Was passierte wirklich? Markus Rogan
und die Chronik einer Seifenoper

Die Prügelaffäre um Markus Rogan ist zu einer bizarren Story voller Widersprüche ausgeartet. Ein außergerichtlicher Vergleich soll retten, was zu retten ist. profil hat sich in Rom umgehört.

Fabio Balini, ein attraktiver 54-Jähriger mit Designersonnenbrille, bunten Badeshorts und Flipflops, ist genervt. Der Miteigentümer und Sprecher des Nobel­beachclubs „Shilling“ am Strand von Ostia bei Rom will am liebsten gar nichts mehr sagen über den Fall Rogan. Es ist Mittwochvormittag, Balini empfängt den Besucher widerwillig an einem schattigen Platz zwischen Palmen mit Blick auf das Tyrrhenische Meer. „Genau dort, wo Sie jetzt sitzen“, sagt Balini, „ist Markus am Tag nach seinem Unfall in der Disco von 10 bis 17 Uhr gesessen, also wirklich den ganzen Tag!“ Der Schwimmstar habe sich für sein Verhalten in der vorangegangenen Nacht entschuldigt und gesagt, dass dieser Club der schönste Platz der Welt sei.

„Würde das jemand tun, der von uns übel verprügelt wurde?“, fragt Balini. Um etwa 17 Uhr sei Rogan in die Privatklinik „Villa Steward“ gefahren, „und plötzlich kamen diese absurden Anschuldigungen gegen uns. Erst dann ist die Sache zu einem Streitfall geworden, und es gab Erklärungen von seinem Management, die einfach falsch sind.“ Was in der Nacht vom 1. auf den 2. August im Shilling geschah, beschäftigte nicht nur Österreichs Medienlandschaft über eine Woche lang. Selbst „USA Today“ und der „Times of India“ war die Affäre eine Meldung wert. War Rogan tatsächlich völlig betrunken und gefährdete mit einer zerbrochenen Bierflasche andere Gäste, weshalb ihn die Securitys nach draußen begleiten mussten? Oder hat sich der Schwimmstar lediglich amüsiert, ist zu Unrecht aus dem Club geworfen worden, kletterte über eine Absperrung zurück in den Club und ist dann in einem Hinterzimmer von den Sicherheitsleuten übel verprügelt worden?

Mittlerweile scheint keine der beiden Streitparteien mehr an einer Aufklärung des Falls interessiert zu sein. „Es wird einen außergerichtlichen Vergleich geben, die Sache ist eigentlich schon abgeschlossen“, sagt ein von Rogan mit der Sache Betrauter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Der Vergleich scheint das logische Ende einer absurden Posse, in der beide Streitparteien viel zu verlieren haben: Es geht um Image, und es geht letztlich um viel Geld. Und weil die ganze Wahrheit in diesem Fall keinem guttäte, verstrickten sich Rogan und die Clubbesitzer bis zuletzt in Widersprüche.

Der Strandclub Shilling: ­Fabio Balini ist ein bekannter Mann in der römischen Partygesellschaft. Der Besitzer einer Bar im Zentrum von „Lido di Ostia“ beschreibt ihn als „bravo imprenditore che sa fare“, einen Mann mit Geschäftssinn. Balini habe das Kitesurfen ans Meer von Ostia gebracht, das Shilling neu designt und zu einem frequentierten Club für Schauspieler, Fußballstars und andere Persönlichkeiten der High Society gemacht. Zu einem Ort, an dem es gutes Essen, gute Partys und „privacy“ gibt.

Schläge. Auch Markus Rogan kannte diese Vorzüge. 2008 trainierte er ein Jahr lang in Rom und wurde während dieser Zeit zum Stammgast. Balini wird nicht müde, Rogan in höchsten Tönen zu loben. Er beschreibt ihn so, wie man den Schwimmstar als österreichisches Sportleraushängeschild gerne darstellt: als smarten, kultivierten, stets freundlichen Typen mit einem Faible zum Exklusiven. „Markus è un amico nostro, anche adesso“ – Markus ist unser Freund, auch heute noch. Ein Freund, den – wie Balini bisher gegenüber österreichischen Medien behauptete – seine Türsteher nicht angerührt haben. Gegenüber profil gab Balini nun erstmals zu, dass die Securitys Rogan durchaus geschlagen haben könnten.

