Familiensilber: Posthumes Album des legendären Joey Ramone

Das Erbe eines Punk-Pioniers: Die Veröffentlichung des zweiten posthumen Soloalbums von Joey Ramone, dem legendären Frontmann der Ramones, hat sehr persönliche Hintergründe.

Von Philip Dulle

Seit ihrer Gründung im Jahr 1974 waren die New Yorker Ramones ein Familienunternehmen - wenn auch ein sehr offenes. Joey, Johnny, Dee Dee, Tommy und alle späteren Mitglieder der Band gaben sich, ohne tatsächlich miteinander verwandt zu sein, als Musiker den Künstlernamen Ramone. So wurden sie nicht nur zu Pop-Ikonen, sondern zu einer globalen Trademark, die das Freiheitsgefühl des Rock ’n’ Roll direkter als alle Konkurrenten zu vermitteln wusste: Mit wirkungsvollem Bandlogo, simplen Refrains ("Blitzkrieg Bop“, "Sheena is a Punk Rocker“) und ebenso schlagkräftigen wie knappen Drei-Akkord-Songs etablierten sich die Ramones Ende der 1970er-Jahre als eine der großen US-amerikanischen Rock-Institutionen.

16 Jahre nach dem Ende der Punk-Pioniere wird nun das mutmaßlich letzte Familiensilber veräußert: Das dieser Tage erschienene zweite Soloalbum von Joey Ramone (bürgerlich Jeffry Ross Hyman), dem legendären Sänger und Texter der Band, ist eine späte Verwertung musikalischer Restmaterialien. 2001, wenige Wochen vor seinem 50. Geburtstag, war Joey Ramone dem Lymphdrüsenkrebs erlegen. Ein Jahr später wurden die Ramones in die mythische Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Und im New Yorker East Village widmete man Joey Ramone 2003 sogar einen eigenen Platz - die dort applizierten Straßenschilder gehören noch immer zu den am häufigsten gestohlenen der Stadt.

Mickey Leigh (alias Mickey Ramone), der selbst ernannte Nachlassverwalter seines Bruders Joey, lässt zum Erscheinen des lange verschollen geglaubten Albums "… Ya Know?“ im Gespräch mit profil keinen Zweifel daran, dass man sich mit ihm besser nicht anlegen sollte. Der New Yorker Musiker und Kolumnist Leigh, der - obwohl er nie Teil der Ramones war - 2009 bereits seine Memoiren ("I Slept with Joey Ramone“) veröffentlichte, weist Kritik an der Veröffentlichung des Albums zurück. Er gibt an, es sei der letzte Wille seines Bruders gewesen, die unvollständigen Songs eines Tages zugänglich zu machen. Aber es sei letztlich ganz egal, ob Joey sich dies an seinem Sterbebett so gewünscht habe, pariert Leigh selbstbewusst die Frage, ob er mit der Platte nicht auch dem Andenken seines Bruders schade: "Ich meine, einen sehr guten Job gemacht zu haben. Niemand war besser geeignet dafür.“

Der einstige Ramones-Produzent Daniel Rey, der im Besitz der Demobänder war, hatte diese zunächst nicht freigeben wollen: "Es war eine unglaubliche Geduldsprobe für mich und meine Mutter“, erzählt Leigh. Es sei eben auch um "Genugtuung für meine Familie“ gegangen. Gemeinsam mit Ex-Manager Dave Frey gelang es ihm dann doch, die Songrechte freizukaufen. Leigh rekrutierte eine ganze Armada von Musikerkollegen und Freunden, um aus dem Rohmaterial ein ganzes Album entstehen zu lassen: Joan Jett und Little Steven Van Zandt, Cheap Trick und Drummer Richie Ramone waren unter anderem daran beteiligt, die 15 Songs auszuarbeiten. Sie alle feilten an den losen Soundschnipseln, die der Sänger mit den langen schwarzen Haaren, der dunklen Sonnenbrille und der Lederjacke in den letzten 15 Jahren seines Lebens zusammengetragen hatte. Sie dachten die Kompositionen weiter, formten unvollständige Gesangslinien zu fertigen Songs. So entstand ein Album, das Joey Ramones Liebe zum klassischen Rock ’n’ Roll widerspiegelt, die typische Schlagseite der Band aber vermissen lässt.

"Für meinen Bruder war es wichtig, seine eigenen Vorstellungen abseits der Band realisieren zu können“, erklärt Mickey Leigh die schwierige Beziehung zwischen Joey und den beiden anderen, ebenfalls bereits verstorbenen Hauptfiguren der Band, Dee Dee und Johnny Ramone. Tatsächlich erinnert "… Ya Know?“ eher an die ruhigere, atmosphärische Phase des 1980 erschienenen "End of the Century“-Albums der Ramones.

Den Vorwurf des Ausverkaufs weist Mickey Leigh zurück. Auch der Gedanke, dass der Kult um die Ramones längst auch in großen Modehäusern angekommen ist, erschreckt ihn nicht. "Wer die Ramones näher gekannt hat, weiß ganz genau, dass sie sich gefreut hätten, ihre T-Shirts auch bei H&M verkaufen zu können.“ Er holt tief Luft, um nachzusetzen: "Warum zur Hölle auch nicht! The Ramones wollten mit ihrer Musik nie eine Bewegung starten. Sie wollten immer nur gutes Geld damit verdienen, Konzerte spielen und erfolgreich sein. Ganz einfach.“