Wie die Anleger in die Irre geführt wurden

Eine Zustimmung von 99,99 Prozent lässt gemeinhin keinerlei Spielraum für Interpretationen – das galt seinerzeit für Parteitage der KPdSU und gilt bis heute auch für Hauptversammlungen börsennotierter Gesellschaften. Wenn nicht einmal 0,01 Prozent der Anwesenden gegen einen Antrag stimmen, so fällt dies allenfalls unter statistischen Separatismus.

Am 23. August 2007 hatte der Vorstand der börsennotierten Immobiliengesellschaft Meinl European Land Ltd. (MEL), regis­triert auf der Kanalinsel Jersey, Anleger zur „zweiten außerordentlichen Hauptversammlung“ geladen. Einziger Tagesordnungspunkt: „Beschlussfassung über die Ermächtigung des Board of Directors zum Erwerb von eigene Aktien verbriefenden Zertifikaten unter Einhaltung anwendbarer Rechtsvorschriften durch die Gesellschaft direkt oder über einen Dritten.“

So weit, so unverdächtig: Das Immobiliengeschäft von MEL in Zentral- und Osteuropa brummte, die Gesellschaft schwamm in Geld, und der Kurs der MEL-Papiere hatte den weltweit steigenden Zinsen und der US-Hypothekenkrise wie durch ein Wunder getrotzt. Selbst der avisierte Rückkauf eigener Aktien erschien zunächst unspektakulär. Unternehmen bedienen sich gern dieses Instruments, wenn es etwa gilt, überschüssiges Kapital kurzfristig zu veranlagen, feindliche Übernahmen zu verhindern oder schlicht den Gewinn je Aktie zugunsten aller Aktionäre zu erhöhen. All das mag erklären, warum sich von den angeblich rund 100.000 MEL-Inves­toren aus dem In- und Ausland gerade einmal 110 Personen in das eigens ange­mietete „Studio 44 der Österreichischen Lotterien“ am Wiener Rennweg verirrt hatten.

Sie galten bisher als die einzigen Augen- und Ohrenzeugen jener entscheidenden Hauptversammlung, in deren Gefolge der Skandal um die verheimlichten Wertpapier-Rückkäufe auffliegen sollte. Aber es gibt ein schriftliches Protokoll, aufgesetzt von Arno Weigand, Substitut des Wiener Notars Rupert Brix. Das 18-seitige Dossier mit der Geschäftszahl 4.906 liegt profil jetzt vollständig vor. Es dokumentiert minutiös, wie restriktiv das MEL-Management die anwesenden Aktionäre informierte. Und es birgt massig Zündstoff: An diesem 23. August vereinigte ein einziger Mann weit über drei Viertel des stimmberechtigten Kapitals auf sich: Rechtsanwalt Ronald Frankl. Theoretisch hat auf Hauptversammlungen jede Aktie – bei MEL handelt es sich hauptsächlich um so genannte Zertifikate auf Aktien – eine Stimme. Tatsächlich aber darf nur partizipieren, wer entweder selbst anwesend ist oder durch einen Bevollmächtigten vertreten wird. Bei MEL waren im Vorjahr insgesamt 450 Millionen Stück in Umlauf: 300 Millionen börsennotierte Zertifikate sowie 150 Millionen so genannte teileinbezahlte Aktien (im Fachjargon: partly paid shares, kurz pps). Diese werden zwar an keiner Börse gehandelt werden, sind aber voll stimmberechtigt. Wer hinter den „pps“ steckt, ist nicht ganz klar. Dem Vernehmen nach hat das Management von MEL die Hand darauf, der finale Beweis konnte bisher allerdings nicht erbracht werden.

Solospieler. Der enden wollende Publikumsandrang führte dazu, dass zur Hauptversammlung gerade einmal 127.414.947 Titel hinterlegt wurden. Nur: Anwalt Ronald Frankl allein repräsentierte mit exakt 105 Millionen Stück 82,4 Prozent des anwesenden stimmberechtigten Kapitals. Laut vorliegendem „Teilnehmerverzeichnis“ waren die Papiere „Fremdbesitz“, Frankl fungierte somit als Treuhänder. Ronald Frankl ist nicht irgendein Advokat. Er steht auf der Gehaltsliste der angesehenen Wiener Anwaltskanzlei Hausmaninger Kletter. Und Gründer Christian Hausmaninger ist kein Geringerer als der Vertrauensanwalt von Julius Meinl V. Hausmaninger soll auch zahlreiche MEL-Verträge aufgesetzt haben.

