Wien: Geisterplan

Trotz Winterwetter startet der Prater diese Woche in die Vergnügungssaison. Doch hinter den bunten Kulissen tobt ein kalter Krieg zwischen Schaustellern, Stadtgemeinde und französischem Masterplaner. Das neue Konzept bleibt unklar.

Der Bagger scheint es nicht eilig zu haben. Mit der ihm immanenten Behäbigkeit sticht er die Schaufel in den dunkelgrauen Schotterberg. Tonnen von Kies warten hier noch darauf, für immer unter dem Pflaster der Straße des 1. Mai, der Lebensader des Wiener Wurstelpraters, zu verschwinden. Hier, am Ende des Praters, direkt vor dem legendären Biergarten des Schweizerhauses, soll jener Straßenabschnitt entstehen, der vom französischen Masterplaner Emmanuel Mongon und dessen Auftraggeberin, SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete Laska, als beispielgebend für den ganzen Prater bezeichnet wird. Und eine Woche vor der Eröffnung lassen gerade einmal die in logischer Reihe gepflanzten Kandelaber erkennen, dass hier einmal eine Straße verlief – und eigentlich schon diese Woche wieder verlaufen sollte.

Am Dienstag startet der Prater in seine 239. Saison, am Samstag sollen sich beim offiziellen Eröffnungsfest auf den rund 250 Standplätzen die Ringelspiele wieder drehen und Hochschaubahnen rasant in den Himmel schrauben.

Und die Schausteller, viele von ihnen sitzen selbst an den Kassen ihrer Autodrome und Spiegelkabinette, werden mit einem freundlichen Lächeln ihren Ärger und ihre Ängste überspielen.

Im Prater tobt ein kalter Krieg. Seit der Franzose Emmanuel Mongon vor knapp zwei Jahren von der Stadt Wien den Auftrag erhielt, einen so genannten Masterplan für das „Sondergebiet Wurstelprater“ zu erstellen, herrscht unter den rund 80 Schaustellern große Verunsicherung. Mongon will – und das steht als Einziges außer Streit – mehr Besucher in den Prater locken, die sich dort wohl fühlen und länger bleiben und in der Folge auch mehr Geld ausgeben sollen. Doch wie er das machen will, hat der Franzose bisher nicht verraten. Nur das Stichwort Nostalgie und ein Bekenntnis zu Wiens Historie war ihm bisher zu entlocken. „Das typisch Wienerische ,front stage‘“, erklärte Mongon in einem Interview mit der Stadtzeitung „Falter“ vor einem Jahr knapp, „hinter den Kulissen sollen die Geschäfte technisch modern aufgerüstet sein.“ So stellt sich der Franzose künftig den Wiener Prater vor. „Das ist schön und gut“, sagt Alexander Meyer-Hiestand, Sprecher des Praterverbands. „Aber wie er das machen will und – vor allem – was mit uns dabei passiert, hat er immer noch nicht gesagt.“

Kryptische Andeutungen. Immer wieder sorgte Mongon mit Nebensätzen für Unruhe unter den Praterstandlern. Eine kleine Verlegung eines Standes hier, ein Tausch von Parzellen dort: Mit solchen Detailforderungen verunsicherte der agile Franzose die alteingesessenen Wiener Schausteller in den vergangenen beiden Jahren Schritt für Schritt.

Aus den kryptischen Andeutungen Mongons werden sie nicht schlau. Keiner weiß genau, wie die Zukunft des Praters aussehen soll. Ob doch Straßenzüge verlegt, Buden abgerissen oder umgebaut werden müssen. Dementsprechend traut sich auch kaum jemand, groß zu investieren oder neue Attraktionen zu gestalten.

„Mongon will Innovation, bewirkt aber mit seiner Art Stagnation“, sagt Karin Koidl. Die 29-jährige Jungunternehmerin aus alteingesessener Praterfamilie ließ nahe der Geisterbahn im vergangenen Jahr eine millionenschwere neue Hochschaubahn errichten. Die Raten für den aufgenommenen Kredit wird sie noch lange nach ihrem 40. Geburtstag zurückzahlen. Doch Mongon war nicht ganz glücklich mit der Novität. Die Farbe passte ihm nicht, der Name sollte von „Volare“ – gemäß geplantem Nostalgieeinschlag des Praters – auf „Vogelfrei“ oder „Praterspatz“ geändert werden. Außerdem sollte Koidl doch zusätzlich ein kleines Museum über die Geschichte des Fluges dazubauen. Koidl war baff: „Ich tu mir ein bissl schwer, noch mehr Geld in die Hand zu nehmen, wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass das was bringt.“ Und ohne Gesamtplan für den Prater ist sie das nicht wirklich.

