Terror: Vor 50 Jahren schlugen italienische Terroristen in Ebensee zu

Vor 50 Jahren wurde Österreich von Terroranschlägen erschüttert. Italienische Neofaschisten übten blutige Vergeltung für Süd­tirol-Attentate. Eine profil-Recherche in erst jetzt zugänglichen Akten.

Von Thomas Riegler

Johann Gaigg hatte zuerst gedacht, es handle sich um einen „Lausbubenstreich“. Der Wagenführer der Feuerkogelseilbahn in Ebensee war um 07.05 Uhr in die Talstation eingefahren. Als die Gondel zum Stillstand kam, fiel plötzlich ein „Gegenstand“ vom Dach auf den Betonboden: Ein Wecker mit zersprungenem Glas, verbunden mit einer Sprengladung. Gaigg ließ seine Passagiere – fünf Schulkinder und einen Erwachsenen – rasch aussteigen und schnitt später auf Anordnung eines Gendarmen die Leitung zwischen Wecker und Batterie durch. Wäre der Sprengkörper wie beabsichtigt, um etwa 14 Uhr explodiert, „wäre eine Katastrophe unvermeidlich gewesen“, hieß es damals in der „Arbeiter Zeitung“. Die Wucht der Explosion hätte Trag- und Zugseil zerrissen und die Gondel in die Tiefe stürzen lassen.

Terrorserie
Vor 50 Jahren, am 23. September 1963, wurde Österreich von einer Terrorserie erschüttert, deren Hintergründe damals nur teilweise ausgeleuchtet wurden. profil kann anhand der im Staatsarchiv gehorteten Ermittlungsunterlagen sowie erst jetzt freigegebener Dossiers der Staatspolizei und italienischer Quellen die Ereignisse rekonstruieren.

Schon um 06.10 Uhr früh jenes 23. September hatte es zum ersten Mal „geknallt“: Das Löwendenkmal an der Uferstraße zwischen Ebensee und Traunkirchen flog in die Luft. Große Brocken des morschen Sandsteins wurden 30 Meter weit auf die Fahrbahn geschleudert. „Nur infolge eines glücklichen Zufalls“, so ein Untersuchungsbericht, kam dabei niemand zu Schaden. Um 10.20 Uhr folgte der dritte und letzte Akt des Dramas: In der Saline Ebensee hatten Arbeiter an zwei Solebehältern Hohlhaftladungen entdeckt, die mit einem tickenden Wecker verbunden waren. Einer der bald eingetroffenen Gendarmen, Kurt Gruber, nahm die abgeschnittene Zündschnur eines Sprengsatzes in die Hand und sagte: „Da stimmt was net!“, als plötzlich eine Stichflamme hochschoss, gefolgt von einer kilometerweit hörbaren Detonation. Der 42-jährige Gruber war auf der Stelle tot, seine Kollegen Johann Winkler und Albrecht Schröder, Vater des jetzigen Albertina-Direktors, erlitten schwere Verletzungen. Neun weitere Personen wurden leicht verletzt. Damit hatte in jenem September 1963 die Auseinandersetzung um Südtirol auch auf Österreich übergegriffen.

In Italien war sie längst angekommen: Schon seit 1961 führte der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) den Kampf um die Selbstbestimmung mit zunehmend terroristischen Mitteln. Dabei erhielten die „Bumser“, wie sie in Österreich verharmlosend genannt wurden, viel Unterstützung von nördlich des Brenners – Waffen, Sprengstoff und Geld. Italien warf Österreich vor, zu wenig zu tun, um die Verbindungslinien zu kappen. Waren die Ebensee-Attentate Teil einer ausgeklügelten Strategie, um Wien zu zwingen, endlich effektiv gegen die „Bumser“ vorzugehen?
Es gab zahlreiche Hinweise dafür, dass die Spuren der Ebenseeattentäter nach Italien führten. Am Tag nach den Anschlägen erstattete Innenminister Franz Olah (SPÖ) im Ministerrat Bericht. In dem Protokoll, das profil jetzt einsehen konnte, heißt es: „Es ist überall erhöhte Bereitschaft angeordnet: Kraftfahrzeuge, Wasserwerke, Brücken. Ich glaube, dass man die Maßnahmen einige Zeit aufrechterhalten soll. Es könnte sein, dass sie (die Attentäter, Anm.) damit rechnen, sie seien schon fort und wiederholen das.“ Handelsminister Fritz Bock (ÖVP) sorgte sich um die Europabrücke bei Innsbruck: Diese sei zwar so massiv, „dass nichts geschehen kann, aber Arbeiter könnten durch eine Bombenexplosion verletzt werden“. Vizekanzler Bruno Pittermann (SPÖ) sprach sich dafür aus, dass man nicht schon eine Beschuldigung „in der Richtung auf eine bestimmte Herkunft der Täter konkretisieren“ sollte. Olah: „Das weiß man aber, dass es voraussichtlich nicht Österreicher waren.“

