Widerspruchsgeist: Olivier Gourmet

Der Belgier Olivier Gourmet ist nicht nur ein virtuoser Charakterdarsteller. Er prägt Europas Autorenfilm derzeit wie kein Zweiter – mit Instinkt, Verstand und Realismus. Begegnung mit einem Verwandlungskünstler.

Ein Heiliger ist er nicht, auch wenn er Saint-Jean heißt. Er hat eine Krise zu bewältigen, die er für sich nutzen könnte. Ein Reisebus ist in den Ardennen vom Weg abgekommen, etliche Todesopfer sind zu beklagen, vor allem Kinder. Bertrand Saint-Jean muss dafür Verantwortung übernehmen, das ist sein Job. Er ist Verkehrsminister der Französischen Republik. Saint-Jean ist eine vieldeutige Figur, kein ultrazynischer Kinopolitiker und kein aufrechter Moralist: Er weiß, dass mit jedem öffentlichen Auftritt sein Image auf dem Spiel steht. Und er ahnt, dass es obszön ist, einen solchen Unfall als persönliche Chance zu begreifen. Aber von der Ethik allein kann man in der Politik nicht leben. Saint-Jean will (und muss) dem Volk erscheinen wie einer, der Schaden begrenzen und Stärke zeigen kann. Von den Karriereträumen und der Desillusionierung eines Durchschnittspolitikers handelt der Film „Der Aufsteiger“ (französischer Originaltitel: „L’exercice de l’État“) – und von den Machtverschiebungen und Intrigenspielen, die sich aus der politischen Detail­arbeit unausweichlich ergeben.

Der belgische Schauspieler Olivier Gourmet, 49, ist der ideale Mann, um diesen Minister zu verkörpern. Er fiele mit seinem Jedermann-Gesicht und dem etwas verbissenen Ernst, den er ausstrahlt, niemandem auf, wenn er auf der Straße an einem vorbeiliefe, im Kino aber verwandelt sich seine Unscheinbarkeit in einen Startvorteil; die Banalität des Bösen weiß er ebenso akkurat zu verkörpern wie beispielsweise eine alles Demonstrative scheuende Selbstlosigkeit.

Aktionsradius erweitert
Seinen Aktionsradius hat Gourmet seit der Jahrtausendwende stetig erweitert. Er drehte mit Regiestars wie Jacques Audiard, Costa-Gavras und Abdel Kechiche, ließ sich von Michael Haneke („Wolfzeit“, 2003) und Ursula Meier („Home“, 2008) engagieren, vor allem aber machte er sich als zentraler Darsteller in den Filmen von Luc und Jean-Pierre Dardenne („Rosetta“, „Der Sohn“) einen Namen – sie haben „Der Aufsteiger“ nun auch koproduziert. Weit über 80 Filme hat der wie besessen arbeitende Schauspieler in kaum mehr als 15 Jahren bereichert.

Im Kino überraschte Gourmet erstmals 1996, als Hauptdarsteller in dem Dardenne-Migrantendrama „La promesse“, da war er bereits Anfang 30. In den 1980er-Jahren hatte er begonnen, Theater zu spielen; das Kino habe ihn damals schon fasziniert, berichtet er, „aber in der belgischen Filmszene war wenig los, und der Wunsch, Filme zu machen, erschien eher utopisch. Daher konzentrierte ich mich aufs Theater, ging davon aus, dass ich dort wohl mein ganzes Berufsleben zubringen würde. Nach mehr als zehn Jahren ereilte mich das Kino zufällig: Ich lernte den Regisseur Jean-Pierre Dardenne kennen, er schrieb mit seinem Bruder gerade an einem Drehbuch, aus dem ,La promesse‘ werden sollte. Fürs Theater hatten die beiden keinerlei Interesse. Daher kannten sie mich nicht, was mich erst verwunderte, immerhin war ich einer der meistbeschäftigten Bühnenschauspieler Belgiens. Dann schlug mir Jean-Pierre vor, Probeaufnahmen zu machen. Ich hatte keine Ahnung, was für einen Film sie planten, sie meinten nur, ich sollte einen Arbeiter darstellen, möglichst proletarisch spielen. Sie studierten die Natürlichkeit meiner Sprechweisen und Bewegungen. Ein paar Wochen später gaben sie mir das Drehbuch. So begann mein Filmleben.“

Die Differenzierung ist das Zentrum der Arbeit Gourmets – Ziel, Credo und Methode zugleich. Das jüngste seiner vielschichtigen Kino-Porträts veranschaulicht dies genau: Für den französischen Regisseur und Autor Pierre Schöller entwirft er in „Der Aufsteiger“, begleitet von kongenialen Mimen wie Michel Blanc und Zabou Breitman, das Bild eines Politikers, der weder Held noch Hassfigur, weder Respektsperson noch Lachnummer ist. Es geht um politischen Druck und faule Kompromisse, um ein insgesamt freudloses Gewerbe. Er habe diese seltsam neutrale Figur verstehen lernen wollen „und eben nicht karikieren“, erklärt Gourmet. Das Innenleben eines Politikers habe er recherchiert: „Ich hatte das Glück, einen Minister begleiten zu können, der mir als Erstes erklärte, dass er, um diesen Beruf ausüben zu können, seine Persönlichkeit ablegen musste: seine Eigenheiten, seinen Humor, alles, um sich ein neues Image zu konstruieren. Seine Integrität bestand darin, sich selbst zu vergessen und zu einem Boten der Ideale seiner Partei zu werden.“

Politiker einfacher als Metzger oder Bergarbeiter
Die Profession des Politikers ist jener des Schauspielers erstaunlich ähnlich. Man hält Reden, posiert und manipuliert, entwirft Fremdbilder, die Außenwirkung erzielen sollen. „Politiker werden gecoacht, lernen neu zu gehen, zu sprechen, sich zu kleiden. Man muss die Künstlichkeit dieses Umfelds betonen, um zu begreifen, wie Politik funktioniert. Mag sein, dass es Schauspielern tatsächlich leichter fällt, die theatralische Dimension in der Politik herzustellen. Denn genau das haben wir ja gelernt. In gewisser Weise ist es einfacher, einen Politiker zu spielen als ­einen Metzger oder einen Bergarbeiter.“

Als einer der gefragtesten Charakterdarsteller Europas leistet sich Olivier Gourmet durchaus den Luxus, wählerisch zu sein. Er lehnt vieles ab, gerade auch Filmprojekte, die ihm erhöhte Medienpräsenz garantieren würden. „Es geht mir nie nur um die Figur, die ich spielen soll, sondern auch um Form und Konzeption, das alles muss mir entsprechen, sonst kann ich dar­an nicht arbeiten. Mir wurde unlängst angeboten, den Mörder Marc Dutroux zu spielen. Nun hätte ich Dutroux’ Psyche gerne zu ergründen versucht, aber das Drehbuch erschien mir zu opportunistisch. Also sagte ich ab. Ich mag keine Filme, die das Publikum bloß bedienen und es nicht mit Fragen behelligen.“

Für einen „definitiv instinktiven“ Schauspieler hält er sich selbst, wenn er auch die intellektuelle Vorarbeit, die er stets leistet, nicht verhehlen kann. „Aber danach geht es vor allem um Instinkt. Man muss, wenn man eine Szene spielt, auf seine Partner reagieren und gleichzeitig vollkommen begriffen haben, wovon sie in ihrem Kern handelt. Nur dann kann man sich fallen lassen und jene glücklichen Zufälle produzieren, auf die man sich nicht vorbereiten kann: Das ist die Magie des Schauspiels.“