Vodka zum Quadrat

Veranstalter der gefragten Maturareisen werben in Schulklassen mit hartem Gratis-Alkohol. Die Schulbehörde sieht darin kein Problem.

Als Dietmar Tunkel 1992 maturierte, mag er von allem Möglichen geträumt haben, aber nicht davon, dass sich seine nebenbei geborene Geschäftsidee so locker zu einem wahren Hit entwickeln sollte: Er organisierte eine Türkei-Reise für seine Maturaklasse, erkannte, dass er eine Marktlücke entdeckt hatte, und beschloss, diese professionell zu bespielen. Er gründete mit seinem Partner Alexander Knechtsberger das Unternehmen Splashline und landete damit einen durchschlagenden Erfolg: Von den österreichweit 40.000 jährlichen Maturanten buchen heute fast 70 Prozent den rauschenden All-inclusive-Trip in die Türkei, rund 50 Prozent treten die Reise auch tatsächlich an (siehe Kasten Seite 36): eine Woche Vollgas der Marke Ballermann für rund 1000 Euro.

Nach wenigen Jahren zerstritten sich die Geschäftspartner, Knechtsberger sprang ab, gründete "Doc LX" und begann, selbst Maturareisen anzubieten. Jährlich zu Schulbeginn gehen die beiden erbitterten Konkurrenten in fast alle der rund 800 Maturaschulen Österreichs und bewerben in 2200 Schulklassen ihre ultimative Schulparty. In großformatigen Hochglanzkatalogen locken sie die Schüler mit aggressiver Werbung für Hochprozentiges. Doc LX verspricht in Großlettern "Jeden Abend Markenalkohol". Splashline geht noch deutlich weiter: Das Titelbild des neuen Katalogs zeigt eine riesige, von rund 150 jungen Menschen geformte Wodkaflasche. Im Inneren der Werbebroschüre wird "die Sensation des Jahres" angekündigt: "Absolut Vodka für alle an jeder Bar" und "Havanna Club Rum für alle an jeder Bar".

Keine Einwände.
Bisher hatte kaum jemand ein Problem damit. Dietmar Tunkel schätzt, dass lediglich zehn Prozent der Direktoren die schulfremden Werbeauftritte verbieten. Er habe bisher "überhaupt nur zwei E-Mails bekommen", in denen Bedenken gegen diese Art der Animation angemeldet werden. Und beide stammen von Eltern, kein einziger Lehrer soll bislang Einwände geäußert haben.

Schon 2007 hat das Unterrichtsministerium in einem Brief an alle Landesschulräte festgehalten, was Landesschulräte ohnehin wissen sollten: dass es ein "zwingendes Werbeverbot für jede Art von Alkoholika innerhalb der Schule" gebe.

Doch die Aktionen gingen in vollem Umfang weiter.

Im September dieses Jahres erging neuerlich ein Schreiben des Unterrichtsministeriums an die Schulbehörde. Summer Splash hatte im Sommer 150 angehende Maturaklassler für einen Tag zum Schnuppern kostenlos in die Türkei geflogen. Das Unterrichtsministerium hält in den Schreiben fest, dass Werbung im Umfeld der Schule verboten sei, wenn sie "die Schule an der Ausübung ihrer gesetzlichen Pflichten" hindere, zu denen auch zähle, die Schüler zur "selbstständigen Urteilsfindung" zu befähigen. Diese Verpflichtung werde unterlaufen, wenn "Schüler in der Schule von Dritten dazu instrumentalisiert werden, deren geschäftliche Anliegen in irgendeiner Form zu promoten". Da jede "einseitige und manipulative Gestaltung des Unterrichts" einer öffentlichen Schule untersagt sei, komme der vorliegende Sachverhalt auch mit dem "Indoktrinationsverbot im Sinn der Menschenrechtskonvention" in Konflikt.

Nicht statthaft.
Konsequenzen gab es bislang nicht. Auf profil-Anfrage hat das Unterrichtsministerium dazu Stellung genommen: "Die Bewerbung von Maturareisen, bei denen der Genuss von Alkohol in exzessivem Ausmaß propagiert wird, ist ? rechtlich nicht statthaft." Als nächsten Schritt werde man "auf allen Ebenen die aktive Kommunikation dazu intensivieren". Direktoren, Schulaufsicht, Schulpartner und alle Lehrer sollen "sensibilisiert" werden.

Dietmar Tunkel fühlt sich falsch verstanden. "Wir bewerben ja keinen Alkohol", sagt er im profil-Gespräch, "wir bewerben lediglich unsere Maturareisen." Seit jeher gebe es den brennenden Wunsch der Reiseteilnehmer nach Qualitätsalkohol, denn der "türkische Fusel sei unerträglich", so Tunkel. Qualitätsalkohol aber sei im Rahmen der Preisgestaltung dieser Trips nicht finanzierbar. Deshalb sei es eine "Sensation", dass es ihm, Tunkel, heuer nach schwierigen Verhandlungen gelungen sei, einen Deal mit "Absolut Vodka" abzuschließen. Mit dem Slogan "Absolut Vodka für alle an jeder Bar" bewerbe er keinen Alkohol. Er verkünde lediglich den erfolgreichen Abschluss des Deals mit dem Schnapshersteller. Wie viel von dem Feuerwasser für die bevorstehende Reise 2011 eingekühlt werden soll, kann Tunkel nicht sagen: "Ich habe noch keine Rechnung. Jedenfalls aber bekommen wir die Getränke direkt in der Türkei und müssen sie nicht aus Österreich mitnehmen. Die Türkei hat nämlich sehr restriktive Einfuhrbestimmungen für Alkoholika."

Zur Frage der vom Unterrichtsministerium kritisierten Promotion-Reise mit 150 Schülern sagt Tunkel, ihm sei die mögliche Rechtswidrigkeit dieser Aktion nicht bewusst gewesen. Das sei aber ohnehin eine einmalige Sache gewesen. Gebracht habe sie schließlich nichts. Tunkel: "Kein Effekt. Aber wir befinden uns mit 50 Prozent der gesamten Zielgruppe ohnehin am Plafond."