„Ich war an diesem Abend nicht da, aber natürlich kann es sein, dass einer von ihnen härter durchgreifen musste.“ Heißt das, dass sie Rogan auch geschlagen haben? „Kann sein, dass sie ihm am Ende eine verpasst haben oder ihn gestoßen haben und er gegen ein Geländer geflogen ist. Aber das war nichts Ernstes. Er hatte einen kleinen roten Fleck auf der Wange, das ist doch nichts.“ „Die Ärzte haben festgestellt, dass Rogans Schwellungen, Prellungen und Verletzungen im Gesicht nur durch Fremdeinwirken verursacht wurden.“ „Ich weiß nicht, ob das Wissenschafter sind, wenn die sagen können, woher einer eine rote Wange hat.“

Ein heikler Teil der Geschichte handelt von einem Video, das am besagten Abend im Eingangsbereich des Clubs aufgenommen worden sein soll – und den Betreibern der Disco als Beweis dienen soll, dass ohnehin nichts passiert ist. Was ist also mit diesem Video? „Darauf ist lediglich zu sehen, wie Rogan sanft hinausbegleitet wird“, sagt Balini. Kann man es sehen?
„Nein, schreiben Sie einfach, dass Sie es gesehen haben und dass darauf genau das zu sehen ist.“ Wenn das so ist, warum zeigen Sie es dann nicht einfach her?

„Das bringt nur unnötigen Ärger. Schrei­ben Sie einfach, es gibt kein Video.“ Andrea, ein 25-jähriger Koch und an Wochenenden Stammgast im Shilling, kennt Fabio Balini gut und kann seine Argumente nachvollziehen. „Natürlich will er nicht länger drüber sprechen“, sagt er in einer Bar in Ostia. „Wer so etwas wie das Shilling aufgebaut hat, will keine Schlagzeilen über Schlägereien und schon gar keine über Schlägereien mit wichtigen Gästen.“ Ein anderer Besucher, der vom Vorfall in der Tageszeitung „Messaggero“ gelesen hat, mischt sich ins Gespräch ein. „Dieser Rogan hatte das Pech, dass ihn in Italien kein Schwein kennt. Trotzdem muss er sich schon besonders blöd benommen haben, denn Prügel gibt es im Shilling nur selten. Alkoholismus ist in unseren Diskotheken ein wirkliches Problem, und wenn etwas passiert, dann sind die Besitzer dran. Die stehen unter großem Druck.“

Einem Druck, der allerdings nicht minder stark auf dem Sportidol und Aushängeschild einer ganzen Nation lastet. Bisher steht über Rogans mysteriöse Nacht im Shilling Folgendes fest: Nachdem er in der Nacht zum Sonntag, dem 2. August, gegen 1.30 Uhr nachts das Shilling verlassen musste, begleitete ihn die örtliche Guardia di Finanza in das Spital von Ostia. „Ein Auto der Polizei war dort zufällig vor Ort, die Beamten haben Rogan gesehen und ihm geholfen, niemand hat sie gerufen“, sagt ein Mitarbeiter der Einheit.

Im Spital wurde Rogan erstversorgt, wollte jedoch nicht lange dortbleiben. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass man mir dort so wirklich helfen wollte“, sagte Rogan später. Daraufhin fuhr er zurück ins Hotel des österreichischen Schwimmteams, das Parco Tirreno in Rom. Nach einer kurzen Nacht soll Rogan seinen Trainer Paul Eder kontaktiert haben. Dass der Schwimmstar gleich am nächsten Tag zurück ins Shilling fuhr, hat Eder bereits bestätigt. Gemeinsam waren Eder, Rogan und die Athleten Erwin Dokter, Martin Spitzer und Sebastian Stoss am Samstag, den 1. August in den Strandort gefahren. Dort hat die Gruppe gemeinsam gegessen. Als sich das Shilling füllte, verlor sich die Gruppe aus den Augen. „Wir haben nichts mitbekommen. Markus hat sich auch nicht gerührt, und wir sind dann irgendwann zurückgefahren“, erklärte Eder.

