US-Wahl. Revolution im Hinterwald

US-Wahlen. Der Bundesstaat Missouri ist ein Spiegelbild der Vereinigten Staaten im Kleinen und ein verlässlicher Gradmesser für das politische Klima. Wer hier gewinnt, zieht erfahrungsgemäß auch ins Weiße Haus ein. Seit Kurzem liegt Barack Obama in den Umfragen voran.

Auf den ersten Blick erscheint der 24. Bundesstaat der Vereinigten Staaten unbedeutend: Missouri liegt ziemlich genau im Zentrum der USA, hat eine Fläche von 180.533 Quadratkilometern bei knapp sechs Millionen Einwohnern und wird seit 2005 von einem republikanischen Gouverneur regiert. Eine Autofahrt quer durch den Bundesstaat bietet dem Besucher idyllische Kleinstädte, riesige Maiskornfelder, den prachtvollen Missouri River und unzählige Country-Music-Bars.

Eigentlich nichts Besonderes. Doch dieser erste Eindruck täuscht: Kein anderer Bundesstaat vermittelt so präzise die politische Stimmung in den USA wie Missouri. Fast alle Präsidentschaftskandidaten, die hier in den vergangenen 100 Jahren siegten, zogen schließlich ins Weiße Haus ein.
Missouri ist geopolitisch ein Spiegelbild der USA. Amerika hat seine liberalen Großstädte an der Ostküste (New York) und an der Westküste (Los Angeles). Das Landesinnere besteht zum Großteil aus ländlichen Gebieten. Ähnlich in Missouri: Die größten Städte sind Kansas City im Westen und St. Louis im Osten, dazwischen: kleine Dörfer, landwirtschaftliche Betriebe. Missouri spiegelt auch die Bevölkerungsstruktur der USA wider: Ein Viertel der Wähler zählt zur klassischen Arbeiterschaft, die Arbeitslosenrate liegt bei 6,6 Prozent, und auch der Anteil der Afroamerikaner (13 Prozent) entspricht dem US-Schnitt.

In den vergangenen zwei Monaten schwächelte Barack Obama in den landesweiten Meinungsumfragen. Einige Institute sahen McCain und seine erzkonservative Vizekandidatin Sarah Palin klar in Führung. Doch die Finanzkrise brachte eine Wende. Von den so genannten Swing States, also jenen Bundesstaaten, die keine traditionelle Parteibindung haben und daher für das Wahlergebnis entscheidend sein werden, konnte Obama zuletzt einen nach dem anderen für sich gewinnen (siehe Grafik). Seit Kurzem führt der Senator aus Illinois auch in Missouri um fast drei Prozentpunkte.

Wetterkapriolen. Hillsboro ist eine 2000-Seelen-Stadt 200 Kilometer südlich von St. Louis. Hier leben die Brüder Arlon und Martin Held. Gemeinsam führen sie das kleine Unternehmen Held Brothers Constructions. Sie errichten Gebäude oder helfen bei Reparaturen an Holzhäusern in der Gegend. Seit jeher wählen die Helds republikanisch. „Unser Vater hat uns gepredigt, dass man nur behalten kann, was man besitzt, wenn man es auch verteidigt“, sagt Arlon Held, ein 60-jähriger muskulöser Mann im durchgeschwitzten T-Shirt. Sein Vater, ein Sohn deutscher Einwanderer, kämpfte im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis. Seine Rangabzeichen ließ die Familie in seinen Grabstein meißeln. „Erst hat er unter General Eisenhower gekämpft, dann hat er ihn zum Präsidenten gewählt“, sagt Held, während er sich auf die offene Tür seines Pick-up-Trucks stützt. „Wenn einer weiß, wie man den Irak-Krieg zu einem vernünftigen Ende bringt, dann ein Militär wie John McCain. Er hat die notwendige Erfahrung“, sagt er. Sein Bruder nickt. Beide sind eingeschriebene Mitglieder der Nationalen Waffenvereinigung NRA (National Rifle Association).

Auf Menschen wie die Gebrüder Held kann sich John McCain am 4. November verlassen. Aber genügt das? Mit sorgenvoller Miene deutet Arlon Held in die Ferne: „Im Rest von Missouri ist das politische Klima leider weniger beständig als bei uns daheim. Wenn Sie das Wetter hier in Missouri nicht mögen, dann warten Sie einfach zehn Minuten“, sagt er und blickt in den klaren Herbsthimmel. „Mit den Wahlergebnissen ist das ähnlich. Die ändern sich fast so schnell wie das Wetter hier.“ Was Held Sorgen macht, sind Menschen wie Lindsey Barnes aus Neosho im Süden Missouris. Die junge Ärztin sitzt in einer Cafeteria, trinkt einen Becher Caffè Latte und schwärmt von Barack Obama. Sie wünscht sich eine allgemeine Krankenversicherung, auch wenn diese Reform ihr Einkommen schmälern könnte. „Die Krankenversicherung kann Obama im Wahlkampf natürlich nicht versprechen. Man würde ihn automatisch als Sozialisten abstempeln“, sagt die 27-jährige Medizinerin.

