Von Schüssels Gnaden

Die in der ÖVP umstrittene Benita Ferrero-Waldner zieht nun doch in den Kampf um die Hofburg. Ihr Kontrahent Heinz Fischer gibt sich indes siegessicher: Er liegt in den Umfragen voran.

Trotz knapp bemessener Vorbereitungszeit war alles bestens organisiert: Die Werbetafeln mit der Aufschrift „Wir für Österreich – Wir für Benita“ waren flächendeckend aufgestellt. Dazu gesellten sich 15 mehr oder weniger Prominente, die im Wiener „Presseclub Concordia“ ihre Aufwartung machten.

Und dann dieser blöde Fehler.

Bei der Präsentation der überparteilichen Initiative für Benita Ferrero-Waldners Einzug in die Hofburg passierte vergangenen Freitag ein peinlicher Lapsus. Der Gründer und Sprecher des Komitees, „Licht ins Dunkel“-Initiator Kurt Bergmann, verhaspelte sich vor laufenden Kameras und nannte die Außenministerin hörbar „Benito“. Dem amtierenden Bundespräsidenten Thomas Klestil war dieser Fehler gleich zweimal bei der Angelobung der schwarz-blauen Regierungen unterlaufen. Viele meinen mit Absicht.

Kurt Bergmann dagegen ist ein echter Fan der Außenministerin. Und als solcher trommelte er „15 normale Bürger“ zusammen – vom Industriellen-Präsidenten Peter Mitterbauer bis zum Maler Ernst Fuchs. „Sie ist kompetent, engagiert, jung, weltoffen, international“, schwärmte Bergmann. „Und hübsch“, wie Fuchs einwarf.

Ähnlich wie beim ersten Klestil-Wahlkampf soll auch Ferrero-Waldner nicht als ausgewiesene ÖVP-Politikerin beworben werden. Das Bergmann-Komitee schickte daher sogar den Parteichefs von SPÖ, FPÖ und Grünen Briefe, in denen diese um Unterstützung für Ferrero-Waldner ersucht wurden. Kurt Bergmann steht als Wahlkampfmanager zur Verfügung, ein Ringstraßen-Büro soll als Zentrale dienen.

Am selben Freitag im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK): Unter dem Motto „President for president“ wurde Nationalratspräsident Heinz Fischer offiziell als SPÖ-Kandidat für die Hofburg präsentiert. Im Gegensatz zum ÖVP-Chaos waren bei den Roten die Reihen – von Michael Häupl bis Alfred Gusenbauer – dicht geschlossen. Es herrschte Aufbruchsstimmung. Heinz Fischer selbst gab sich siegessicher – und inszenierte sich ebenfalls als überparteilicher Bewerber. Geschickt baute er die Unterstützung der liberalen Heide Schmidt und des bürgerlichen Ex-Industriellenverband-Generals Herbert Krejci in seine Rede ein. Das Werben um die Grünen-Wähler überließ er Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger. Sie outete sich als „letztes sozialistisches Relikt in einer grünen Familie“. Wann immer dort auf die Sozialdemokratie geschimpft werde, werfe sie umgehend den Namen Heinz Fischer in die Redeschlacht. Ob seiner Autorität würden die Kritiker sofort verstummen. Außerdem sei er „ja so a sauberer Bursch“.

Zu diesem Zeitpunkt war Benita Ferrero-Waldner, 55, offiziell noch gar nicht die Kontrahentin von Heinz Fischer, 65. Obwohl sie am Freitag höchstselbst ihre Kandidatur verkündet hatte: „Ich stehe zur Verfügung.“ Viele Österreicher hätten sie förmlich zur Kandidatur gedrängt.

Gerüchte. Doch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel lässt seine loyale Außenministerin weiter zappeln. Erst Donnerstag dieser Woche will er bekannt geben, wen er gegen Fischer ins Rennen zu schicken gedenkt. Bis zuletzt wurden Gerüchte gestreut – das Namedropping reichte von EU-Kommissar Franz Fischler über Bildungsministerin Elisabeth Gehrer bis zum Schönbrunner Zoo-Direktor Helmut Pechlaner.

