„Wie erhalten Sie sich Ihre Neugier,
Herr Peterson?“

DJ-Legende Gilles Peterson über Wien, neue Musik und Songwünsche.

Interview: Sebastian Hofer

profil: Kommenden Samstag treten Sie nach etlichen Jahren wieder einmal als DJ in Wien auf.
Peterson: Ich war ständig da, Mann. Ich hatte um 1990 drei regelmäßige Gigs, in Paris, in Wuppertal und in Wien. Wie hieß das noch mal? Volksgarten. Montags, die Soulseduction-Party. Wir hatten eine großartige Zeit damals. Ich kann mich noch erinnern, dass Niki Lauda immer da war und jeweils zu den letzten Gästen gehörte.

profil: In Ihrer „Worldwide Show“ auf BBC spielen Sie noch immer sehr viele Wiener Künstler, zuletzt etwa Dorian Concept, The Clonious, Ogris Debris.
Peterson: Aus Wien kommen immer starke Sachen. Dorian Concept – der Typ ist fantastisch!

profil: Früher wurden Städte mit bestimmten Sounds assoziiert: Detroit Techno, Bristol Bass, Vienna Downtempo. Gibt es das heute noch?
Peterson: Es gibt diesen Berlin-Sound, was mir selbst nicht ganz behagt, weil die Leute dabei an den Sound denken, der im Berghain läuft, während für mich Berlin eher nach Henrik Schwarz, Jazzanova und diesen Leuten klingt. Los Angeles ist seit etwa fünf, sechs Jahren auch wahnsinnig interessant, plötzlich gibt es dort eine richtig coole Szene, rund um Brainfeeder, Flying Lotus und Gaslamp Killer.

profil: Was halten Sie von dem aktuellen Hype um Großraum-Rave à la Skrillex in den USA?
Peterson: Das ist schon seltsam. Aber etwas Ähnliches gab es zu meiner Zeit auch: als einige Leute merkten, dass Acid House richtig los ging und es dann auf Ibiza in ein Geschäft verwandelten. Natürlich ist es schrecklich, was da in den USA läuft! Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Trotzdem: besser als nichts. Aber falls mich jemand für einen DJ-Gig in Las Vegas buchen will, werde ich definitiv sehr, sehr viel Geld verlangen.

profil: Wie erhalten Sie sich Ihre Neugier? Üblicherweise sind Menschen ab einem gewissen Alter ja von neuer Musik gelangweilt. Von wegen: alles schon gehört.
Peterson: Ich liebe es! Und ich habe heute endlich die komplette Kontrolle über das, was ich mache. Das war früher nicht so. 15 Jahre lang habe ich mein Label Talkin’ Loud geleitet, und es war die Hölle. Ich musste mit Buchhaltern sprechen! Heute bin ich Herr meines Schicksals – obwohl es im Radio auch manchmal schwierig ist: Die BBC hat ihre eigene Art. Wenn ich einen spanischen Song aus dem Jahr 1983 spiele, muss der vorher übersetzt und vorgelegt werden, ob auch alles politisch korrekt ist.

profil: Kriegen Sie, wie jeder normale Party-DJ, auch Handydisplays mit falsch getippten Liederwünschen entgegengehalten?
Peterson: Klar, die ganze Zeit. Leider kann ich das ohne Brillen nicht mehr lesen.

Zur Person
Gilles Peterson, 48, zählt zu den einflussreichsten DJs der Welt. In den 1980er-Jahren prägte der Londoner mit Schweizer Wurzeln den Stil des Acid Jazz, verlegte auf seinem Label Talkin’ Loud Künstler wie Galliano, 4 Hero, Roni Size, Terry Callier oder MJ Cole. In seiner „Worldwide“-Show für die BBC serviert Peterson eine eklektische Mischung aus Clubsounds, Jazz, Soul, HipHop und raren Ethno-Aufnahmen. Kommenden Samstag gastiert Peterson im Wiener Club Grelle Forelle. www.grelleforelle.com