Unübliches Gesudere am 1. Mai: Faymanns erster Tag der Arbeit als SPÖ-Vorsitzender

Für die rote Basis ist der 1. Mai höchster Parteifeiertag, für den Chef uninteressanter als Fronleichnam. Gernot Bauer über Werner Faymanns ersten Tag der Arbeit als SPÖ-Vorsitzender.

Nur weil es Peter Westenthaler so beschrieb, muss es nicht ganz falsch sein: „Wenn sie da oben stehen auf ihrer Tribüne und mit roten Tüchern winken wie das ZK – das ist schon eine wilde Symbolik.“ Wahrscheinlich war das vom Simmeringer Westenthaler gar nicht boshaft gemeint. Eher schaudernd-beeindruckt. Vergangenen Freitag, den 1. Mai 2009, standen sie wieder auf dem Wiener Rathausplatz und wachelten mit ihren Tüchern den einziehenden Sektionen von SPÖ und Gewerkschaft zu. Mit unterschiedlichen Techniken: Bürgermeister Michael Häupl winkt gern seitwärts scheibenwischermäßig aus Schulter und Ellbogen, AK-Präsident Herbert Tumpel aus dem Handgelenk wie eine in der Heimat zurückbleibende Soldatenbraut am Bahnsteig. ÖGB-Chef Erich Foglar, harter Metaller, lässt das rote Tuch kreisen wie ein Rapid-Ultra den Fanschal. Werner Faymann ist noch nicht da. Der Bundeskanzler, „der es liebt, bei den Menschen zu sein“ (Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas), zieht etwas später wie ein einfacher Genosse mit seiner Heimatsektion, der SPÖ-Liesing, auf dem Rathausplatz ein.

An 364 Tagen im Jahr fällt es der SPÖ leicht , sich über Peter Westenthaler lustig zu machen. An jedem 1. Mai ist die Sozialdemokratie selbst ein dankbares Ziel. Es lässt sich trefflich spotten über die Aufmärsche aus der Vorstadt, die verwitterten roten Fahnen mit drei Pfeilen, platte Parolen („Ja zur Krankenkasse“, „Liebenswertes Brigittenau“, „Eat the Rich“), originelle Teilorganisationen („Red Biker“), informative Moderatoren („Simmering hat Venedig an Einwohnerzahl überholt“) und den Wiener Bürgermeister, der die Parade mit ehrlicher Rührung beobachtet: ein großer anachronistischer Zirkus, der sich noch dazu hundertprozentig ernst nimmt.

Leichter fällt Häme nie. Für die SPÖ und die sozialdemokratischen Gewerkschafter spricht, dass sie das auch wissen, den Spott ihrer Gegner wie Winkelried die Lanzen bewusst auf sich ziehen und mit Stolz und Würde ertragen. Michael Häupl formulierte das einmal so: „Der 1. Mai ist wichtig, weil er identitätsstiftend ist.“ Gegen SPÖ und Gewerkschaft spricht, dass manche ihrer Vertreter bei angeblich identitätsstiftenden Veranstaltungen Andersgläubiger ebenso Spottlust verspüren. Etwa wenn der Bauernbund der ÖVP alljährlich im Herbst auf dem Heldenplatz ein trachtiges Erntedankfest feiert oder der Erzbischof zu Fronleichnam unterm Himmel durch die Innenstadt prozessiert. Folklore ist immer nur, was der Gegner tut.

Im Jahr 2009 hat die SPÖ etwas von ihrer Würde verloren. Schuld daran ist der heurige Hauptdarsteller am Rathausplatz, der – man kann es, ohne ihm Unrecht zu tun, vermuten – den 1. Mai selbst schon für einen Tag der Werner Faymann ist Praktiker. Für Symbolik (Dichand-Brief) fehlt ihm das Gespür. Zum Zweiten ist er Pragmatiker. Wenn einmal Ideologie vorhanden war, so hat sie sich abgeschliffen. Der Maiaufmarsch der Wiener SPÖ ist dagegen Symbolik und Ideologie pur. Nur an einem Tag im Jahr nimmt sie sich die Freiheit, ungehemmt von äußeren Zwängen zurück zur roten Natur finden zu dürfen. So wuchtig wirkt der jährliche Selbsterfahrungsmarsch der Arbeiterbewegung, dass die Wiener Stadtzeitung „Falter“ vorschlug, den Tag als Event touristisch zu vermarkten. Der Rest von Wien feiert am 1. Mai auch den Jahrestag der Wiederherstellung der alten demokratischen Verfassung im Jahr 1945. Für die SPÖ ist er freilich mehr Partei- als Staatsfeiertag.

Versteht Werner Faymann das eigentlich?
Vor einem Jahr war Alfred Gusenbauer SPÖ-Vorsitzender und die rote Mailaune getrübt durch den Kriminalfall Am­stetten und Gusenbauers vom ORF gefilmte Erkundigung, ob es sich bei einem Funktionärstreffen in Donawitz um „das übliche Gesudere“ handle. Im Jahr 2009 sudert die Partei auf höherem Niveau: über die Krise, Arbeitslose, die ÖVP und – noch leise – den Parteivorsitzenden, der von der roten Krisenbewältigungsidee „Reichensteuer“ partout nichts halten will.