„Hände weg von den Carabinieri!“
An den Tatorten hatten sich Ausweise einer italienischen Studentenverbindung gefunden – „Hände weg von den Carabinieri!“, lautete der drohende Aufdruck. Aufgefallen waren außerdem vier Männer in einem graugrünen Fiat 1100. „Die Täter waren Italiener“, wusste die „Kronen Zeitung“ schon 24 Stunden später. Herausgeber Hans Dichand warnte, dass „die vernarbten Wunden aus zwei Weltkriegen“ nun aufbrechen und eine „wirkliche Feindschaft gegen Italien“ entstehen könnte.
Die Beweisstücke von Ebensee passten zu zwei weiteren Anschlägen, die schon länger zurücklagen. Am 1. Oktober 1961 war das Andreas-Hofer-Denkmal am Berg Isel bei Innsbruck vom Sockel gesprengt worden. Die zwei Meter hohe Bronzefigur des Tiroler Freiheitshelden lag rücklings auf dem Boden – laut „Neues Österreich“ wies der Zeigefinger der ausgestreckten Hand dabei „nach Süden, Richtung Brenner …“

„Höllenmaschine“

Ein zweites Attentat, das in dieses Muster passte, war am 18. August 1962 gerade noch verhindert worden: Auf dem Sockel des sowjetischen Heldendenkmals am Wiener Schwarzenbergplatz war Polizisten eine dunkle Leinentasche aufgefallen. In ihr befanden sich Sprengpatronen, eine Zündschnur und ein tickender Wecker. Die funktionstüchtige „Höllenmaschine“ wurde umgehend entschärft – wären die fünf Kilogramm TNT explodiert, wäre das zwölf Meter hohe Denkmal eingestürzt. Bei der Spurensuche fand man 29 Studentenausweise – diesmal mit dem kryptischen Aufdruck „Freiheit für Berlin“.

Manifest gegen den Terror

Die Bomben von Ebensee waren also Teil einer Attentatsserie. Ungeachtet der zahlreichen Indizien verdächtigten die Behörden aber Einheimische, und zwar aus dem Umfeld des BAS. Der Verdacht gründete auf einen Fund nach dem Berg-Isel-Anschlag: eine Rasierklinge der Marke „Aufbau“. Eine gleichnamige Gruppe innerhalb der Südtiroler Volkspartei hatte am 30. September 1961, also am Vortag der Bombenexplosion, ein Manifest gegen den Terror veröffentlicht. War das Attentat also eine Warnung des BAS an die Adresse der Gemäßigten? Dann gab es da noch Zeugen, die einen zwei Meter großen Mann am Tatort gesehen haben wollten – für die Ermittler passte die Beschreibung auf den Nordtiroler Kurt Welser, der den BAS seit den Anfangstagen mit Sprengstoff beliefert hatte und selbst über eine fundierte Ausbildung verfügte.

Hinweise, die in eine andere Richtung wiesen, wurden ausgeblendet: Der Sprengstoff-Sachverständige Alois Massak vermutete schon Anfang 1962, dass beim Berg- Isel-Anschlag ein Zünder „mit militärischem Charakter“ verwendet wurde und dieser italienischer Herkunft sei. Auch Massaks Untersuchung der Ebenseer Bomben ergab, dass es sich um „für militärische Zwecke speziell hergestellte Sprengladungen“ aus reinem TNT handelte. Dar-über hinaus waren die verwendeten Weckeruhren italiensche Fabrikate, ebenso wie der elektrische Spezialzünder.

Im Justizministerium ging man trotzdem von österreichischen Tätern aus – der Verdacht konzentrierte sich auf Welser. Sein Alibi, am Tag des Anschlags mit Frau und Kind auf einer Tiroler Almhütte übernachtet zu haben, war alles andere als stichhaltig. Er wurde am 24. Mai 1964 verhaftet, um vier Wochen später wieder freigelassen zu werden, da seine Angaben nicht widerlegt werden konnten.

Tatsächlich war die Spur gegen Welser gelegt worden – und zwar von einem illustren Kreis von Rechtsextremisten, der innerhalb der BAS-Unterstützerszene für den italienischen Geheimdienst spionierte. Am 25. März 1964, wenige Wochen vor Welsers Verhaftung, hatte im „Wilden Mann“ in Innsbruck eine Zusammenkunft stattgefunden. Es ging darum, Belastungsmaterial gegen Welser zu sammeln. Einer der Teilnehmer, Gerhard Neuhuber, erklärte, es existiere ein Foto, das Welser einen Tag vor den Anschlägen in Ebensee zeige.

Quelle für diese Informationen war Neuhubers Chef bei der „Legion Europa“, einer rechtsradikalen Kleingruppe, der 1928 geborene Journalist Alfred („Fred“) Borth. Dieser war nicht nur Konfident der Staatspolizei, sondern arbeitete auch für den italienischen Abschirmdienst SIFAR. Nach den Anschlägen in Ebensee versuchten Borth und sein Umfeld, den Verdacht auf Welser zu lenken. Neuhuber wurde beauftragt, auszuforschen, ob jemand „in den Kreisen um Welser“ einen Volvo, Mercedes oder VW fuhr – weil der Südtirol-Aktivist damit angeblich in Ebensee vor Ort gewesen war.

