Wahlhelfer: „Wir hätten auch getanzt“

Zettel verteilen, Fähnchen schwenken, argumentieren: Julia, Christian, Daniela und Benedikt haben sich im Wahlkampf kräftig ins Zeug gelegt. Nur für zwei hat sich die Mühe gelohnt.

Christian, 17, Benedikt, 18, Julia, 20, und Daniela, 22, haben viel gemeinsam: Alle waren sie in den vergangenen Wochen von früh bis spät unterwegs. Alle haben sie in den letzten Tagen wenig geschlafen. Und alle standen sie am Wahlsonntag am späten Nachmittag vor TV-Geräten und fieberten der ersten ORF-Hochrechnung entgegen.

Doch die ORF-Moderatorin zog mit einem Satz eine scharfe Trennlinie zwischen den Jugendlichen: „Die Hochrechner gehen davon aus, dass der nächste Bundespräsident Heinz Fischer heißen wird.“

In der Zelinkagasse im ersten Wiener Gemeindebezirk reißt in diesem Moment der zwischen SPÖ-Parteiprominenz eingekeilte 17-jährige Gymnasiast Christian die Arme hoch, klatscht in die Hände und hört gar nicht mehr auf, im Takt mit seinen Genossen „Hein-zi! Hein-zi! Hein-zi!“ und „Fischer ist Präsident!“ zu schreien.

Benedikt und Daniela, die beiden ÖVP-Wahlhelfer, schwitzen im selben Augenblick in wattierten gelben Jacken auf der von Scheinwerfern aufgeheizten Bühne des Wiener Kursalons Hübner und skandieren: „Be-ni-ta! Be-ni-ta! Be-ni-ta!“ So, als müssten sie die Enttäuschung darüber, dass ihre Kandidatin es nicht geschafft hat, durch Lautstärke wettmachen.

The show must go on. Wie ihnen wirklich zumute ist, kann man erahnen, als die ORF-Kameras von ihnen wegschwenken: Dann nestelt Benedikt mit trotzig vorgeschobener Unterlippe an seinem Freundschaftsband, das er am Handgelenk trägt; und Daniela fächelt sich ein wenig frustriert und erschöpft mit dem Benita-Plakat Kühlung zu.

Bis zur Verkündung des vorläufigen amtlichen Endergebnisses der Wahl – 52,4 Prozent für Heinz Fischer, 47,6 Prozent für Benita Ferrero-Waldner – waren Christian, Julia, Benedikt und Daniela Angehörige einer gemeinsamen Spezies gewesen: Wann immer die Hofburg-Kandidaten Heinz Fischer und Benita Ferrero-Waldner im Wahlkampf auf Fotografen und Kameraleute getroffen waren, hatten sie jugendliche Unterstützer um sich. Stets waren sie inmitten von Scharen fröhlicher Menschen zu sehen, die Plakate hochhielten, Fähnchen schwenkten und Luftballons steigen ließen. Gehalten wurden die Plakate und geschwenkt wurden die Fähnchen unter anderem von Christian, Julia, Benedikt und Daniela.

Waren die Wahlhelfer von Heinz Fischer und die Unterstützer von Benita Ferrero-Waldner bis zum vergangenen Sonntag gleichermaßen motiviert und optimistisch, war die Stimmungslage am Wahlabend dann naturgemäß sehr unterschiedlich. Die einen hatten gewonnen, die anderen verloren. Zwischen ihnen lagen wenige Prozentpunkte – und doch eine ganze Welt.