Erst am nächsten Morgen habe der Coach seinen Schützling im OSV-Team­hotel Parco Tirreno wiedergesehen und von ihm erfahren, was passiert sei. „Wir sind dann wieder nach Ostia“, fasst Eder den Sonntag zusammen. „Am Nachmittag bin ich ins Hotel zurück, und Markus ist in die Privatklinik Villa Steward. Dort habe ich ihn am Abend besucht.“

Was Rogan im Shilling konkret wollte, sich beschweren oder sich bei Fabio Balini tatsächlich entschuldigen, ist bis heute unklar. Paul Eder war bis Redaktionsschluss für profil nicht erreichbar. „Er hat mir das so erklärt, dass er sich dort über den Rausschmiss beschweren wollte. Sein Verhalten entsprach nicht seiner sonstigen Professionalität. Rogans Version weist echte Lücken auf“, sagt Leodegar Pruschak, Geschäfts­führer der Zentralen Raiffeisenwerbung im Gespräch mit profil.

Aber der Discobesuch lässt noch mehr Fragen offen. Warum etwa wollte Rogan eine Reihe von Zeugen, die seine Darstellung bestätigen könnten, gegenüber profil nicht nennen? „Wir haben den italienischen Behörden eine Liste von Zeugen übergeben, die bestätigen können, dass Herr Rogan nicht alkoholisiert war“, sagte Rogans Wiener Anwalt Mario Schiavon kurz nach der Discoaffäre. profil fragte vergangene Woche bei Schiavon nach und wollte mit den Zeugen Kontakt aufnehmen. „Dagegen spricht im Grunde nichts“, sagte Schiavon noch am Montag. Am Mittwoch meinte der Anwalt: „Mein Mandant hat noch keine klare Auskunft gegeben.“

Sponsorenvertrag. Aber warum nicht, Rogans Vertrauensleute könnten doch seine Version bestätigen? „Sehe ich auch so“, sagte Schiavon.
Freitagvormittag vergangener Woche gab Rogans Anwalt zu verstehen: „Mein Mandant will die Zeugenliste nicht bekannt geben.“ Das war zu einem Zeitpunkt, als die ­außergerichtliche Einigung kurz vor dem Abschluss stand.
Für Rogan selbst ist die Sache damit aber nicht aus der Welt geschafft. Vielmehr kommt sie zu einem Zeitpunkt, an dem die sportlichen Erfolge seine Dauerpräsenz in der Öffentlichkeit nicht länger rechtfertigen. Bei der Weltmeisterschaft in Rom ist Österreichs erfolgreichster Schwimmer aller Zeiten kolossal gescheitert, erreichte in seiner Standarddisziplin 200 Meter Rücken lediglich Platz 27. Die Öffentlichkeit hat Rogan nicht mehr hinter sich. „Recht geschieht dem arroganten Schnösel“, lautete der Konsens in den Internetforen. Wenige Tage nach der Prügelaffäre tauchte im Internet ein Online-Spiel unter dem Titel „Hau den Rogan“ auf. Die Zugriffe waren enorm.

Solche Imageprobleme gehen freilich nicht an Rogans Sponsoren vorbei. Sein Vertrag mit Raiffeisen, der seit 2004 besteht, endet plangemäß Ende September. Ob dieser noch einmal verlängert wird, ist offen. Schon nach dem enttäuschenden Ergebnis bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 sei der Werbevertrag, über dessen Details beidseitig Geheimhaltung vereinbart wurde, „leistungsbezogen“ abgeändert worden, erklärt Raiffeisen-Werbechef Pruschak. Geldzahlungen wurden strenger von künftigen sportlichen Erfolgen abhängig gemacht. Dazu kam neu „als Sachleistung“ seitens des Raiffeisen-Konzerns ein Traineeprogramm, bei dem Rogan beim „Private Banking“ im Wiener Loos-Haus eine Ausbildung als Banker absolvieren durfte.

Kündigt die Raiffeisen-Gruppe Rogan ihren Sponsorvertrag, dann muss sich der 27-Jährige etwas Neues überlegen. „Rogan hat ja als Sportler auch eine Vorbildfunktion. Und die fordern wir natürlich ein“, sagt Pruschak. Bisher sei die sportliche Bilanz „keine sehr gute“ gewesen. Eine von Medien kolportierte Banker-Ausbildung, die Raiffeisen ihrem Werbestar in New York finanzieren soll, wird von Pruschak ­dementiert. „Davon war bisher nicht die Rede.“ Laut Insidern ist die Trennung zwischen Raiffeisen und Rogan nicht unwahrscheinlich. Was bedeutet: Falls Rogan seine Ausbildung in New York fortsetzen sollte, dann wird diese nicht von Raiffeisen finanziert werden.

Mitarbeit: Otmar Lahodynsky