Homo-Ehe. Neosho ist der südliche Ausläufer des so genannten „Bible Belt“ im Südosten der USA, in dem noch immer Gott und Glaube das tägliche Leben bestimmen. In der 10.000-Seelen-Gemeinde Neosho haben die lokalen Kirchen zum Beispiel alle Lizenzen für den öffentlichen Ausschank von Alkohol aufgekauft, um die Stadt alkoholfrei zu halten. Erst vor Kurzem konnte Sam’s Cellar eröffnen, die erste Bar von Neosho. „Für Al Gore und John Kerry habe ich in unserer Gegend nie eine echte Chance gesehen“, sagt Ärztin Barnes. „Aber mit der Finanzkrise haben viele begriffen, dass Werte allein keinen guten Präsidenten ausmachen. Bei Obama habe ich aber erstmals das Gefühl, dass er es wirklich schaffen kann, weil er auch die Konservativen begeistert.“

Rolla, eine 16.000-Einwohner-Stadt , liegt zwei Autostunden südwestlich von St. Louis. Hier, am Fuße der Naturschönheiten der Ozark-Hügelkette, die das Land durchzieht, verschwimmen im Unterschied zum stramm konservativen Neosho modernes Leben und Traditionalismus. Die kleine Universität zieht weltoffene Geister an, in den Cafés zwei Ecken weiter kauen grobschlächtige Baseball-Kappenträger an ihren Zahnstochern. Vor ihren Haustüren stehen Schilder mit der Aufschrift „Vote for McCain 2008“. In Rolla wohnt der homosexuelle Dylan McDonell. Dylan sitzt an diesem Mittwoch vor dem Haus seines Bruders und dreht an seinem goldenen Ehering. Gekauft hat er ihn in Kalifornien, wo er seinen Lebensgefährten Anthony staatlich anerkannt heiraten durfte. Wenn Dylan in Rolla mit seinem Ehemann Hand in Hand auf offener Straße geht, wird er immer noch schief angesehen. Auch Dylans Familie hat seine sexuelle Orientierung lange Zeit nicht akzeptiert. Heute unterstützen die Eltern ihren Sohn jedoch gegen die konservative Bockigkeit der Institutionen. „Meine Familie und auch viele ihrer Freunde werden am 4. November ein Zeichen setzen und Barack Obama wählen“, sagt Dylan stolz. In diesem Zusammenhang sieht er sogar einen gewissen Vorteil darin, dass Missouri gleichgeschlechtliche Ehen über lokale Gesetze unterbindet. Immerhin hilft der Bann über Umwege den Demokraten – weil die Republikaner mit dem Thema nicht mehr punkten können: „Das nimmt den Konservativen viel Wind aus den Segeln“, analysiert Dylan.

Diese Tatsache dürfte auch Jared Craighead Sorgen bereiten. Der stellvertretende republikanische Parteichef von Missouri sitzt in seinem Büro in der Hauptstadt Jefferson City und sieht sich stirnrunzelnd die letzten Umfragen aus Missouri im Internet an. „Die Wahlmotive in Missouri sind immer ein wenig gesellschaftskonservativer als in anderen Bundesstaaten“, sagt er. Craighead glaubt, dass die Mehrheit der Einwohner von Missouri noch immer gegen Abtreibung, für die Reduktion von Regeln und Steuern und – vor allem – das Recht auf freien Waffenbesitz ist: „Es ist immer noch wesentlich einfacher, einen Bundesstaat politisch zu behalten, als ihn umzudrehen.“

Wirtschaftskrise. Craighead vertraut auf Menschen wie den Immobilienmakler Doug McCain in der kleinen Ortschaft Clinton im Westen Missouris. Das dunkle Büro von Doug McCain ist mit vielen Jagdtrophäen an den Wänden geschmückt. „Das Geschäft läuft schlechter denn je“, klagt der stämmige Mann. Durchschnittliche Baugründe offeriert er um etwa 20.000 Dollar, teils in ausgesprochen schönen Flecken der Fluss- und Seenlandschaft rundum gelegen. Doch selbst die schönsten Immobilien sind nach dem Crash an der Wall Street nur schwer an den Mann zu bringen. „Wer hat schon so viel Eigenmittel? In Zeiten wie diesen gibt man keinen Cent zu viel aus“, murrt der Immobilienvermittler. Und die, die sich Teureres leisten können, kaufen lieber in weniger hinterwäldlerischen Gegenden. Doug McCain gibt allerdings nicht den Republikanern die Schuld an der Krise, im Gegenteil: „Gerade jetzt muss man doch einen starken, erfahrenen Mann wie McCain wählen“, sagt er über seinen Namensvetter.
Das Haushaltseinkommen in Missouri liegt mit einem Mittelwert von knapp 42.000 Dollar deutlich unter dem US-Durchschnitt. Übers Jahr gerechnet bekommen die Bürger dort um zwei bis drei Monatsgehälter weniger als der statistische Amerikaner. „Wir wären froh, wenn wir hier zumindest eine wirtschaftliche Situation hätten, wie sie der Rest des Landes beklagt“, sagt Demokraten-Sprecher Jack Cardetti.

Doch gerade in der wirtschaftlichen Misere wittert Cardetti Obamas Chance in den Schlusswochen des Wahlkampfs. Der Landessprecher der Missouri-Demokraten hat hier schon einige Wahlen geschlagen – und verloren. 2004 wurde er leidvoll Zeuge, als John Kerry den Bundesstaat einen Monat vor der Wahl aufgab und Geld und Personal in den umkämpften Swing State Ohio verlegte. Diesmal macht das Obama-Lager mit landesweit 40 Wahlkampfbüros den Republikanern auch drei Wochen vor der Wahl das Leben noch schwer.

Der Bauunternehmer Arlon Held aus Hillboro muss in die Arbeit fahren. „Ich zweifle, dass es die Republikaner dieses Jahr schaffen“, meint er – und murmelt, kurz bevor er losfährt, noch: „Unser dritter Bruder, der bisher immer die Republikaner gewählt hat, will diesmal Obama wählen. Das ist eine absolute Revolution in unserer Familie.“