Wenn einem SPÖ-Vorsitzenden danach ist , kann die 1.-Mai-Ansprache auf dem Wiener Rathausplatz eine gute Gelegenheit sein, einmal größer auszuholen. Pflöcke einzuschlagen. Das große Bild zu zeichnen. Vor allem, wenn es der erste Tag der Arbeit als Parteichef ist. Werner Faymann hingegen glückte das Kunststück, einen überraschend direkten Bogen vom Faschismus zur Nulllohnrunde zu schlagen. Beides droht, und beides lehnt der Kanzler ab: „Wir werden uns den Anfängen wehren.“ Die SPÖ – Partei der Arbeitnehmer und Antifaschisten. Unter hohem Erwartungsdruck lieferte der Vorsitzende einen rhetorischen Interruptus. Dramatisch-ambitionierter Beginn („Am 1. Mai geht es auch um Freiheit und Demokratie“), plötzlicher Abfall („Die Werte unserer Bewegung sind die Messgröße unserer Politik“) und lapidares Ende: „Ich bin stolz auf Wien und die Sozialdemokratie.“ Eine kürzere Rede hat am 1. Mai noch kein SPÖ-Vorsitzender gehalten.

Von seinen Vorrednern war Faymann schonend behandelt worden. Bürgermeister Michael Häupl und AK-Präsident Herbert Tumpel streiften das SPÖ-interne Problemthema nur kurz. Allein ÖGB-Präsident Foglar und ein Riesentransparent („Marx hatte Recht: Klassenkampf statt Kuschelkurs! Vermögensteuer jetzt!“) erinnerten den SPÖ-Chef daran, dass die Partei ihren angestauten Zorn zumindest ventilieren will.

Vor 25 Jahren hatte der Jungsozialist Faymann bei Maifeiern scharfe Töne gegen die Parteiführung angeschlagen. An diesem 1. Mai will der SPÖ-Vorsitzende am liebsten kuscheln – diesmal nicht mit dem Koalitionspartner, sondern mit der eigenen Partei. Klassenkämpferische Töne stören das harmonieorientierte Gemüt, und so erklärt sich vielleicht auch die Auswahl der Interpretin der zwei traditionellen Abschlusshymnen am Rathausplatz. Wo früher Chöre von Arbeitern oder Gemeindebediensteten das „Lied der Arbeit“ („Stimmt an das Lied der hohen Braut“) und die „Internationale“ („Wacht auf, Verdammte dieser Erde“) im breiteren Wiener Donkosaken-Sound anstimmten, sang am 1. Mai 2009 eine offenbar verhinderte „Starmania“-Teilnehmerin im himbeerfarbenen Kleid. In der SPÖ des Werner Faymann werden aus den Kampfliedern der internationalen Arbeiterbewegung Kuschelrock-Melodien.

Ironischerweise wirkt Werner Faymanns Zurückhaltung am Tag der Arbeit glauwürdiger und weniger widersprüchlich als der hilflose Krisenfuror seiner Parteifreunde. Wenn ÖGB-Boss Foglar in forscher Kasinokapitalismus-Kritik das „System“ als „entartet“ bezeichnet und die Genossen Häupl & Brauner am Podium applaudieren, darf man daran erinnern, dass die Wiener SPÖ-Stadtregierung zur „Entartung“ beitrug und ganze Straßenbahn-Garnituren in komplizierten Cross-Boarder-Leasing-Geschäften an amerikanische Finanzkonzerne verscherbelte. Wenn AK-Chef Tumpel gierige österreichische Manager geißelt, darf man daran erinnern, dass zu den bestbezahlten Vorstandsdirektoren im Land ehemalige SPÖ-Staatssekretäre wie Wolfgang Ruttenstorfer und Brigitte Ederer gehören. Auch muss die SPÖ-Regierungstruppe erst öffentlich erklären, warum ein schwarzer Beamtengewerkschafter, der die Privilegien seiner pragmatisierten Lehrer-Klientel verteidigt, ein Betonschädel-Bonze ist, während rote Wiener Gemeindebediensteten-Vertreter sowie Eisenbahner- und Post-Gewerkschafter, die für die Sonderregelungen ihrer ebenfalls unkündbaren Kollegen streiten, als Helden der Arbeitnehmervertretung durchgehen.

Gäbe es die Krise und ihre SPÖ-internen Begleiterscheinungen nicht, wäre die rote Welt wieder ganz in Ordnung. Was Gusenbauer einst getrennt hat, konnte Faymann verbinden. „Wir sind froh, dass nach den Irritationen der letzten Jahre Gewerkschaft und Sozialdemokratie unter Genossen ­Faymann wieder gemeinsam arbeiten“, sagt ÖGB-Präsident Erich Foglar am 1. Mai. „Wir stehen mit der Gewerkschaft Seite an Seite“, sagt Werner Faymann. Zum Maiaufmarsch am Tag der Arbeit 2009 sind – unglaublich, aber wahr – 100.000 Menschen auf den Rathausplatz gekommen. Sagt die SPÖ. Ab morgen wird wieder über Peter Westenthaler gelacht.