Tragödie: Grausige Funde

Gertraud A. war einmal ein fröhliches Mädchen, das gern tanzte und für Bilgeri schwärmte. Nun steht sie unter dem Verdacht, ihre vier Babys nach der Geburt getötet zu haben.

Graz-Gösting ist eine angenehme Wohngegend. Obwohl nur knapp zehn Autominuten von der Stadt entfernt, lebt es sich hier wie in einem Dorf. Es gibt viel Grün, vom Stress und Lärm der Großstadt ist nichts zu spüren.

Gertraud A. und Johannes G. haben fünf Jahre lang in Gösting gelebt. In der Thalstraße 87 wohnten sie zur Miete in dem großen Haus neben einem aufgelassenen Sägewerk. Kontakt zu den Nachbarn hatten die beiden kaum, mehr als ein paar Grußworte zwischen Tür und Angel gab es nicht. Das Pärchen lebte zurückgezogen, ruhig und unauffällig. Niemand aus der Nachbarschaft hatte je Grund, sich über die beiden den Kopf zu zerbrechen.

Am Freitag der Vorwoche wurde klar, wie sehr der Anschein der Normalität täuschen kann. Gertraud A. und Johannes G. wurden zu Hauptdarstellern einer Tragödie, die nicht nur die Nachbarn in Gösting erschüttert. Ganz Österreich fragt sich seither, wie so etwas passieren konnte. Unter anscheinend ganz normalen Menschen. In einer ganz normalen Siedlung.

Vier Babyleichen hat die Polizei bis Freitagabend im Haus und auf dem Grundstück des Paares gefunden. Zwei der kleinen Körper lagen in der Tiefkühltruhe; zwei weitere wurden auf dem Gelände entdeckt, einbetoniert in Plastikkübeln. Noch ist zwar nicht geklärt, ob die Kinder bereits tot waren, als sie zur Welt kamen, oder ob sie unmittelbar nach der Geburt getötet wurden. Doch die Tatsache, dass die Leichen versteckt wurden, lässt wohl kaum auf tragische Unglücksfälle schließen. Die 32-jährige Gertraud A. und ihr 38-jähriger Lebensgefährte Johannes G. sitzen seit Donnerstag unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. Die Frau hat bisher nur zugegeben, dass sie die Kinder geboren hat – sie könne sich aber nicht mehr erinnern, was danach passierte. Der Lebensgefährte bestreitet sogar, von den Schwangerschaften gewusst zu haben.

Ein Eis für die Kinder. Ins Rollen gekommen war der Fall schon am Montag der Vorwoche. Der Untermieter des Paares hatte für die Kinder seiner Freundin ein Eis aus der Tiefkühltruhe im Keller holen wollen. Dabei stieß er auf einen Plastiksack, in dem eine Babyleiche eingewickelt war. Der Mann alarmierte die Kriminalpolizei, die umgehend die Truhe beschlagnahmte und darin noch einen weiteren toten Säugling fand. Beide werden derzeit langsam aufgetaut, damit eine Obduktion vorgenommen werden kann. Bei einer Suchaktion im Gerümpel rund um das alte Sägewerk wurden am Donnerstag und Freitag noch zwei weitere Opfer gefunden.

Es kommt immer wieder vor, dass eine Mutter ihr Neugeborenes tötet. Meistens handelt es sich um sehr junge Frauen, die mit der Situation völlig überfordert sind und in Panik handeln. Der Gesetzgeber ahndet eine solche Tat wegen der besonderen Umstände weniger streng als einen Mord. Für die „Tötung eines Kindes bei der Geburt“ sind Freiheitsstrafen von ein bis fünf Jahren vorgesehen. Viele Täterinnern kommen aber mit einer bedingten Verurteilung davon.

Doch könnte einer erwachsenen Frau so etwas passieren, noch dazu gleich viermal? Ist es wirklich vorstellbar, dass der Lebensgefährte von all dem nichts mitbekommen hätte? Gertraud A. wird von Bekannten als große, attraktive Frau beschrieben – also nicht unbedingt der Typ, der eine Schwangerschaft verstecken könnte. Eine Nachbarin erzählte der „Kleinen Zeitung“, dass sie vor etwa einem Jahr den Eindruck hatte, Gertraud A. könnte schwanger sein. Aber bald darauf sei die junge Frau wieder schlank gewesen, und niemand schöpfte Verdacht.