Den Weg für Ferrero-Waldner freigegeben hatte Steiermarks Landeshauptfrau Waltraud Klasnic. Am Montag vergangener Woche verkündete sie in Graz ihren endgültigen Verzicht auf eine Hofburg-Kandidatur. Ein gelungener Schachzug der Bundes-ÖVP in Zusammenarbeit mit der steirischen Volkspartei: Klasnics mögliches Antreten war nur deshalb so lange lanciert worden, um Niederösterreichs Erwin Pröll ja nicht wieder ins Spiel kommen zu lassen. Dieser hatte zwar schon im Herbst das Handtuch geworfen, doch in der VP-Spitze wollte man auf Nummer sicher gehen.

Derweil stand Benita Ferrero-Waldner in der Öffentlichkeit schon arg zerzaust da. Eifrig waren ÖVP-Granden, vor allem schwarze Landeschefs, auf der Suche nach Alternativkandidaten. An Ferrero-Waldners Kompetenz wurden immer lauter Zweifel geäußert, und die Handhabe der Annullierung ihrer ersten Ehe sorgte im bürgerlichen Lager für Unmut.

Hochzeit. Nur ein knappes dreiviertel Jahr hatte der Vatikan gebraucht, um die vor Gott geschlossene Verbindung mit einem bayrischen Mittelschulprofessor für nichtig zu erklären. Einen Tag vor Weihnachten konnte Benita Ferrero-Waldner ihren spanischen Literaturwissenschafter Francisco Ferrero Campos kirchlich zum Gemahl nehmen.

„Die Optik ist sicher nicht die beste“, findet Ingrid Turner, Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“. Wobei sie einschränkt: Ehe-Annullierungen würden sehr oft vorgenommen, nicht nur bei Promis. Allerdings sei das bei Ferrero-Waldner „schon eher schnell“ gegangen. Sie würde sich jedoch wünschen, dass allen wiederverheirateten Geschiedenen die kirchlichen Sakramente zuteil würden. „Wie das jetzt gehandhabt wird, das ist schon ein Ärgernis“, so Turner.

Mit Ferrero-Waldner kämpft erstmals eine Frau von aussichtsreicher Position aus um das höchste Amt im Staat – im Gegensatz zu Kandidatinnen wie Heide Schmidt (für die FPÖ 1992, für das LIF 1998), Freda Meissner-Blau (für die Grünen 1986) oder Ludovica Hainisch (parteifrei, 1951). „Die Zeit ist reif für eine Frau an der Spitze“, so Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer (OGM). „Das ist sicher ein Plus für Ferrero.“

Ganz anders bewertet market-Chef Werner Beutelmeyer die Ausgangslage: Ferrero-Waldner könnte Opfer von Protestwählern gegen die Regierung werden. „Ich rechne damit, dass Fischer gewinnt“, meint Beutelmeyer. „Als Frau hat sie außerdem einen leichten Nachteil. Denn der Präsident gilt noch immer als Staatsvater.“

Mit Ausnahme der Königinnen in Großbritannien, den Niederlanden und Dänemark gibt es derzeit in Europa nur in Finnland und Litauen Frauen als Staatsoberhäupter.

In der ÖVP-Zentrale wird freilich auf eine neue Studie des Fessel-Instituts verwiesen, wonach für 72 Prozent der Österreicher die Frage des Geschlechts bei der Entscheidung für den Bundespräsidenten keine Rolle mehr spielt.

VP-Strategen hoffen auf eine Wiederholung des „Stenzel-Effekts“. Bei den Europawahlen 1996 hatte Ex-ORF-Journalistin Ursula Stenzel als ÖVP-Kandidatin bei urbanen, weiblichen, berufstätigen Wählerinnen unter 45 punkten können. In manchen Bezirken lag Stenzel sogar zehn Prozentpunkte über den VP-Ergebnissen bei den gleichzeitig abgehaltenen Wiener Gemeinderatswahlen. „Diese urbanen Schichten, bei denen die ÖVP traditionell Schwächen aufweist, könnte Frau Ferrero-Waldner durchaus ansprechen“, sagt Peter Ulram vom Fessel-Institut.

