Die Lust am Verbot

Zigaretten, Pornografie, Glühbirnen: verbieten. Prostitution, Magermodels, XXL-Soft-Drinks: verbieten. Plastiktaschen, Sexismus, Energieverschwendung: verbieten. Die Kinder der Generation, die sich von überkommenen ­Regeln befreite, wünschen sich nichts mehr als Gesetze, die den Alltag des Einzelnen kaputt­reglementieren. Warum bloß?

Ein Tag im Leben eines Serientäters aus dem Jahr 2012. Er steht in der Früh auf und stellt sich unter die Dusche, dreht auf und lässt das heiße Wasser in vollem Schwall auf sich niederprasseln.Danach schlurft er in einen Fastfood-Laden und genehmigt sich einen XXL-Becher Cola und eine extra-große Portion Pommes. Aus Langeweile blättert er in einer angesagten Modezeitschrift und betrachte die Fotos der schicken, feingliedrigen Models, an denen jedes labbrige T-Shirt einfach irre aussieht. Er raucht die erste Zigarette des Tages, seine Lieblingsmarke, die mit dem Indianer drauf, ultraleicht, Import. Danngeht er in den Supermarkt einkaufen, zwei Plastiktragetaschen voll. Anschließend shoppt er in einem Drogeriemarkt ein neues After Shave, das ihm in der TV-Werbung wegen der total enthemmten Mädels aufgefallen ist. Wieder zuhause ärgert er sich über die Dunkelheit im Vorzimmer. Es ist ein trüber Tag, und die Lampe ist seit einer Woche kaputt. Er schraubt eine neue 100-Watt-Glühbirne rein, die er in Großpackungen übers Internet bezieht. Den Rest des Tages verbummelt er, und weil er seit ein paar Monaten Single ist, spaziert er amAbend in die Rotlichtmeile und kauft sich dort bei einer Prostituierten Sex für 100 Euro.

Die Geschichte ist natürlich erfunden, denn es gibt niemanden, der an einem einzigen Tag so viele Übertretungen begeht. Oder etwa doch? ...

Lesen Sie die Titelgeschichte von Georg Hoffmann-Ostenhof, Gunther Müller, Rosemarie ­Schwaiger und Robert Treichler in der aktuellen Printausgabe oder in der profil-iPad-App.