Für Julia und Christian, die SPÖ-Groupies, war der Sonntag die Krönung ihrer Arbeit. Mit einem DJ im Schlepptau und bewaffnet mit Stapeln von Broschüren, hatten sie in den vergangenen Wochen vor Jugendtreffs und Szenelokalen um Stimmen für ihren „Heifi“ geworben. „Gegen Ende wurde es etwas anstrengend“, gesteht Julia: „Dafür ist es jetzt umso schöner.“

Für Benedikt und Daniela hingegen, zwei von rund 250 jungen ÖVP-Wahlhelfern, endete ihr Einsatz in den Straßen von Wien mit einer Niederlage. „Österreich hat falsch entschieden“, bilanziert Daniela bitter, und dabei zittert ihr Kinn. „Traumergebnis ist es keines“, kann auch Benedikt seine Enttäuschung nicht verbergen. ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka versucht, die geschlagenen Kämpfer wieder aufzurichten: „Ich weiß aus meiner Erfahrung als Marathonläufer, was für ein Schmerz das ist, wenn man alles gegeben hat und bei Kilometer 40 merkt, dass es sich nicht ausgeht.“

Benedikt war mit seinen 18 Jahren einer der Jüngsten im Team. Seit November vergangenen Jahres besucht der in Wien-Hietzing, dem Heimatbezirk des Bundeskanzlers, aufgewachsene Maturaschüler die Treffen der Jungen ÖVP. Ende Februar heuerte er im Benita-Team an.

Um sieben Uhr Früh stand Benedikt an Kreuzungen und drückte Passanten Zettel in die Hand. Spätabends traf man ihn in Kino-Centers im Gespräch mit Erstwählern. In der letzten Wahlkampfwoche schaute der Bundeskanzler auf ein Frühstück in der Wahlwerkstatt vorbei. Benedikt war zwar „ziemlich aufgeregt“, aber nicht schüchtern. Er sprach den Bundeskanzler an: „Wir werden es gemeinsam schaffen!“ Worauf Schüssel lächelnd bemerkte: „Es wird sich schon ausgehen.“

Seine Kollegin, Daniela, ist seit Jahren bei der JVP, und für Benita Ferrero-Waldner hat sie sich ganz besonders ins Zeug gelegt. Als vor wenigen Tagen ein Taxifahrer folgenden Handel vorschlug: „Ich wähle Ferrero-Waldner, wenn du mir etwas vorsingst“, intonierte sie prompt „Benita – Benita – Benita“ – und der Mann versprach dann tatsächlich, der ÖVP-Kandidatin seine Stimme zu geben. Es gibt verschiedene Kanäle, aber nur eine Botschaft: „Für Benita hätten wir auch getanzt“, sagt Daniela.

Eiskaltes Händchen. Hier wie dort der gleiche Enthusiasmus. Selbstverständlich waren auch die Heifi-Anhänger aus „vollem Herzen“ dabei – für Heinz Fischer, unseren „lieben Daddy“, wie einer aus der Runde scherzt. „Für Jörg Haider würde ich nicht so rennen“, erklärt Christian, den sein Deutschlehrer für die Politik begeistert hat und der nach der Schule unbedingt Politikwissenschaften studieren will. Eine erfolgreiche Karriere scheint ihm vorgezeichnet, ist er selbst überzeugt: „Mit 17 schon der erste Wahlkampfsieg, das ist doch etwas.“

Wie Christian ist auch Julia zum ersten Mal hautnah beim Kampf um Stimmen dabei gewesen – wobei hautnah bei der Studentin der Handelswissenschaften eine doppelte Bedeutung hat: Julia gehörte zu jenen jugendlichen SPÖ-Wahlhelferinnen, die Heinz Fischer bevorzugt abbusselte. Einmal hielt er dabei ihre Hand und konstatierte, wie „eiskalt“ diese sei. Besorgt erkundigte er sich: „Hast du nicht ein paar feurige Mannsbilder, die sie dir wärmen?“

Julia, die Fischers „ruhige, überlegte Art“ sehr schätzt, hätte es „urtragisch für Österreich gefunden“, wenn ein „eitler und verbissen ehrgeiziger Mensch wie Ferrero-Waldner in die Hofburg“ eingezogen wäre. Dieser Sorge ist sie jetzt entledigt. Und dadurch gewinnt auch die Anekdote mit dem Handerl noch an Würze: „Wer kann von sich schon behaupten, dass ihm oder ihr der Bundespräsident schon einmal die Finger gewärmt hat?“