In den Umfragen liegt Heinz Fischer derzeit vor Ferrero-Waldner. Laut einer profil-market-Studie glauben 50 Prozent der Österreicher, dass Heinz Fischer am 25. April reüssieren wird. Nur 30 Prozent tippen auf Ferrero-Waldner. In einer Gallup-Umfrage im Auftrag von „News“ kommt Fischer in der Wählergunst auf 43 Prozent, Ferrero-Waldner auf 40 Prozent.

Doch die große Anzahl von Unentschlossenen könnte für Überraschungen sorgen. In der ÖVP-Zentrale vertraut man daher auf interne Umfragen, wonach die Österreicher für das Amt des Bundespräsidenten ein Anforderungsprofil im Sinne haben, das bestens auf Ferrero-Waldner passen würde: An erster Stelle steht die Wahrnehmung von Österreichs Interessen im Ausland. Ganz hinten die Rolle des Bundespräsidenten als innenpolitischer Vermittler. Nach dem oft glücklos agierenden Thomas Klestil sind innenpolitische Einmischungen aus der Hofburg offenbar nicht mehr so sehr erwünscht.

In der Vertretung nach außen hat die gelernte Diplomatin Ferrero-Waldner, die drei Fremdsprachen perfekt beherrscht, keine schlechten Karten. Vor allem ihr Einsatz zur Aufhebung der EU-Sanktionen im Jahr 2000 ist vielen noch im Gedächtnis. „Sie hat damals wie eine Löwin um ein bedrohtes Kind gekämpft“, erinnert sich Industriellen-Präsident Mitterbauer, der Ferrero damals eine Reise nach Madrid, Paris und London finanziert hatte.

Tee bei Thatcher. Die Tour war am Außenamt vorbei organisiert worden. Hohe Diplomaten mokieren sich noch heute, dass Ferrero-Waldner in London ausgerechnet Margret Thatcher zum Tee getroffen hatte. „Für die Labour-Regierung war das eher ein Grund, die Sanktionen fortzusetzen“, witzelt ein Diplomat.

Das „Kampflächeln als ihre schärfste Waffe“ (Wolfgang Schüssel) setzte sie unbeirrt ein und ging damit ihren EU-Kollegen, allen voran dem deutschen Außenminister Joschka Fischer, gehörig auf die Nerven.

In Krisensituationen erwies sich Ferrero-Waldner nicht immer so nervenstark. Als junge Österreicher im Juli 2001 von der „Volxtheater-Karawane“ in Genua als Terroristen verhaftet wurden, belastete sie die jungen Leute zuerst und schickte erst später Diplomaten in die italienischen Kerker, um sie freizubekommen. Als ein österreichischer Polizist im März 2002 im Kosovo inhaftiert wurde, ließ sie dem UN-Generalsekretariat mit dem Abzug aller österreichischen UN-Einheiten drohen.

Ansehen erwarb sie sich bei ihrem Einsatz für Menschenrechte und bei der Entwicklungszusammenarbeit. Weitere Pluspunkte: ihr Fleiß und ihr unprätentiöser Charme, der auch den so genannten „kleinen Mann“ für sie einzunehmen vermag.

Heinz Fischers Beraterstab hat sich jedenfalls auf ein hartes Match eingestellt. Das befürchtete Szenario: Die ÖVP werde Fischer als Apparatschik punzieren und seine Besuche in Kuba und Nordkorea als Schwäche für Linksdiktaturen angreifen.

Im Ferrero-Lager wird ebenfalls an Abwehrstrategien getüftelt: Auf der sachlichen Ebene soll die Kandidatin so wenig wie möglich mit Fischer in direkte Konkurrenz treten. „Denn sobald sie von vorbereiteten Manuskripten abweicht, wird es gefährlich“, bangt ein hoher Diplomat im Außenministerium.