Wie Brigitte Ederer ihren Job bei Siemens verlor

Wie Brigitte Ederer aufgrund eines Machtkampfes zwischen Siemens-Aufsichtsratchef Gerhard Cromme und seinem Vize Josef Ackermann und unter tatkräftiger Mitwirkung des Betriebsrates ihren Job verlor.

Der edle Zwirn, das Einstecktuch und die Manschettenknöpfe können nicht darüber hinwegtäuschen: So ein Benehmen ist eines Gentleman einfach nicht würdig - die Herren Knigge und Elmayer wären sich einig. Eine Beziehung zu beenden, das verlangt Takt und Fingerspitzengefühl. Die einschlägigen Internetforen hat der Mann, der vorvergangene Woche zum Hörer griff, vermutlich auch nicht konsultiert. Sonst wüsste er, dass man Partner nicht per Telefon abserviert. Doch genau das, was selbst beim unerfahrenen Teenager verpönt ist, tat Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Am anderen Ende der Leitung: Siemens-Personalvorstand Brigitte Ederer.

Die halbe Wahrheit
Kaum eine Woche später, noch bevor der Konzern eine offizielle Mitteilung aussenden konnte, sickerte die Nachricht durch. Medien in Deutschland und Österreich berichteten übereinstimmend, dass Ederer ihren Job los ist. Und zwar auf Betreiben des Betriebsrates. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich steckt ein langer Machtkampf dahinter. Dessen Fronten verlaufen weniger zwischen Ederer und Arbeitnehmervertretern als vielmehr zwischen Cromme und seinem Aufsichtsratsvize Josef Ackermann. Die Rolle des Betriebsrates ist auf einem Nebenschauplatz zu beobachten. Wenngleich sie einen wesentlichen Anteil am gesamten Drama hat.

Rückblick: Als Vorstandschef Peter Löscher im Sommer mit seiner sechsten - und wie sich bald zeigen sollte, letzten - Gewinnwarnung arg in Bedrängnis kam , geriet auch Cromme stark unter Druck. Er hatte den Kärntner einst geholt, damit dieser als erster Vorstandsvorsitzender, der von außen kam, in dem von Korruptionsskandalen geschüttelten Unternehmen aufräumt. Und wie immer, wenn es für Cromme gefährlich wurde, musste ein anderer als Opfer herhalten. Schließlich ist der Posten als Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens seine letzte Machtbastion. Er saß in den Aufsichtsräten von Allianz, Lufthansa, Eon und VW. Galt als graue Eminenz der Deutschland AG, jenes elitären und informellen Netzwerks einiger Banker und Manager von Großkonzernen. Anfang des Jahres musste er seinen Aufsitzratsvorsitz bei Thyssen-Krupp abgeben. Eine herbe Niederlage. Umso mehr will er am Siemens-Job festhalten. Löscher muss also weg. Doch Cromme hat Ackermann nicht auf der Rechnung. Überraschend stellt sich der Schweizer gegen die Pläne des ehemaligen Krupp-Managers. Und er findet Mitstreiter. Die Aufsichtsräte Michael Dieckmann (Allianz-Vorstand) und Nicola Leibinger-Kammüller (Trumpf-Chefin) wollen ebenfalls an Löscher festhalten. Die Arbeitnehmervertreter rund um IG-Metall-Chef Bertold Huber und den Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates, Lothar Adler, planen zunächst, sich in der Cheffrage neutral zu verhalten. Doch dann dämmert ihnen: Wenn Cromme aufgrund ihrer Enthaltung die notwendige Mehrheit für die Ablösung des Kärntners fehlt, wird er wohl selbst Opfer seines Vorstoßes werden. Ackermann bestritt zwar öffentlich immer wieder jegliche Ambition auf den Aufsichtsratsvorsitz, gleichzeitig wurde er genauso häufig als einzig möglicher Nachfolger gehandelt. Und das gilt es zu verhindern. Ackermann, der personifizierte Kapitalismus, der mit seiner Forderung nach 25 Prozent Rendite bei der Deutschen Bank deutlich gemacht hatte, wohin die Reise mit ihm gehen würde, ist für Huber und Adler als oberster Aufseher nicht tolerabel. Sie entscheiden sich gegen Löscher und akzeptieren Joe Kaeser. Damit hat Cromme die entscheidende Mehrheit.

Opfer eines Komplotts
Löscher, aus dessen Umfeld es zunächst hieß, er sehe sich als Opfer eines Komplotts, fügte sich recht rasch in sein Schicksal. Immerhin durfte er seinen Posten als Stiftungsratschef der mit knapp einer halben Milliarde Euro dotierten Siemens-Stiftung behalten.