Bauerntochter. Gertraud A. stammt aus Puchegg bei Vorau in der Oststeiermark. Ihre Eltern betreiben dort eine große Landwirtschaft. Der Familie geht es finanziell gut, erst vor Kurzem wurde der Hof renoviert. Die Tochter hat sich in den vergangenen Jahren allerdings nur noch selten dort blicken lassen. Obwohl sie in Puchegg noch hauptgemeldet war, sei sie nur manchmal kurz auf Besuch gekommen, wird erzählt. Zu den anderen Dorfbewohnern hatte sie zuletzt keinen Kontakt mehr.

Aber an die junge Gertraud erinnern sich die Puchegger noch gut. Ein nettes, braves, stets fröhliches Mädchen sei sie gewesen. Niemand kann sich vorstellen, dass der Verdacht der Polizei zutrifft. Dazu, so die einhellige Meinung im Ort, wäre die Gertraud sicher nicht fähig gewesen. Und wenn, dann habe sie bestimmt nicht aus eigenem Antrieb gehandelt.

Marlies Kreuzer*), eine Schulfreundin, zeichnet das Bild eines unbeschwerten jungen Mädchens, das in der Schule beliebt war, gern tanzen ging, Gitarre spielte und auf dem Schulskikurs das Lied „Rote Lippen soll man küssen“ sang. Kreuzer hat eine Stammbucheintragung ihrer Freundin vom 31. Mai 1988 aufbewahrt. Gertraud A., damals 15 Jahre alt, verfasste einen persönlichen Steckbrief. Lieblingssportarten: Handball und Volleyball, Lieblingsmusik: Europe, Bilgeri, Pet Shop Boys. Hobbys: Musikhören, Lesen, Stadtbummeln, Fröhlichsein. Am Schluss steht als Berufswunsch: „Gescheiter werden.“

Nach der Volks- und Hauptschule ging Gertraud A. auf die Handelsakademie, die sie allerdings nicht abschloss, weil sie mit den Fächern Italienisch und Rechnungswesen nicht klarkam. Stattdessen begann sie eine Lehre zur Bürokauffrau.

Angblich aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten im Betrieb zog Gertraud A. weg und lernte Johannes G. kennen. Der gelernte Tischler ist verheiratet und hat drei Kinder, lebt aber von seiner Familie getrennt.

Gertraud G. arbeitete zuletzt als Buchhalterin, ihr Freund war arbeitslos gemeldet, soll aber nebenbei gepfuscht haben, um den Unterhalt für seine Familie zu verdienen. Im gemeinsamen Haushalt dürfte das Geld knapp gewesen sein. In einer der ersten Einvernahmen sprach Gertraud G. davon, dass sie „Existenzangst“ gehabt habe. Die Ermittler gehen davon aus, dass Johannes G. unter keinen Umständen noch ein Kind haben wollte und seine Freundin unter Druck gesetzt haben könnte.

Doch als Erklärung für die Vorfälle in der Thalstraße 87 reicht auch das nicht aus.

Medienrummel. Am Freitagmorgen hatte die „Kleine Zeitung“ exklusiv über den Fund einer Babyleiche in Graz berichtet. Bis zum Mittag war bekannt geworden, dass es sich um drei Säuglinge handelte. Am frühen Nachmittag wurde dann das vierte Kind gefunden. Das Haus des Pärchens wurde zu diesem Zeitpunkt bereits von Journalisten belagert. Nicht nur österreichische Kamerateams waren angereist, sondern auch Medienvertreter aus Slowenien und Deutschland. Sogar der US-Nachrichtensender CNN berichtete über die grausigen Funde am Stadtrand von Graz.

Die Polizei befürchtet, dass die Tragödie sogar noch größere Ausmaße haben könnte als bisher angenommen. „Wir können nicht ausschließen, dass es noch weitere Leichen gibt“, sagt Werner Jud, Ermittlungsleiter der Grazer Polizei. „Die Suche wird fortgesetzt und konzentriert sich jetzt auf einen früheren Wohnsitz des Paares.“

Gertraud A. und Johannes G. lebten seit acht Jahren zusammen. Vielleicht hatten sie mehr als vier Kinder.

Von Emil Bobi und Rosemarie Schwaiger