Vergangenheitsbewältigung „zur Zeit“

Andreas Mölzer weiß, wie man heute Gedanken verbreitet, die man gestern noch für sich behalten musste.

Durch einen Zufall bin ich in einem angesehenen Wiener Kaffeehaus auf die letzte Ausgabe der Wochenzeitung „Zur Zeit“ gestoßen, die der alte und neue FPÖ-Ideologe Andreas Mölzer zusammen mit Bundesrat John Gudenus und Botschafter Johan Josef Dengler herausgibt.

Ihre Titelstory: „Historie als Hypothek – zahlreiche Antifaschistische Gedenkstätten als Kathedralen einer neuen Zivilreligion – Vergangenheitsbewältigung als mediale Massenhysterie – haben die Menschen genug davon?“

Weitere Titel auf Seite 1: „Partisanen: Österreichs Wehrmachtsdeserteure im Dienste Titos“ und „Kriegsende: Feiern in Moskau für den Sieg des Diktators Josef Stalin“. Und, als einziges nicht auf die „Vergangenheit“ bezogenes Thema: „Letzte Hoffnung: Jurist Schachtschneider über seine Klage gegen die neue EU-Verfassung“.

Es ist etwas Seltsames mit der blauen Forderung, doch endlich Schluss mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu machen: Niemand hängt so sehr an ihr wie die „Deutsche National und Soldaten-Zeitung“ und – auf einem etwas höheren Niveau und auf etwas subtilere Weise – die „Wochenzeitung für Österreich“ „Zur Zeit“.

Eine ziemlich gut gemachte Zeitung. Aktuell, durchwegs gut geschrieben, mit einer für österreichische Verhältnisse erstaunlich umfangreichen Auslandsberichterstattung – etwa einem durchaus lesenswerten Beitrag über „Usbekis-tan – Amerikas eigenwilliger Verbündeter“. Da ist die Hand von Andreas Mölzer als Chefredakteur spürbar: Das ist nicht das Niveau von John Gudenus oder Siegfried Kampl.
Aber die absolut gleiche Geisteshaltung.

Die „Zur Zeit“-Redakteure – Mölzer allen voran – können schreiben und argumentieren. Das ist der Grund, weshalb sie ungleich gefährlicher sind. Ich habe an dieser Stelle einmal geschrieben, warum ich eine FPÖ unter der Führung von seinesgleichen für gar nicht so chancenlos halte: Er weiß, wie man Ewiggestriges heute verkaufen muss. Nicht zufällig hat ihn Hans Dichand, der wie kein anderer weiß, was die Leute gerne lesen, als Kolumnisten der „Kronen Zeitung“ beschäftigt. Nicht zufällig beschäftigt Mölzer seinerseits einen Kolumnisten namens Horst Rudolf Übelacker, der die zentrale Story „Das Jahr 2005 – ein komplexes Gedenkjahr“ mit einem Untertitel versieht, der geschickt in eine rhetorische Frage kleidet, was Mölzer und Co höchst eindeutig zu beantworten wissen: „1945 – das Jahr der Befreiung oder doch nur ein Jahr der vollständigen und umfassenden Niederlage?“

Der Text beginnt mit einem Seitenhieb auf die „Feuilletonseiten der diversen Tages und Wochenzeitungen“: „‚Nazi-Deutschland kapitulierte – Deutschland wurde befreit‘ hören wir immer wieder. Einspruch: Am 8/9 Mai 1945 musste – nach heldenhaftem Kampf – die deutsche Wehrmacht bedingungslos kapitulieren. In Europa kannte man derartige Kapitulationen bisher nicht. Früher beendete man den Krieg und schloss Frieden …“

Aber die Alliierten waren eben rachedurstig – steht nicht drin; kann man nicht entgegnen oder einklagen. Nur mitfühlen. Zumindest sofern man beiseite lässt, dass Europa bis zu Hitler auch keinen derart bedingungslosen Angriffskrieg und Massenmord gekannt hat.

Ganz ähnlich klärt Übelacker die Frage, ob die Deutschen durch den Krieg, „den die Alliierten nach eigenem Eingeständnis gegen das Deutsche Volk – und nicht nur gegen das Hitlerregime – geführt hatten“, besiegt oder befreit worden sind: „Ja und Nein. Befreit wurden Inhaftierte und Verfolgte, das Deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit wurde besiegt, das Land von alliierten Truppen erobert und besetzt.“ Dass selbst dieses Deutsche Volk zum Zeitpunkt des alliierten Sieges Hitlers überdrüssig war – wenn freilich auch nicht in seiner überwältigenden Mehrheit –, fällt unter den Tisch. Ebenso der Umstand, dass „Befreiung“ auch eine objektive Seite hat: Beispielsweise die Auflösung einer mörderischen Geheimen Staatspolizei oder die Abschaffung mörderischer Gesetze. Selbst wenn Teile der Bevölkerung das subjektiv nicht als Befreiung empfinden, wäre es das gemäß Völkerrecht.

Aber natürlich kann Übelacker sich nicht damit zufrieden geben, die „Befreiung“ zu bestreiten, er muss den Spieß umdrehen und tut es auf presserechtlich geschickte Weise, indem er einen „bayrischen Juristen“ zitiert, der diese Frage schon vor zehn Jahren „auf den Punkt gebracht“ hat: „Befreier stehlen, rauben und plündern nicht. Befreier drangsalieren, foltern und morden nicht. Befreier sitzen nicht über Befreite zu Gericht … Befreier vertreiben Befreite nicht aus ihrer Heimat, sie eignen sich nicht Land, Hab und Gut der Befreiten an …“ Jetzt endlich weiß der Leser, was Mölzer & Co schon immer wussten: „Die Zeitgeschichte predigt deutsche (Allein)Schuld und verharmlost, verschweigt oder missdeutet die schweren Verletzungen der Menschenrechte zu lasten Deutschlands und der Deutschen in der Kriegs und Nachkriegszeit.“ Noch ein paar Sätze mehr, und wir sind bei Kampls brutaler Verfolgung der Nazis nach dem Krieg.