Dieser Sachverhalt war bisher nicht nur nicht bekannt; er bringt einen Herrn in Erklärungsnotstand, der bis heute jede Verbindung zu Meinl European Land in Abrede stellt: Bankier Julius Meinl V. Sein mittlerweile legendäres Statement, gefallen in einem profil-Interview im September 2007: „Ich führe eine Bank und kein Immobiliengeschäft“ (profil Nr. 36/07). Ein Advokat der Kanzlei des Meinl-Clans hat also ausgerechnet an diesem entscheidenden Tag bestimmenden Einfluss auf Meinl European Land ausgeübt – und konnte den umstrittenen Wertpapier-Rückkauf de facto im Alleingang durchsetzen. Selbst gegen den (ohnehin nicht vorhandenen) Widerstand aller anderen Aktionäre. Am Ende votierten 99,99 Prozent der Anwesenden (einschließlich Frankls 82 Prozent) für den Rückkauf.

Doch wie kam der Anwalt an die Wertpapiere?
Er sagt dazu nichts. Frankl reagierte nicht auf die schriftliche Einladung zu einem Interview. Meinl European Land steht dem in nichts nach. Die lapidare Antwort auf eine profil-Anfrage von Donnerstag vergangener Woche: „Meinl European Land ist nicht bekannt, wer die Anteilseigner sind und welche Inhaber von bestimmten Personen vertreten wurden.“ Man stelle sich vor: Ein 33-jähriger Wiener Jurist, der überhaupt erst 2007 die Anwaltszulassung erhalten hatte, vertrat bei der MEL-Hauptversammlung 105 Millionen Zertifikate im Gegenwert von damals 1,7 Milliarden Euro oder 82 Prozent der Stimmen – und bei Meinl will niemand wissen, in wessen Auftrag er das tat. Ist das glaubwürdig?

Das Verhalten der Gesellschaft nährt einen schwerwiegenden Verdacht: Anwalt Frankl könnte mit Wertpapieren aus dem Einflussbereich von Meinl European Land ausgestattet worden sein, um das damals bereits voll laufende Rückkaufprogramm gleichsam hinterher zu legalisieren.

Tarnen & Täuschen. Tatsächlich erfuhren die Anleger bei der Hauptversammlung nur beiläufig, dass die Gesellschaft längst damit begonnen hatte, eigene Zertifikate in großem Stil vom Markt zu holen – was die Hauptversammlung erst an diesem Tag zur Beschlussfassung vorgelegt bekam. Ein Auszug aus den Ausführungen von Georg Kucian, als Sprecher des „Board of Directors“ von Meinl European auch Vorsitzender der Hauptversammlung: „Wie aus dem vorliegenden Halbjahresbericht ersichtlich, wurden … per 30.06.2007 insgesamt rund 52 Millionen Zertifikate rückerworben.“

Das galt allenfalls für den 30. Juni. Das Aktionärstreffen fand jedoch am 23. August statt. Und bis dahin waren bereits mehr als 80 Millionen Stück angekauft worden. Erst Tage nach der Hauptversammlung erfuhr die Öffentlichkeit, dass MEL zwischen April und Ende August insgesamt 88,8 Millionen eigene Zertifikate gekauft und dafür sage und schreibe 1,8 Milliarden Euro ausgegeben hatte. Immobilienkaufmann Kucian, selbstredend ein Intimus von Julius Meinl V., verlor darüber kein Wort. Und auch sonst blieb er vage. Im Protokoll heißt es etwa: „Nach dem derzeit gültigen Jersey-Recht kann die Gesellschaft eigene Aktien erwerben, muss diese jedoch sofort einziehen, was eine Einschränkung darstellen würde. Daher sieht das Jersey-Recht auch vor, dass ein unabhängiger Dritter, der von der Gesellschaft finanziert wird, mit dem Erwerb von Aktien der Gesellschaft beauftragt werden kann … wonach im Ergebnis ein Dritter, eine von MEL in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht gänzlich unabhängige Zweckgesellschaft, im eigenen Namen, aber auf Rechnung der Gesellschaft Aktien und Zertifikate der Gesellschaft erwirbt und hält.“

Das ergab a) kaum einen Sinn und entsprach b) nur der halben Wahrheit. Bei der „gänzlich unabhängigen Zweckgesellschaft“ handelte es sich nach späteren Erkenntnissen der Oesterreichischen Nationalbank um die Investmentgesellschaft ­Somal mit Sitz auf den niederländischen Antillen, die ihrerseits im Einflussbereich der Familie Meinl steht (profil 06/08). Georg Kucian, der wie alle anderen MEL-Manager seit Monaten auf Tauchstation ist, erwähnte natürlich auch mit keiner Silbe, dass die Geschäfte mit dem Vehikel des Meinl-Clans schon Ende Jänner 2007 begonnen hatten.

Die Somal-Achse. Wie in der Vorwoche ausführlich berichtet, war die bis dahin größte Kapitalerhöhung in der Geschichte von Meinl European Land buchstäblich ins Wasser gefallen. Von den 75 Millionen offerierten neuen Zertifikaten (Ausgabepreis jeweils 19,7 Euro) konnten nur 45 Millionen direkt im Markt platziert werden. 30 Millionen Stück im Wert von immerhin 591 Millionen Euro waren unverkäuflich und landeten zunächst bei Somal in der Karibik. Da die Gesellschaft nicht ausreichend Bares hatte, erhielt sie von MEL Geld – auf dem Wege einer Anleihe im Volumen von kolportierten 400 Millionen Euro.

