Zeitgeschichte: In großer Stunde - 50 Jahre Ungarn-Aufstand - Drama an der Grenze

Österreichs Verhalten während des Ungarn-Aufstands 1956 ist ein Mythos der Zweiten Republik. Drohte damals tatsächlich der Einmarsch der Sowjets? Neue Dokumente werfen ein etwas anderes Licht auf die Ereignisse vor 50 Jahren

Es dunkelte früh an jenem 28. Oktober 1956, einem Sonntag, an dem Außenminister Leopold Figl noch schwere Stunden bevorstanden. Gleich würde der sowjetische Botschafter Sergej Lapin am Ballhausplatz vorfahren, und Figl wird ihm eine diplomatische Note der Bundesregierung übergeben. Ihr Inhalt: Sollten Soldaten der Roten Armee die Grenzen zwischen Österreich und Ungarn verletzen und nicht unverzüglich die Waffen niederlegen, werde das Bundesheer das Feuer eröffnen.

Keine eineinhalb Jahre war es her, dass Figl im Belvedere – „Österreich ist frei!“ – den Staatsvertrag hochgehalten hatte. Erst vor einem Jahr hatte der letzte Besatzungssoldat das Land verlassen, vor zwei Wochen waren die ersten 12.000 Präsenzdiener eingerückt. Und jetzt der Schießbefehl: „Gegen sowjetrussische Einheiten, die Flüchtlingen auf österreichisches Gebiet nachdrängen … ist das Feuer zu eröffnen.“

Oktober 1956 – kein anderes Datum in der Zweiten Republik ist so behaftet mit Erinnerungen an Heldentum und Hilfsbereitschaft. Eine „nationale Bewährungsprobe“ habe das Land in der Ungarn-Krise bestanden, ein leuchtendes Beispiel an Menschlichkeit in schwerer Stunde gegeben, heißt es in den Geschichtsbüchern. Zwei Wochen währte das Drama, in denen niemand wusste, ob am Ende die Sowjetarmee wieder im Land stehen würde; zwei Wochen, in denen die Österreicher dieses neue Modewort „Neutralität“ zu begreifen glaubten, das sich in seiner ganzen Unschärfe bis zum heutigen Tag ins Bewusstsein der Nation eingebrannt hat.

Genau 50 Jahre später eröffnen seit Kurzem zugängliche Dokumente des Staatsarchivs einen neuen Blick auf jene dramatischen Tage. Einige dieser Schriftstücke liegen profil vor: von der Zensur der Presse bis zur Sprengung der Donaubrücken – Undenkbares war damals in Erwägung gezogen worden.

Im Sommer 1956 war der erste Film der „Sissi“-Trilogie abgedreht worden, „Sissi, die junge Kaiserin“. Die Ungarn, die so oft gegen Habsburg rebelliert hatten, wurden darin als temperamentvolle, freiheitsliebende Romantiker dargestellt. Viele Österreicher hatten 1956 noch Verwandte in Györ oder Budapest, für viele Ungarn war Wien das geistige Zentrum geblieben, obwohl es das große Reich seit 38 Jahren nicht mehr gab. Und Sopron war noch für fast jeden Ostösterreicher Ödenburg.

Machtvakuum. Seit Herbst 1955 hatten sich die Beziehungen entspannt. Die Ungarn beseitigten den 1949 angelegten Drahtverhau und entschärften die etwa 700.000 Minen. Die letzte Mine wurde am 20. Oktober entfernt. Drei Tage später brach in Budapest der Aufstand gegen das KP-Regime los.

Das politische Machtzentrum am Wiener Ballhausplatz war an diesem 23. Oktober verwaist. Kanzler Julius Raab war in Bonn, Außenminister Leopold Figl in Straßburg, Vizekanzler Adolf Schärf bei einer Tagung in Ostasien.

Am Abend kam es in Budapest zu Gefechten zwischen Demonstranten und Sowjetbesatzern. Das KPÖ-Zentralorgan „Volksstimme“ machte – wie immer, wenn es ernst wurde – am nächsten Morgen eine Parole zur Schlagzeile: „Es gibt nur den Weg des Sozialismus in Ungarn.“

Am nächsten Nachmittag berieten Innenminister Oskar Helmer (SPÖ) und Verteidigungsminister Ferdinand Graf (ÖVP) die Lage. Ihr Beschluss: Die an der Grenze stationierte Gendarmerie sollte sofort durch Heereskräfte verstärkt werden. Freilich hatte Graf neben den eben eingerückten Präsenzdienern nur 7500 Berufssoldaten unter Waffen, davon 900 Offiziere. Die Ausrüstung bestand aus von der U.S.-Army zurückgelassenen Beständen. Das Heer verfügte über kein eigenes Funknetz, man verständigte sich über das öffentliche Telefon, in den burgenländischen Dörfern hielten oft noch Nachrichtentrommler die Leute auf dem Laufenden.

