Verlorene Generationen

Die Zahl der Menschen, die nicht mehr von ihrem Job leben können, steigt in Wien rasant. Das Sozialsystem ist überfordert.

An Stockholm kommt niemand heran. Die skandinavische Stadt bietet, von der Gesundheitsversorgung bis zur Unterstützung, das beste Sozialsystem. Gleich dahinter kommt Wien: So lautet das Ergebnis einer Studie des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik, das die Sozialsysteme der Großstädte Brüssel, Lissabon, Hamburg, Prag, Stockholm und Wien unter die Lupe nahm.

In der Studie, die profil vorliegt, werden aber Schwachstellen der Wiener Sozialpolitik aufgezeigt:

• Das Phänomen der Working Poor: Seit zehn Jahren steigt auch in Wien die Zahl der Menschen rasant, die von ihren Arbeitsplätzen nicht leben können. Geringfügige Beschäftigung und Teilzeitarbeit haben auch die Konsequenz, dass keine oder zu geringe Ansprüche auf Sozialversicherungsleistungen erfolgen. Wiens Stadträtin Sonja Wehsely, die die Studie in Auftrag gab, plädiert daher dafür, das Sozialversicherungssystem zu ändern (siehe Interview).

• Studienautor Michael Fuchs weist nach, dass auch bei Jungen die Zahl der Sozialhilfebezieher stark steigt – vor allem bei jenen mit Migrationshintergrund. Fuchs: „Vor dem Problem darf Wien die Augen nicht verschließen. Sonst wächst eine Lost Generation heran.“ Fuchs plädiert dafür, schon im Kindergarten in Bildung zu investieren.

• Die Zahl der Kindergartenplätze in Wien ist im internationalen Städtevergleich für Kleinkinder gering. Dabei, so Fuchs, „bekommt man jeden Euro, der in Bildung für Kleinkinder investiert wird, achtfach zurück“.

• Auf ältere Behinderte sei Wiens System kaum eingestellt, dabei werde deren Zahl zunehmen. Generell hat Wien viel zu viele teure Spitalsbetten und zu wenige Pflegebetten. Die Versorgung im ambulanten Bereich ist nach wie vor unterentwickelt, kritisiert Fuchs: „Am Wochenende hat kaum eine Ordination geöffnet. Daher gehen die Menschen schon wegen einer Bindehautentzündung ins Spital.“