Ab dem Frühjahr 2007 aber gerieten weltweit alle Immobilientitel unter Druck, so auch Meinl European Land. Somal, randvoll mit schwächelnden MEL-Papieren, drohte unter der Last der Anleiheverpflichtungen regelrecht abzusaufen. Was früher oder später die Somal-Eigentümer, also die Familie Meinl, in die Bredouille gebracht hätte. Um den Kurs zu stützen, wurde das hinlänglich bekannte Rückkaufprogramm inszeniert.

Heimlich. Meinl European Land begann ab April, Zertifikate zu mehr als generösen Preisen – im Durchschnitt 20 Euro das Stück – über den Markt anzukaufen; Somal gab parallel dazu die eigenen Bestände zu den gepushten Kursen „außerbörslich“ ab. An wen, ist weiterhin unklar. Um die Verwirrung zu komplettieren, wurden alle Zertifikate, die MEL direkt erworben hatte, wiederum bei Somal in der Karibik gebunkert – der weitaus größte Teil dürfte bis heute dort lagern. Am Ende hatte das Karibik-Vehikel der Meinls aus den Verkäufen ­einen Gewinn erzielt und konnte den Anleiheverpflichtungen mühelos nachkommen – im Gegenzug hatte MEL 1,8 Milliarden Euro Anlegergeld für eine strategisch sinnlose Aktion ausgegeben. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt in diesem Zusammenhang gegen „Julius Meinl V. und andere“ wegen des Verdachts des Betrugs, der Untreue und diverser Vergehen gegen das Aktiengesetz. Die Finanzmarktaufsicht (FMA) wiederum prüft mögliche Marktmanipulation und Insiderhandel. Für alle Betroffenen gilt bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.

Die Anleger, unter ihnen kaum ein ausgewiesener Wertpapierprofi, konnten am 23. August von all dem nichts ahnen. Es bedurfte letztlich monatelanger Investigationen durch Nationalbank und FMA, um die Stützungskäufe und Zahlungsflüsse zumindest ansatzweise zu rekonstruieren. In diesem Kontext sind auch die weiteren Ergüsse des HV-Vorsitzenden Georg Kucian zu verstehen: „In den letzten Wochen und Monaten waren die internationalen Kapitalmärkte von zum Teil deutlichen Kursrückgängen geprägt … Meinl European Land konnte sich dieser negativen Entwicklung nicht entziehen, wiewohl sich die Aktie relativ gut gehalten hat. Wie Sie … sehen, sind sämtliche österreichische Immobiliengesellschaften in ähnlicher Weise von dieser Entwicklung betroffen, wahrscheinlich am wenigsten unsere Gesellschaft.“

Kein Wunder, bei all dem diskreten Aufwand, den Kurs oben zu halten.
Überhaupt wurde den Anlegern an diesem 23. August suggeriert, das Rückkaufprogramm sei auch rechtlich voll abgesichert. „Diese neue, zusätzliche Art des Erwerbs eigener Zertifikate wurde im Vorfeld mit der Finanzmarktaufsicht im Einzelnen vorbesprochen und abgestimmt“, so Kucian laut Protokoll. Eine mutige Ansage. Die Behörde will nach eigenem Bekunden überhaupt erst Anfang Juli davon erfahren haben; da war der weitaus größte Teil der Wertpapiergeschäfte bereits abgewickelt. FMA-Sprecher Klaus Grubelnik betont, die Aufsicht habe obendrein nur „abstrakte Rechtsauskünfte“ erteilt: „Es ist ausdrücklich festzuhalten, dass es im Zuge eines Aktienrückkaufprogramms keinerlei rechtlichen Tatbestand gibt, den die Behörde zu genehmigen hätte. Ein Aktienrückkauf belegt vielmehr den Emittenten mit entsprechenden Informationspflichten gegenüber dem Anlegerpublikum.“

Zweite Chance. Es darf bezweifelt werden, dass die MEL-Aktionäre vor Ort dem Wertpapier-Rückkauf zugestimmt hätten, wäre ihnen die Wahrheit auch nur ansatzweise bewusst gewesen. Sie hätten den Beschluss zwar nicht verhindern können, weil Anwalt Ronald Frankl eine Übermacht an Stimmen vertrat – aber sie hätten mit Sicherheit aufbegehrt. Schon demnächst werden sie Gelegenheit haben, das Versäumte nachzuholen. Am 12. Juni dieses Jahres steigt die nächste „ordentliche Hauptversammlung“ von Meinl European Land. Und diesmal dürfte der Besucherandrang weitaus größer sein. Gut möglich, dass ein neuer Austragungsort gefunden werden muss. Das „Studio 44“, Ort der Begegnung 2007, ­fasst bestenfalls 400 Gäste.