Tatsächlich war alles ganz anders gelaufen: 1991 ergab sich aus Aufzeichnungen eines italienischen Neonazis, dass Borth mit den eigentlichen Tätern von Ebensee direkt in Kontakt war. 1964, ein Jahr nach Ebensee, saß Borth in Verona mit italienischen Rechten sowie einem hohen Geheimdienstoffizier zusammen, um eine gemeinsame Vorgangsweise in Südtirol zu koordinieren.

Nur wenige Monate später, im Februar 1965, wurde die Rolle von Borths Gesprächspartnern offenbar: Bei einer Razzia in Mailand wurden vier junge Neofaschisten – Giorgio Massara, Sergio Poltronieri, Luciano Rolando und Franco Panizza – verhaftet. Der Haupttäter, der 27-jährige Massara, war bei dem Veroneser Treffen dabei gewesen. In seiner Wohnung fanden sich zahlreiche Beweisstücke: Tagebuchaufzeichnungen, Situationspläne, Lichtbilder und die hinlänglich bekannten Studentenausweise. Er habe es als unerträglich empfunden, dass eine große Nation wie Italien durch Terror bedroht werde, rechtfertigte sich Massara. Deswegen habe er sich zu Vergeltungsmaßnahmen entschlossen. Bei einem anderen Verhafteten wurde ein Wiener Stadtplan sichergestellt, auf dem das Sowjetdenkmal angezeichnet war. Außerdem ergab die nachträgliche Durchsicht der Hotelbücher, dass sich Massara am Vorabend des Anschlagsversuchs gemeinsam mit den drei Kameraden das Zimmer Nr. 6 des Hotels „Am Augarten“ geteilt hatte.

Die italienische Justiz beeilte sich nicht, gegen die Attentäter vorzugehen: Sie wurden auf freien Fuß gesetzt, es dauerte bis 1969 ehe der Prozess begann. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bis auf Franco Panizza bereits alle Angeklagten ins Ausland abgesetzt. Panizza erklärte vor Gericht nur so viel: „Die Angelegenheit betraf die Verteidigung des Staatsgebiets. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Zwei der Täter verbüßten einen Teil ihrer milden Strafe, der Rest wurde ihnen erlassen. Die Hintermänner des Terrors blieben im Dunklen, allerdings kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Neofaschisten bestens mit den Geheimdiensten vernetzt waren. Der ursprünglich verdächtigte Kurt Welser hat seine völlige Rehabilitierung nicht mehr erlebt: Er verunglückte am 15. August 1965 bei einer Bergtour in der Schweiz.

Spannungen zwischen Wien und Rom

Nach den Ebenseer Bomben gab es beträchtliche Spannungen zwischen Wien und Rom. Als 1966 drei italienische Beamte auf der Steinalm den Tod fanden, plante der Militärgeheimdienst SID Vergeltungsattentate in Österreich. Zwei Spezia-listen für Sabotage wurden nach Südtirol versetzt. Dort gab ihnen Admiral Eugenio Henkeden Auftrag, potenzielle Ziele ins Auge zu fassen. Eine entsprechende Liste mit 30 Einträgen wurde in einem versiegelten Kuvert übergeben. Es blieb bei einem Planspiel.

Dafür wurden die geheimdienstlichen Manöver unvermindert fortgesetzt: Der Militärhistoriker Hubert Speckner hat kürzlich Belege dafür vorgelegt, dass der Anschlag auf der Porzescharte 1967 manipuliert war: Vier Carabinieri starben damals, ein Soldat wurde verletzt – aber eben nicht durch eine Sprengfalle des BAS, wie lange angenommen wurde. Es könnte sich um Opfer eines Unfalls bei Verminungsübungen gehandelt haben, die dann an den präparierten Tatort geschafft wurden. Jedenfalls nutzte Italien das „Massaker“, um Österreich außenpolitisch unter Druck zu setzen. Die Assoziierungsverhandlungen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurden blockiert, bis Wien bereit war, scharf gegen die „Bumser“ vorzugehen.

Das geschah nun auch. Ab Mitte Juli 1967 riegelte das Bundesheer die Grenze zu Südtirol ab. Auch die Justiz nahm sich jetzt die BAS-Aktivisten vor. Geschworenengerichte fällten aber ähnlich milde Urteile, wie sie auch auf der anderen Seite der Grenze gegen die Ebensee-Attentäter verhängt worden waren. Es dauerte bis 1969, ehe bei den Verhandlungen zum „Südtirol-Paket“ der Durchbruch erzielt und der Konflikt durch eine Autonomielösung entschärft wurde.

In Italien wurde es in den frühen 1980er-Jahren zur Methode des rechten Terrors, mit Bomben Chaos zu schaffen und falsche Spuren zu legen. Mit dieser „Strategie der Spannung“ sollte eine Machtergreifung der starken kommunistischen Partei verhindert werden – notfalls per Militärputsch. Involviert waren einige jener Offiziere, die vorher in Südtirol den Terrorismus mit schmutzigen Mitteln bekämpft hatten – und wahrscheinlich auch in Österreich zuschlagen ließen.