Zeitgeschichte: „Er hat mich verprügelt“

Wie heimische Politiker um Einladungen bei US-Präsident Kennedy buhlten und wie dieser nach österreichischem Muster Frieden in Indochina stiften wollte. Ein neues Buch erzählt bisher Unbekanntes.

Bruno Kreisky hatte das Bild immer an prominentem Platz in seinem Wohnzimmer aufgestellt. Entspannt sitzt er da, 1963 im Alter von 52, mit dem um sechs Jahre jüngeren Präsidenten der USA im Weißen Haus. Intimer erscheint die Szene als jene auf anderen Aufnahmen, die von Treffen John F. Kennedys mit Außenministern sehr kleiner Staaten erhalten sind.

Deshalb wohl hat Kreisky das Bild so geschätzt.
Dem Innsbrucker Politikwissenschafter Martin Kofler mag Kreiskys liebevoller Umgang mit diesem Foto nicht bekannt gewesen sein, dennoch hat er es instinktsicher als Cover seines diese Woche erscheinenden Buches „Kennedy und Österreich – Neutralität im Kalten Krieg“ gewählt.

Kennedy wusste bei seinem Amtsantritt nur wenig über den Kleinstaat im fernen Mitteleuropa. 1937 hatte er einmal am Wörthersee geurlaubt, wie er nach Recherchen Koglers dem österreichischen Botschafter Wilfried Platzer bei dessen Vorstellungsbesuch im Februar 1961 erzählte.

Freilich war in der internationalen Politik damals immer noch der Nachklang des sechs Jahre zuvor abgeschlossenen Staatsvertrags zu vernehmen, der wunderlicherweise dazu geführt hatte, dass sich die Sowjets aus einem von ihnen eroberten Gebiet zurückzogen.

Die damit verbundene Neutralität Österreichs war Kennedys Vorgänger Dwight D. Eisenhower ein schmerzhafter Dorn im Auge gewesen. Ärgerlich schien dem Republikaner die sowjetische Lobpreisung des Modells als „Beispiel für die friedliche Koexistenz zwischen Staaten mit unterschiedlichen Systemen“.

Vor allem Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP) galt den Amerikanern als Lakai des Kreml, seit er 1958 während eines Moskau-Besuchs gegen die Überflüge von US-Transportern ins Krisengebiet Libanon protestiert hatte. Dass Raab gute innenpolitische Gründe dafür hatte (er erreichte damit eine Senkung der österreichischen Erdöl-Reparationsleistungen), war dem Pentagon naturgemäß egal.

Die Kennedy-Administration sah Österreichs Neutralität positiver: „Es ist in unserem Interesse, dass Österreich ein stabiles, blühendes und gut regiertes Beispiel für die benachbarten Satellitenstaaten der Sowjets bleibt“, heißt es in einem ersten außenpolitischen Positionspapier.

Kennedy-Fan Kreisky. Dass es sich bei der Neutralität bloß um eine militärische und nicht um eine ideologische handelte, versuchte vor allem Außenminister Bruno Kreisky den Amerikanern zu vermitteln. Der Sozialdemokrat war glühender Amerika-Fan und rigider Antikommunist. „Kreisky und ich haben damals mindestens zweimal pro Woche telefoniert“, erinnerte sich später der damalige Geschäftsträger in der Wiener US-Botschaft, Dwight Porter.

Niemals hätte Kennedy Wien als Ort für den Gipfel mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow im Juni 1961 akzeptiert, hätte es in den USA nicht diese neue Sicht der österreichischen Neutralität gegeben.

Als Kennedy am Wiener Flughafen landete, empfing ihn eine Gruppe amerikanischer Studenten mit Transparenten: „Give ’em hell, Jack!“ Es kam anders: Chruschtschow dominierte die letztlich ergebnislosen Gespräche zum Thema Berlin eindeutig (sechs Wochen später wurde die Mauer errichtet). „Er hat mich verprügelt“, jammerte Kennedy nachher gegenüber Beratern.

Der Kennedy-Verehrer Kreisky mochte das nicht so sehen: Kennedy habe den Russen „entschieden beeindruckt“, kabelte der Außenminister an alle österreichischen Botschaften. In einer internen Besprechung feierte Kreisky Kennedy gar als „das einzige persönliche Aktivum der westlichen Welt“.

Während Kennedy Wien bereits Richtung London verlassen hatte, blieb Chruschtschow noch einen Tag länger. Den Grund dafür hielt er in seinen Erinnerungen fest: „Ich erzählte Kreisky alles, was ich Kennedy gesagt hatte, weil ich sicher war, dass es auf diesem Weg über Mittelsmänner zu Kennedy zurückkommen würde. Ich wollte auch dadurch unsere Entschlossenheit in der Berlin-Frage unterstreichen.“ Tags darauf informierte Kreisky tatsächlich den US-Botschafter.

