These, Antithese, Prothese

Unsere Kabarettisten als Wunderheiler.

„Mit guten Worten und einer Waffe erreicht man mehr als mit guten Worten“ Al Capone

Ich könnte es mir jetzt leicht machen und sagen, gehet hin und kauft die Hoanzl-„Kurier“-Edition „Best of Kabarett“. Die Kassette versammelt 40 DVD-Meisterwerke aller namhaften österreichischen Hirnwichser. Sie wiegt fünf Kilo und kostet 349 Euro. Ihr könnt derzeit nichts medizinisch Wirksameres kaufen, ausgenommen ein Fläschchen Armagnac des Jahrgangs 1958. Einfach so hingerotzt als Nachricht und Tipp klingt das fad. Es fehlen alle Merkmale herzlicher Werbung. Es fehlt das Erzählerische, Bildhafte und Beispielhafte. Ich bitte daher, neu ansetzen zu dürfen.

Ich fange an irgendeiner Ecke an. Am besten dort, wo ich mich am besten auskenne, beim Seminarkabarettisten Bernhard Ludwig. Er ist neben Benoit Mandelbrot, dem Erfinder der fraktalen Geometrie, der merkwürdigste Bursche, dem ich je begegnete. Er passt auch deshalb zum Thema, weil sein Lebenslauf im Gewebe typisch, im Zuschnitt aber originell ist. Wie ­jeder namhafte Kabarettist ist er ins Kabarett gescheitert, so wie auch jeder namhafte Journalist in den Journalismus und ausnahmslos jeder namhafte Dornenvogel in den Kardinalismus gescheitert ist. Es gibt Berufe, die im höheren Sinn sich nur jenen öffnen, die mit anderen Lebensplänen in die Irre liefen.

Der heutige Prof. Bernhard Ludwig war einst ein braver Therapeut in Bad Tatzmannsdorf. Dort gewann er das Vertrauen eines deutschen Milliardärs. Dieser traute ihm zu, neben der Kreislaufschwäche auch die Flugangst zu heilen. Bernhard Ludwig setzte seinen Patienten so lange in einen Hubschrauber, bis dieser buchstäblich auf seine Flugangst schiss. Ungefähr so hat man sich auch das Werden seines Erfolgsprogramms „Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit“ vorzustellen: eine Mischung aus Instinkt, seriöser Wissenschaft, Waghalsigkeit und beträchtlichem Witz.

Ich verdanke Bernhard Ludwig die Rückkehr meiner radikalen Kabarettliebe, die in den neunziger Jahren so plötzlich gestorben wie einst gekommen war. Damals fand ich, dass unsere Bühnenstars sich im Kreis drehten. Was gut war, wirkte alt, und was neu war, wirkte unreif. Und neu war fast nichts. Vor allem entsetzte mich, dass sie die vier großen Veränderungen der Gesellschaft verschliefen. Erstens den Wandel von der Handarbeit zur Kopfarbeit. Zweitens den Wandel von analog zu digital. Drittens den sanften, aber entschiedenen Aufstieg der Frauen. Viertens eine neue Korrektheit, die Primaten wie mir ungeheuer auf den Wecker fiel. Ludwig erwies sich zu jener Zeit als Lichtblick. Er zählte zu den Ausnahmen. Er war geistig ein Ganzheitler.

Das heißt aber nicht, dass er dicht ist. Jüngstes Beispiel: Er wollte zugleich Werbung für den von ihm vergötterten Geistesverlag Hoanzl machen – und mir ein Geschenk. Ein vorbildliches Ziel. Nur die Durchführung war geisteskrank. Er überreichte mir die Hoanzl-„Kurier“-Edition von „Best of Kabarett“ vor 100 Leuten in einer knallgelben Tasche des ­Viagra-Konkurrenten Cialis. Durch den weichen Stoff der Tasche drückten sich die Umrisse einer Seidenpolster-­Vagina und eines gläsernen Dildos, die der Sexualwissenschafter Prof. Ludwig gerade untersuchte wie einst Aristoteles die Tugend und Rousseau die Natur. Gleichwohl muss ich ihm dankbar sein. Er machte mich damit auf das beste Medienprodukt des letzten Jahrzehnts aufmerksam. Eines, das kein Nachbarland zustande brächte. Es ist zutiefst österreichisch, genial, beglückend, Aspirin für die Seele.

Fürs Wochenende wählte ich aus der „Kurier“-Sammlung eine Mischung aus alten und zeitgenössischen Kabarettprogrammen. Ich zupfte Bronner/Wehle und Farkas/Waldbrunn heraus, dazu die Hektiker und Dorfer und Maurer/Scheuba und Marecek/Hackl. Die Weltklasse-Todesphilosophen wie Hader und Vitasek ließ ich im Stadtbüro. In der Almhütte, wo ich sie nach und nach abspielte, begriff ich: Wir sind mit unseren Kabaretthelden beschenkt. Die Kleinkunstszene Deutschlands wirkt dagegen wie eine Armee von Mundartdichtern, die mit Dialekt und Mimik den fehlenden Witz ersetzen muss. Immer wieder diese Erinnerung an Karl Kraus’ bösesten Satz: „Ordnung ist der Humor der Deutschen.“

Kabarett ist in Österreich ein Diamant, der in jeder Facette scharf geschliffen wird von mindestens einem glänzenden Spezialisten. Und keineswegs nur noch blind linkslastig, wie manche Konservative glauben, die niemals Erwin Steinhauers „Freundschaft“ im Rabenhof sahen. Momentan träume ich davon, einen Sponsor zu finden, der die Edition von Hoanzl-„Kurier“ kostenlos über Österreich streut. Es wäre die einfachste Manier, mit dem kostbaren Werkzeug „SMILE“ den sozialen IQ schlagartig um zehn Prozent zu erhöhen. Andernfalls winkt die Tragödie, dass auch diese grandiose Kollektion wieder nur bei jenen landet, die dafür schon immer empfänglich waren. Wieder wären nur die Bekehrten bekehrt.

PS 1: Der Titel ist der Nr. 4 der Kassette entwendet, ­Alfred Dorfers „heim.at“, die auch die gemeinste Umwandlung ­eines innigen Weihnachtslieds bietet: „Oba Heidi, kumm peitsch mi, bummbumm.“

PS 2: Anm. d. Red.: Das jüngste Buch unseres Kolumnisten Helmut A. Gansterer brach alle Rekorde. „Der neue Mann von Welt“ wurde zehn Tage nach seiner Erstvorstellung die Nr. 1 in den Bestsellerlisten von „Die Presse“ und „Kleine Zeitung“. In profil liegt es derzeit auf Platz drei.