Die Skepsis der Praterunternehmer wird von Existenzängsten genährt. „Reich wird man mit dem Geschäft einfach nicht“, sagt Thomas Sittler. Der 26-Jährige, dessen Familie seit 1921 im Prater aktiv ist, hat den Familienbetrieb mit mehreren Ständen übernommen. „Wir sind ja froh, dass was passiert“, so Sittler. Aber wenn es schon um seine Existenz geht, würde er halt doch gern ein Wörtchen mitreden.

„Freilich ist es schwerer, eine so lang gewachsene Struktur mit 80 Unternehmern umzuplanen, als einen Vergnügungspark eines einzigen Investors irgendwo auf die grüne Wiese zu bauen“, sagt SP-Vizebürgermeisterin Grete Laska. Der Prater sei eben nicht Disneyland.

Ungünstigere Verträge. Doch die ansässigen Unternehmer haben Angst, dass der Prater genau dazu werden könnte, wenn sie alle erstmal ihre Stände verloren haben. Die bisherigen Miet- und Pachtverträge für ihre Parzellen sind seitens der Stadt kaum kündbar. Wer nun, sei es auch auf Ratschlag des französischen Masterplaners, etwas ändert, muss damit rechnen, von der zuständigen Stadt Wien Marketing und Praterservice GmbH einen wesentlich ungünstigeren Vertrag aufgedrückt zu bekommen. Kolportiert werden derzeit eine 15-prozentige Umsatzpacht sowie eine Beteiligung der Unternehmer an den Verwaltungskosten des Praters und – der Knackpunkt – relativ kurzfristige einseitige Kündigungsfristen. „Eine Kündigung heißt für einen Praterunternehmer aber ein Ende seiner bisherigen Existenz“, kritisiert Unternehmersprecher Meyer-Hiestand. „Wenn dann einer seine Parzelle verliert, muss er komplett die Branche wechseln. Denn für Hochschaubahnbetreiber gibt’s in Wien-Neubau oder Stockerau sicher keinen Standplatz.“ Demgegenüber wurde dem neuen Wettcasino der börsenotierten Novomatic-Gruppe wegen hoher Pacht gleich eine Vertragsdauer bis 2064 gewährt.

Obwohl Schweizerhaus-Chef Karl Kolarik keine derartigen Ängste plagen müssen, ärgert auch er sich über die Vorgangsweise des Masterplaners. „Herr Mongon sieht sich hauptsächlich als Moderator“, sagt der Eigentümer des alteingesessenen Biergartens. Zwar sei seine Arbeitsgruppe, in der die Anrainer die Gestaltung des nahe gelegenen Platzes diskutieren, recht produktiv. „Aber in den Informationsfluss mit der Stadt werden wir nicht eingebunden. Auch Skizzen, die Mongon anfertigt, zeigt er immer nur kurz her, gibt sie aber nie aus der Hand.“

Bescheidene Bilanz. Tatsächlich fällt Mongons veröffentlichte Bilanz bisher sehr bescheiden aus, obwohl sein Vertrag nicht schlecht dotiert ist. Insgesamt 1,5 Millionen Euro darf der Themenparkspezialist für die Neuplanung bis März 2006 in Rechnung stellen. Die bisherigen Ergebnisse: neue Toiletten, ein neuer Folder, der nun parallel zu jenem des Unternehmerverbandes von der Stadt herausgegeben wird, und ein paar hundert Meter Fußgängerzone im beispielgebenden Design für den ganzen Prater.

Da der Prater nun von der gemeindeeigenen Marketing und Prater Service GmbH verwaltet wird, sei, wie Oppositionspolitiker vermerken, auch die Tätigkeit Mongons jeder effektiven politischen Kontrolle entzogen. Der grüne Gemeinderat Günther Kenesei sarkastisch: „Für so eine Gage würde ich auch gern so wenig vorlegen.“ Auch Riesenrad-Betreiber Peter Petritsch, der keine so schlechten Erfahrungen mit Mongon hat, hält den Planer „nicht gerade für unterbezahlt“.

SP-Vizebürgermeisterin Grete Laska stellt sich dennoch hinter ihren Planer: „Bis zur Fußballeuropameisterschaft im benachbarten Happel-Stadion wird der Prater wieder für alle attraktiv sein.“ Dann würden das auch die Unternehmer verstanden haben. Unternehmersprecher Alexander Meyer-Hiestand: „Würden wir vielleicht – wenn man uns was vorlegt, worüber wir reden können.“

Von Josef Barth