Auf Kennedys Agenda blieb Österreich zwar auch nach dem Wien-Besuch eher weiter unten gereiht, aber als sich in Laos 1961 ein frühes Vietnam abzeichnete, regte er wiederholt an, Laos möge eine Neutralität „nach österreichischem Muster“ annehmen.

Anfang 1962 gelang es dem neuen Bundeskanzler Alfons Gorbach (ÖVP), einen Termin beim US-Präsidenten zu ergattern – ein wichtiger innenpolitischer Erfolg gegen den roten Kreisky, der die Außenpolitik inzwischen monopolisiert hatte.

Via „Salzburger Nachrichten“ wurde gestreut, das State Department sei „über einen mitreisenden Außenminister gar nicht erfreut“. Die Intrige platzte, weil die Wiener US-Botschaft eilig klarstellte, Kreisky sei in Washington durchaus willkommen. „Vielleicht ist das (die Vorgangsweise der ÖVP; Anm.) ganz natürlich, weil Kreisky die Tendenz hat, öffentlich zu viel zu reden und zu übertreiben“, notierte Botschafter Freeman Matthews.

Säbelschwingen. Im Oval Office trugen die Österreicher an den Präsidenten das Problem heran, dass sich die Sowjets wegen der Neutralität gegen jede Annäherung Österreichs an die EWG sperrten. Es werde wohl „spezieller Arrangements“ zwischen Brüssel und Wien bedürfen, antwortete der offenbar wenig interessierte Kennedy.

Kanzler Gorbach überbrachte Kennedy als Gastgeschenk einen k. u. k. Säbel, den dieser begeistert schwang. Der Präsident habe etwas von einer Fußballer-Mentalität, erzählte Gorbach nach seiner Rückkehr auf den Ballhausplatz. Wenig später erreichte den Bundeskanzler ein handgeschriebener Brief des jungen österreichischen Wirtschaftsattachés an der Washingtoner Botschaft: Die Visite habe insgesamt zu „einer Stärkung unserer Position hier“ geführt. Gezeichnet: Thomas Klestil.

Mit mitteleuropäischem Kleinkram mochten sich die Kennedy-Leute nicht abgeben: Als Kreisky und Staatssekretär Ludwig Steiner Außenminister Dean Rusk das Südtirol-Problem vortrugen, stöhnte der auf: Die USA trügen in der Welt schwere Lasten, „erspart uns diese und macht euch das mit Italien aus“.

Nach der Kuba-Krise im Oktober 1962 regte Kreisky beim US-Geschäftsträger Porter vorsichtig an, neuerlich einen Gipfel in Wien ins Auge zu fassen. Zwei Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft hätten ihm bei einem Empfang in der tschechischen Botschaft die Bereitschaft Moskaus signalisiert. Porter erörterte die Frage mit dem Leiter der Völkerrechtsabteilung im Außenministerium, Rudolf Kirchschläger. Der winkte ab: Die beiden Sowjets, die Kreisky angesprochen hatten, seien offenkundig alkoholisiert gewesen und hätten nie in Moskau rückgefragt.

Ein Jahr später, im Oktober 1963, reiste Kreisky durch einige US-Bundesstaaten, um einen Vortrag zum Thema „The New Image of America in Europe“ zu halten. In Kansas saß Ex-Präsident Harry Truman (1945 bis 1952) im Publikum.
Das sei die „verdammt beste Rede“ gewesen, die er in den letzten Jahren gehört habe, knurrte Truman und rief im Weißen Haus an. Dort lag in Kennedys Büro bereits ein Terminansuchen Kreiskys – nun wurde ihm stattgegeben.
Das von Kreisky später so geschätzte Foto entstand.

Konflikt. In Österreich karikierte das ÖVP-Organ „Volksblatt“ tags darauf die Kreisky-Visite bei Kennedy als Wichtigtuerei: „Kein Wunder, dass der Präsident so zufrieden war, versprach doch unser Außenminister, dass Österreich die USA nicht mit Krieg überziehen werden.“

In einem bitteren Brief beschwerte sich Kreisky bei Gorbach. Der ÖVP-Chef antwortete mit Verspätung: Kreisky möge „die Flagge des Unmuts wieder einrollen“ und im Übrigen den bevorstehenden „weihnachtlichen Frieden“ genießen.
John F. Kennedy war da schon seit zwei Wochen tot.