Universalist und Edelmann
Hubertus Czernin, 1956–2006

Hubertus Czernin wurde am 17. Jänner 1956 in Wien geboren. Nach seiner Matura 1974 studierte er Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Seine journalistische Tätigkeit begann Czernin in den siebziger Jahren beim „Kurier“ und bei der „Wochenpresse“. 1984 wurde er Redaktionsmitglied und später Ressortleiter Innenpolitik bei profil. Internationales Aufsehen erregten unter anderem seine Recherchen zum Fall Waldheim und zum Aufstieg Jörg Haiders. 1992 wurde Czernin Herausgeber und Chefredakteur von profil. Im Frühjahr 1996 wurde er von den Eigentümern des Magazins aus dieser Funktion abberufen. Von 1997 bis 2000 war er Autor beim „Standard“, 1998–1999 geschäftsführender Gesellschafter des Molden Verlags. Im Jahr 1999 gründete er den Czernin Verlag und nahm als Verleger und Autor Recherchen über den Kunstraub der Nazis und die unzulängliche Rückstellung der Kunstwerke an die einstigen Eigentümer und deren Erben auf. Höhepunkt dieser international anerkannten Vorreiterrolle und der Verlagsreihe „Bibliothek des Raubes“ ist die vor Kurzem erfolgte Feststellung der Rechtmäßigkeit der Ansprüche von Maria Altmann auf die Rückgabe von fünf Bildern von Gustav Klimt aus den Beständen der Österreichischen Galerie Belvedere. Hubertus Czernin hinterlässt seine Frau Valerie und drei Töchter.

Auf merkwürdige Weise scheinen sich manche Schicksale zu verknüpfen. Simon Wiesenthal und der ehemalige FPÖ-Chef Friedrich Peter, dessen SS-Vergangenheit er aufgedeckt hatte, starben im vergangenen Spätwinter fast zeitgleich. Hubertus Czernin starb fast genau am 20. Jahrestag der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten. Die Nachricht über seinen Tod stand im Teletext unmittelbar unter jener über das Ende eines Krankenhausaufenthalts des greisen Ex-Präsidenten.

Es greift viel zu kurz, wenn die Erinnerung an Hubertus Czernin am intensivsten mit seiner – freilich grandiosen – Arbeit am Fall Waldheim verbunden bleibt. Aber es wird vor allem das Exemplarische dieser Enthüllung im besten Sinn des Wortes die heutige Journalisten-Generation überdauern; das Unaufgeregte und die große Genauigkeit, mit der er zu Werke ging, werden als Beispiel bleiben.

Hubertus Czernin war einer der wenigen Universalisten in dieser Branche. Der großen historischen Recherche gab er sich mit der gleichen Begeisterung hin wie dem kleinen innenpolitischen Schwank. Noch als profil-Herausgeber schnupperte er mitunter lustvoll in die österreichische Tagespolitik – eine Seltenheit in einer Zeit, in der sich oft Volontäre nach der dritten Kurzmeldung für nichts anderes mehr hergeben wollen als für das große Feuilleton.

Dennoch legte er sich selbst und allen anderen die Latte weit nach oben, oft zu weit. „Seine Ziele griffen deutlich ins Höhere. Er mochte das Wichtige, das Schwere“, schrieb unser gemeinsamer Kollege Helmut A. Gansterer für eine Festschrift, die Hubertus Czernin vergangenen Dienstag bei der Verleihung der höchsten Auszeichnung von B’nai B’rith überreicht werden sollte.

Manches blieb ihm, bei aller journalistischen Größe, fremd. Das Wesen der Sozialdemokratie hat der aus altem Adel stammende und großbürgerlich erzogene Wiener nie wirklich verstanden, wenngleich viele seiner engsten Freunde aus diesem Lager kamen. Jörg Haider war ihm ein Gräuel. „Unser Gegner ist das Denken, das Jörg Haider verkörpert“, definierte er die Blattlinie von profil, nachdem er im Jänner 1992 dessen Herausgeber geworden war. Die ÖVP nervte ihn mit ihrer Jahrzehnte währenden Unfähigkeit, die katholische Kirche wegen ihrer inneren Verkrampfung. Als der damalige profil-Chefredakteur Josef Votzi 1995 die Affäre Groer aufdeckte, litt der gläubige Katholik Czernin schwer und forderte zugleich ebenso rückhaltslose wie umfangreiche Berichterstattung.

Die Seitenblicke-Gesellschaft mied er selbst dann noch konsequent, als ihre wenigstens sporadische Frequentierung bereits zu seiner Job-Description als Repräsentant von Österreichs wichtigstem Nachrichtenmagazin zählte. Als jene Society, der er sich so nachhaltig versagte, in der kurz nach seiner Amtsübernahme erstmals erscheinenden Info-Illustrierten „News“ ihr Zentralorgan fand, stellte dies Czernin vor die schwerste Prüfung seiner Karriere.

Er begegnete der neuen Konkurrenz nicht mit Imitation, sondern mit noch höherem Anspruch. Damit gelang ihm tatsächlich das Halten der Auflage, den galoppierenden Verlust an Anzeigenerlösen konnte er nicht verhindern.

Nicht selten war er in jenen Jahren bockbeinig und beratungsresistent. Wenn etwas schief ging, nahm er die volle Verantwortung auf sich. Das Suchen nach Ausreden war dem Edelmann zu billig.

Als ihn die Eigentümer auf höchst schmerzhafte Weise von der profil-Spitze abberiefen, fand Hubertus Czernin, dieser glühende Feind von allem, was mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte, in der unterbliebenen Restitution von Nazi-Raubgut sein Thema. Seine Präzision und Konzentrationsfähigkeit waren ihm dabei starke Waffen. Die Rückgabe der Klimt-Bilder an Maria Altmann nannte er „beruflich meine erste Geschichte mit Happy End“.

Irgendwann Mitte der neunziger Jahre zeigte er mir einen hartnäckigen Ausschlag an seinen Unterarmen. Dass es der Beginn seiner Krankheit zum Tode sein würde (einer äußerst seltenen Zellerkrankung), wussten wir nicht. Als wir vor etwa vier Wochen zum letzten Mal miteinander telefonierten, sprachen wir über sein nächstes Buch.

Er hat uns unbarmherzig früh verlassen.