„Einfluss von Gewerkschaft und Betriebsrat ist nicht so groߔ
Wie sich nun herausstellt, wussten die Arbeitnehmervertreter die Gunst der Stunde zu nutzen. Einem geschwächten Aufsichtsratsvorsitzenden kann man Zugeständnisse abringen. Offenbar forderten sie Ederers Kopf. Unmittelbar nach Löschers Rauswurf sollen ihr die Betriebsräte mitgeteilt haben, dass sie das Vertrauen der Arbeitnehmervertretung verloren habe. Betriebsratssprecher Peter Kropp dementiert dies. Und eine Sprecherin der IG Metall meint: "Der Einfluss von Gewerkschaft und Betriebsrat ist nicht so groß, dass auf deren Bestreben innerhalb weniger Wochen ein Vorstand abberufen werden könnte.“ Die Ablösung Ederers sei eine Entscheidung des Unternehmens. Doch als Personalchefin und Vollstreckerin beim massiven Mitarbeiterabbau war sie den Arbeitnehmervertretern schon länger ein Dorn im Auge. Dazu kommt, dass sie sich geweigert hat, den Arbeitsvertrag von Betriebsratschef Adler zu verlängern. Der Gewerkschafter erreicht im Frühjahr die Regelaltersgrenze von 65 Jahren. Damit müsste er automatisch in den Ruhestand wechseln. Es sei denn, das Unternehmen beantragt eine Ausnahmegenehmigung. Ederer gab ein Gutachten in Auftrag. Dieses kommt zu dem Schluss, dass eine Verlängerung rechtlich unzulässig wäre. Adler will aber weitermachen. Vor allem möchte er sein Aufsichtsratsmandat behalten. "Es gibt keinerlei Verknüpfungen zwischen Frau Ederers Rückzug aus der Siemens AG und nicht bestehenden Verträgen zwischen der Siemens AG und Lothar Adler. Die Vorwürfe sind haltlos und völlig aus der Luft gegriffen“, sagt indes Betriebsratssprecher Kropp.

Die Gewerkschaft ließ ebenfalls ein Gutachten erstellen, das, wenig überraschend, zum gegenteiligen Ergebnis kommt.

Unter Cromme dürfte Adler damit gute Karten haben. Cromme saß zwar einige Jahre der deutschen Kommission für Corporate Governance vor, räumt aber im Zweifelsfall dem eigenen Vorteil Vorrang ein. Die Prinzipien, die er anderen vorschrieb, lebte er selbst oft nicht vor. So sorgte er dafür, dass bei Siemens die Altersgrenze von 70 Jahren für Aufsichtsräte abgeschafft wurde. Erst dadurch wurde es möglich, dass sein Mandat Anfang des Jahres verlängert werden konnte. Mittlerweile steht der Name Cromme als Synonym für ein Machtstreben à la Machiavelli.

Deutliche Degradierung
Im Gespräch mit profil will Ederer die Vorgänge nicht kommentieren. Aber so viel ist klar: Von einem Abgang in "gegenseitigem Einvernehmen“, wie die offizielle Siemens-Stellungnahme insinuiert, kann nicht die Rede sein. Die ehemalige österreichische Europa-Staatssekretärin hätte ihren Vertrag gerne bis zum Ablauf Mitte 2015 erfüllt. Cromme hatte ihr noch, quasi als Trostpflaster, eine um die Personalagenden abgeschlankte Vorstandsposition angeboten. Eine deutliche Degradierung. Ederer lehnte dankend ab. Die Position des Arbeitsdirektors übernimmt mit Anfang Oktober ihr Vorstandskollege Klaus Helmrich. Der 55-Jährige ist für den Bereich Technologie zuständig. Insider monieren, dass ihm jegliche Erfahrung im Personalmanagement fehle.

„Diskrepanz in Stil und Fairnessfragen”
Als Ackermann vorvergangene Woche seinen Rücktritt als Siemens-Aufsichtsrat bekannt gab, war auch Ederers Schicksal besiegelt. Der Schweizer sprach in seiner Begründung - ohne Aufsichtsratschef Cromme zu nennen - von einer "Diskrepanz in Stil und Fairnessfragen“. Intern hatte er den Umgang mit dem geschassten Löscher stark kritisiert. Nun wird deutlich, dass er damit auch jenen mit Ederer gemeint haben dürfte. Mit Ackermanns Abgang ist Cromme nun auch seinen schärfsten Widersacher losgeworden. Er kann sich also beruhigt zurücklehnen. Vorläufig.