschef Markus Beyrer. Daneben soll er Ametsreiter bereits vor Wochen beschieden haben, er werde alsbald ein paar „Spezialisten zum Aufräumen“ vorbeischicken und wünsche die Schaffung freier Büroflächen.

Dazu wagte er nicht nur den Frevel, auch den einflussreichen Telekom-Betriebsräten, die vier der zwölf Aufsichtsratsmandate besetzen, die Aufwartung zu machen. Pecik umschmeichelte unter anderem Infrastrukturministerin Doris Bures, Sozialminister Rudolf Hundstorfer, Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und Heinz-Christian Strache. Dessen Ressentiments gegenüber Peciks ägyptischem Partner sollen übrigens rasch zerstreut worden sein – mit dem Hinweis, Naguib Sawiris sei kein Moslem, sondern vielmehr koptischer Christ.

Das Bemühen des Investors um freundliche Nasenlöcher auf politischer Ebene sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pecik nicht gekommen ist, um zu bleiben.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass zumindest er die Telekom-Anteile so schnell wie möglich wieder verkaufen will. Natürlich mit angemessenem Profit. Welche Ziele Sawiris verfolgt, ist nicht ganz klar. Er hat sich dazu bisher nicht erklärt. Genau das macht die neuen Großaktionäre aber so unberechenbar.

Sie könnten ihr Aktienpaket von einem Tag auf den anderen an den Meistbietenden verkaufen. Sollte ein etwaiger Käufer darüber hinaus dann auch noch die Telekom-Mehrheit im Wege eines Übernahmeangebots anstreben, wäre die ÖIAG plötzlich nicht viel mehr als ein Juniorpartner. Ende 2011 ließ Wirtschaftsminister Mitterlehner zwar das Außenwirtschaftsgesetz dahin gehend verschärfen, dass Investoren aus dem „nichteuropäischen Ausland“ substanzielle Beteiligungen an Schlüsselindustrien (Energie, Wasser, Telekommunikation, Rüstung, Sicherheit, Gesundheit, Bildung) nur mehr mit Billigung seines Ministeriums erwerben dürfen. Das mag den Spielraum für einen allfälligen Weiterverkauf zwar einschränken, aber eben auch nicht mehr.

Die ÖIAG? Abgemeldet. Vorstand Markus Beyrer ist mehr für seine Nibelungentreue zur ÖVP als für seinen strategischen Weitblick bekannt. Vor seinem Eintritt in die Verstaatlichtenholding hatte er sich in der Industriellenvereinigung bis zum Generalsekretär hochgedient. Beyrer ist Funktionär, keine Führungspersönlichkeit. Die Öffentlichkeit kennt ihn in erster Linie als einst gern gesehenen Gast bei den Jagden eines gewissen Alfons Mensdorff-Pouilly, an welche er sich später nicht mehr wirklich erinnern wollte.

Beyrer wirkte bisher denn auch alles andere als souverän. Formell vertritt er als ÖIAG-Vorstand die Interessen der Republik Österreich an der Telekom Austria. Doch blieb er bisher jede Antwort schuldig, wie genau diese Interessen eigentlich gelagert sind. Interviewanfragen werden mit Verweis auf die nahende Hauptversammlung konsequent abgeschmettert. Selbst sein Sprecher Bernhard Nagiller lässt sich nicht viel mehr entlocken als: „Herr Beyrer ist auf die Situation sehr gut vorbereitet.“

Wie man’s nimmt. Tatsächlich dürfte Pecik – gewollt oder nicht – sich in eine höchst komfortable Position manövriert haben. Ausgerechnet der amtierende ÖIAG-Vorstand und Telekom-Präsident Beyrer soll die vergangenen Wochen hauptsächlich dazu verwendet haben, Pecik potenzielle Abnehmer für dessen Telekom-Paket anzudienen. So halten sich hartnäckig Gerüchte, Beyrer sei zunächst bei der norwegischen Telenor-Gruppe in Oslo vorstellig geworden, um sich anschließend in Begleitung des nunmehr in Russland tätigen früheren Magna-Managers Siegfried Wolf (auch er ein ÖIAG-Aufsichtsrat) nach Moskau zu verfügen. Ziel: die Konzernzentrale des russischen Mobilfunkbetreibers MTS. Beyrer soll daneben auch versucht haben, bei der mexikanischen Telmex eine Zehe in die Türe zu bekommen. Das zum Konglomerat des Unternehmers Carlos Slim – einer der reichsten Menschen des Planeten – gehörende Unternehmen versucht derzeit, nach Europa zu expandieren. Tatsächlich soll auch Ronny Pecik erst kürzlich einen ­Termin mit Slims Schwiegersohn Arturo Elias Ayub in Barcelona wahrgenommen ­haben.

Dass allerdings der Aufsichtsratspräsident des börsennotierten Unternehmens Telekom, zumal auch noch Repräsentant der Republik Österreich, als eine Art Lobbyist durch die Welt reist, um ein Aktienpaket zu promoten, das er gar nicht vertritt, ist doch eher ungewöhnlich. Wenn auch nicht völlig abwegig. Die ÖIAG will die vermeintliche Heuschrecke Pecik eher heute als morgen zugunsten eines verlässlichen strategischen Partners loswerden. Als Modell dient anscheinend das (zuletzt allerdings brüchige) Syndikat zwischen ÖIAG und dem Emirat Abu Dhabi in der OMV.

Da passt es nur zu gut ins Bild, dass ­Pecik zwischenzeitlich auch von anderer Seite Interessenten zugetrieben werden. Der chinesische Mobilfunkbetreiber China Mobile etwa, für welchen wiederum kein Geringerer als SPÖ-Finanzstaatssekretär a. D. Christoph Matznetter Stimmung gemacht hat. Dessen Parteifreund Peter Wittmann, ein Ex-Staatssekretär im Bundeskanzleramt, unterhält ausgesuchte Kontakte ins Reich der Mitte. Mit einem Mann wäre Pecik um ein Haar wirklich ins Geschäft gekommen: Martin Schlaff.

Wie aus Peciks Umfeld zu hören ist, hat Schlaff bereits im Herbst vergangenen Jahres dezent anklopfen lassen. Mit dem Hinweis, er habe eine Art ideelles Vorkaufsrecht auf die Telekom Austria. Tatsächlich hatte Schlaff sich schon einmal an einem Telekom-Engagement versucht. 2005 erwog die damalige Regierung unter Kanzler Wolfgang Schüssel den Verkauf der verbliebenen Staatsbeteiligung. Schlaff durfte sich berechtigte Hoffnungen machen, hatte er doch maßgeblichen Anteil an der Normalisierung der nach der schwarz-blauen Wende abgebrochenen Beziehungen zwischen Israel und Österreich. 2006 war die Regierung Schüssel Geschichte, das Projekt Telekom verworfen, Schlaff leer ausgegangen.

Und nun, Jahre später, ein weiterer Versuch. Schlaff soll Pecik 14 Euro je Aktie geboten haben – 75 Prozent über dem Börsenkurs. Pecik lehnte ab.
Der Mann pokert hoch.