Junge Helden

Laut einer vergangene Woche ver­öffentlichten Umfrage sind Österreichs Jugendliche herzlose Ich-Menschen. In Wien beweisen mehrere Schülergruppen in den Tagen vor Weihnachten das Gegenteil.

Von Franziska Dzugan

Wohlfühlraum

Die 15-jährige Afghanin Farita hat Glück: Sie wird ihren Bruder bald wiedersehen. Er ist inzwischen in Österreich, ihre Eltern hat sie auf der Flucht nach Europa in Griechenland verloren. Die meisten minderjährigen Flüchtlinge, die in der Wohngemeinschaft Refugio der Caritas in Wien-Favoriten landen, haben keinen Familienanschluss. 16 Jugendliche aus Afghanistan, Somalia und dem Iran werden dort betreut, bis sie 18 sind.

Die Gymnasiastinnen Linda Ratz und Zoe Köbrunner machen ihnen heuer ein ganz ­besonderes Weihnachtsgeschenk: In den vergangenen Monaten richteten sie in einer ehemaligen Waschküche im Keller des Wohnheims einen freundlichen Gemeinschafts-raum mit Fernsehapparat, Playstation, Büchern und einer großen Couch ein. „Die Flüchtlinge haben nur kleine Doppelzimmer, hier können sie sich zurückziehen oder auch einmal feiern“, sagt die 15-jährige Zoe. Gemeinsam mit ihrer Lehrerin Eva Seifried haben acht Schüler des Gymnasiums Haizingergasse in Wien-Währing ihr Vorhaben beim Schulprojektwettbewerb der Parfümeriekette Bipa eingereicht und 5000 Euro dafür bekommen. Nach den schweißtreibenden Renovierungsarbeiten wird nun gefeiert, freut sich Linda: „Wir haben sogar noch etwas Geld übrig für die Einweihungsparty am 22. Dezember.“ Farita und ihr Bruder werden auf jeden Fall dabei sein.

Weihnachten teilen

Lebensmittel, Kleidung, Spielzeug, Bücher – in manchen Familien fehlt es am Nötigsten, von Weihnachtsgeschenken ganz zu schweigen. „Wir wollen benachteiligten Familien ein unbeschwertes Fest ermöglichen“, sagt der 16-jährige Schüler Paul Nähr. Er und seine Kollegen vom Gymnasium Parhamerplatz in Wien-Hernals haben ganz ohne die Hilfe von Erwachsenen das Projekt „Weihnachten teilen“ ins Leben gerufen. Das 15-köpfige Team ist hochprofessionell aufgestellt: Lenny Zielinski ist Pressesprecher, Konstantin Kormann kümmert sich um die Technik, auf der Homepage gibt es einen selbst produzierten Werbespot. Seit November widmen die Jugendlichen der guten Sache ihre gesamte Freizeit. Sie haben Wunschlisten erstellt, damit jede Familie genau das bekommt, was sie braucht. Schon vergangenes Jahr haben sie Weihnachtspakete für 33 bedürftige Familien in Wien gesammelt. Heuer werden es noch mehr sein, denn auch ein anderes Gymnasium macht mit. Die Jugend­lichen liefern am 24. Dezember persönlich aus; darauf freuen sie sich am meisten. Bevor die Schüler der siebenten Klasse 2013 die Matura machen, wollen sie die Aktion „Weihnachten teilen“ fix an der Schule installieren.

Gratis-Supermarkt

„Man denkt sich, ich hab‘s – er oder sie nicht“, begründet der 17-jährige Kellner Hakan Erkan sein Engagement für Bedürftige. Ebenso wie der Lehrling Kaan Kas hilft er stets, wenn soziale Projekte im Jugendzentrum in der Wiener Baumgasse anstehen. Vor Weihnachten gibt es seit sechs Jahren die Aktion „Für Menschen, die es brauchen“: Die Jugendlichen ziehen gemeinsam mit den Betreuern vor Supermärkte und fragen die Kunden vor dem Einkauf, ob sie ein paar Päckchen Nudeln oder Reis mehr mitnehmen könnten. Gegen Gutscheine, die im Sozialamt, im Frauenhaus und im Obdachlosenheim von Wien-Landstraße ausgeteilt werden, können sich bedürftige Menschen dann gratis die Lebensmittel abholen. Heuer haben die Jugend­lichen 1,5 Tonnen Waren gesammelt. Der Andrang war enorm: Der Zivildiener Sezgin Koctürk musste sogar als Türsteher einspringen. 300 Menschen kamen so in den Genuss von Dingen, die sie sich ohne Hilfe der Jugendlichen nicht so leicht hätten leisten können.

Hakan ist dennoch unzufrieden: „Mit den Lebensmitteln, die in den Kaufhäusern täglich weggeworfen werden, könnte man ganz Afrika ernähren.“