"Erdogan muss als Diktator bezeichnet werden“

Faruk Logoglu, 72, Vize-Chef der größten türkischen Oppositionspartei CHP, über den Unmut gegen Premier Erdoğan und die Zukunft der Demokratie.

Interview: Anna Giulia Fink

profil: Mehr als zwei Wochen Massenproteste gegen die Regierung: Was erlebt die Türkei derzeit?
Faruk Logoglu: Die Proteste markieren den Anfang einer neuen Ära in der türkischen Politik. Alle Parteien müssen fortan alles unternehmen, um auf ihre Forderungen einzugehen.

profil: Nämlich welche?
Logoglu: Mehr Demokratie, Respekt vor fundamentalen Rechten und Freiheiten, Nicht-Einmischung in die Art und Weise, wie man sein Leben lebt - und letztlich auch Respekt vor den Demonstranten .

profil: Warum reagiert Erdogan so brutal?
Logoglu: Erdogan und seine regierende Partei, die AKP, haben eine gänzlich eigene, realitätsfremde Auffassung über die Ursprünge und Forderungen der Proteste.

profil: Was ist die Realität?
Logoglu: Es sind vorwiegend junge Menschen, Vertreter der sogenannten digitalen Generation, vor allem die Töchter und Söhne der neu entstandenen Mittelschicht in den städtischen Gebieten der Türkei, die demonstrieren. Sie haben aber auch Zulauf aus anderen Schichten bekommen.

profil: Ist Erdogan ein Antidemokrat?
Logoglu: Erdogan ist mit Sicherheit kein Demokrat. Wer keine unabhängige Justiz akzeptiert, wer unschuldige Menschen jahrelang hinter Gitter sperrt und wer Städte als sein Eigentum versteht, der muss als Diktator und autoritär bezeichnet werden. Die einzige demokratische Facette an Erdogan, ist, dass er gewählt wurde. Dass Demokratie aber nicht nur am Tag der Wahl, sondern jeden Tag gelebt werden muss, ignoriert er.

profil: Staatspräsident Abdullah Gül schlägt versöhnlichere Töne an als sein Parteikollege Erdogan. Wird Gül als Gewinner aus der Krise hervorgehen?
Logoglu: Ich bin mir sicher, dass viele Parteikollegen mit dem Verhalten des Premiers unzufrieden sind, aber letztlich werden sie trotzdem hinter ihm stehen - nicht aus Überzeugung, sondern aufgrund von konkreten Interessen. Erdogans Position ist nicht ernsthaft in Gefahr - die Stabilität und Sicherheit der Türkei sind es allerdings schon.