Winning Ugly

Nach dem Spiel gegen Holland ist klar: Fair Play können sich vielleicht andere Teilnehmer der EM leisten – wir müssen jetzt leider andere Saiten aufziehen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Fußballfreunde, drei Minuten vor dem Ende unseres letzten Gruppenspiels bei der Europameisterschaft ist es an der Zeit, eine Bilanz aus sportlicher Sicht zu ziehen – und diese fällt durchaus erfreulich aus. Zwar ist nunmehr, bei einem Stand von 5:3 für Deutschland …, nein, Moment, 6:3, na ja, auch schon wurscht, ist es also nunmehr leider klar, dass wir nicht das Viertelfinale erreichen werden, aber damit hätten ja ohnehin nur die kühnsten Optimisten gerechnet und vielleicht Hans Krankl – aber auch nur, wenn er selbst noch der Teamchef wäre.

Dass es im Endeffekt aber so knapp hergeht, dass wir jetzt nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses ausscheiden, ist fraglos als großer Erfolg zu werten, den sich neben den Spielern auch alle Verantwortlichen an die Brust werfen und auf ihre Fahnen kleben können. Ja und auch die freche holländische Presse, die nach dem 4:3-Sieg der Holländer in der Vorbereitung noch respektlos etwas von einem Gegner der C-Kategorie daherschrieb, wird sich jetzt an der Nase nehmen und zumindest unsere taktische Finesse bewundern müssen. So hat es sich zum Beispiel absolut bezahlt gemacht, die Quartiere unserer Gruppengegner rund um die Uhr aus Boxen in der Größe eines wohnbaugeförderten nieder­österreichischen Zweifamilienhauses mit heimischem Liedgut zu beschallen, das in der volkstümlichen Hitparade nicht unter Platz sieben angesiedelt ist. Auch die Maßnahme, die restlichen Zerstreuungsmöglichkeiten der Feinde durch kluge Justierung der vorhandenen Fernsehgeräte auf „Dancing Stars“ und „Dancing Stars“ zu beschränken, erwies sich zweifellos als kluger Schachzug.

Gut, es hat natürlich verschiedentlich Proteste dagegen gegeben, ebenso wie gegen die Sonderregelung, dass nach den Erfahrungen in den Testspielen gegen Deutschland und eben Holland bei der EM jedes Spiel schon mit einem Stand von 3:0 für Österreich begann – dies haben wir, auch das muss hier ganz klar gesagt werden, einzig ÖFB-Präsident Stickler zu verdanken, der ansonsten seine Drohung, sich bei jedem Bankett im Lauf der EM, und es gab doch das eine oder andere, neben UEFA-Präsident Michel Platini zu setzen, sicherlich, ohne zu zögern, in die Tat umgesetzt hätte – aber jeder Sportfreund, egal, aus welchem Land er kommt, muss froh darüber sein, dass alle diese Proteste abgeschmettert wurden und die Entscheidungen bei diesem Fest des Sports nicht am grünen Tisch, sondern am grünen Rasen fielen.

Mein Gott, was für spannende und torreiche Spiele mit österreichischer Beteiligung haben wir doch gesehen! Während in den anderen Gruppen das Sicherheitsdenken und die Angst vor einem vorzeitigen Ausscheiden dominierten, brannten die Österreicher – und auch ihre Gegner, das muss fairerweise an dieser Stelle angemerkt werden – wahre Offensivfeuerwerke ab. Schon das 3:3 im Eröffnungsspiel gegen Kroatien begeisterte Gott und die Welt zwischen Arnoldstein und Zurndorf. Wie Österreich in der Schlussviertelstunde nach dem glücklichen Ausgleich der Kroaten noch einmal alles nach vorne warf und von einem zweiten Überschreiten der Mittellinie nur durch eine falsche Abseitsentscheidung des umnachteten Schiedsrichterassistenten abgehalten wurde, war allemal sehenswert. Wenn man sich an dieses Spiel erinnert, muss man vor allem noch einmal die Leistung von Jürgen Säumel herausstreichen, der als Spezialbewacher des kroatischen Mittelfeldstars Niko Kranjcar wahre Wunderdinge leistete, ihn über 90 Minuten fest im Griff hatte und erst nach dem Schlusspfiff wieder aus dem Klo herausließ. Besser hätte das, hier muss man Teamchef Hickersberger zu seiner klaren Linie gratulieren, auch ein in der überschätzten englischen Premier League dilettierender Paul Scharner nie und nimmer gekonnt.

Über den folgenden historischen 3:2-Sieg gegen die krass unterlegenen Polen, die sich in Summe alles andere als EM-reif präsentierten, da wartet noch viel Arbeit auf ihren glücklosen Trainer Leo Benhakker, wird auf sämtlichen Baustellen des Landes noch lange diskutiert werden, insbesondere wegen der hochgradig unsportlichen Weigerung der Polen, angesichts des 3:0-Vorsprungs der Österreicher zu diesem Spiel überhaupt anzutreten.
Zum Man of the Match wurde in der dennoch ausgetragenen Partie übrigens Torhüter Jürgen Macho gewählt. Das abschließende Spiel gegen Deutschland litt heute natürlich ein wenig darunter, dass die bereits qualifizierten Deutschen, übereifrig, wie sie nun einmal sind, auch noch unbedingt Gruppensieger werden wollten, da half es auch nichts, dass Frank Stronach vor dem Spiel dem deutschen Bundestrainer Jogi Löw, den er einst als Trainer der Wiener Austria für zu schlecht befunden hatte, androhte, er werde im Falle unbotmäßiger Gegenwehr Deutschland kaufen und ihn noch einmal rausschmeißen. Dennoch – es war alles in allem eine wahrhaft denkwürdige EM für uns. Oh, 7:3.