„Im Ministerium teilweise Chaos“, notierte ein hoher Offizier in sein Tagebuch. Mangels geeigneter Kräfte karrte man auch eben Eingerückte zur Grenze: „Keiner von uns konnte mit dem Gewehr umgehen, da wir erst seit zwei Wochen in Ausbildung waren“, gab einer der jungen Rekruten später zu Protokoll. „Zu allem Überdruss neigte Minister Graf dazu, direkt einzugreifen und Truppen an Orte zu schicken, wo ihm nahestehende Bürgermeister ihre Präsenz erbaten. Oft dauerte es Stunden, diese Truppen wiederzufinden“, schreibt der Militärhistoriker Erwin Schmidl im eben erschienenen Sammelband „Die Ungarnkrise und Österreich“ (Böhlau-Verlag) über den ÖVP-Ressortchef.

Massaker und Gerüchte. In Budapest hatte sich die Lage inzwischen zugespitzt: Am 25. Oktober hatten sowjetische Panzer vor dem Parlament ein Blutbad unter den Demonstranten angerichtet. In der KPÖ-„Volksstimme“ hieß das: „Konterrevolutionärer Anschlag abgewehrt“.

Abenteuerlustige Journalisten wie Thaddäus Podgorski, Fritz Molden, der „Wochenschau“-Filmer Otto Pammer und die Fotografen Erich Lessing und Barbara Pflaum machten sich jetzt auf den Weg nach Osten. Aus Wien schoss der Leitartikler Gerd Bacher so wildes Sperrfeuer gegen die Kommunisten, dass im Ministerrat aus außenpolitischen Gründen presserechtliche Beschränkungen erwogen wurden.

In der ungarischen Hauptstadt war die Lage eskaliert: So hatten Demonstranten nach dem von den Sowjets verursachten Blutbad mehrere Geheimpolizisten auf offener Straße gelyncht. Wilde Gerüchte machten die Runde. Jenes, wonach der gefeierte Fußballer Ferenc Puskas, später ein Star bei Real Madrid, bei den Kämpfen ums Leben gekommen sei, empörte die Massen besonders.

Der österreichische Gesandte in Budapest, Walter Peinsipp, wurde zum Helden der Stunde: Er gab Flüchtlingen Unterkunft, lagerte Hilfsgüter und richtete eine Apotheke für verletzte Aufständische ein. Die Beziehungen im diplomatischen Korps Budapests waren einigermaßen skurril. So riet der sowjetische Botschafter Juri Andropow – er sollte 1982 Generalsekretär der KPdSU werden – seinem Amtskollegen Peinsipp, er solle nicht mit dem österreichischen Wappen am Auto durch die Stadt fahren: Die Aufständischen könnten Hammer und Sichel in den Krallen des Bundesadlers für kommunistische Symbole halten.

Nationaler Konsens. In Österreichs schwarz-roter Koalitionsregierung gab es indes völligen Konsens: Man dürfe den russischen Bären nicht reizen, müsse aber klar signalisieren, dass Neutralität nicht Gesinnungslosigkeit bedeutet.

Auch die damals strikt antikommunistischen Jungsozialisten sympathisierten mit den Aufständischen. Der 18-jährige Maturant Heinz Fischer marschierte in Wien an der Spitze einer Juso-Demonstration und meldete sich zu Hilfsdiens-ten im Flüchtlingslager Traiskirchen. Der heutige außenpolitische Sprecher der SPÖ, Peter Schieder, damals 15, schwänzte die Schule und zog in einem SJ-Trupp zur Grenze, um Flüchtlingen mit rot-weiß-roten Fahnen den Weg zu weisen.

Am 28. Oktober beschloss die Regierung nach innerem Ringen in einem Sonderministerrat den Schießbefehl, den Außenminister Leopold Figl an jenem düsteren Oktoberabend am Ballhausplatz UdSSR-Botschafter Lapin übergab.

Inzwischen hatte sich der Wind in Budapest gedreht. Die Sowjets zogen sich zurück, am 30. Oktober verkündete der neue reformkommunistische Ministerpräsident Imre Nagy das Ende des Einparteienstaats und den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt. Danach bat er Österreichs Gesandten Peinsipp zu sich und ersuchte die Wiener Regierung, ja keine Exil-Ungarn, die sich den Aufständischen anschließen wollten, nach Ungarn einsickern zu lassen. „Nagy sucht Bereinigung des Verhältnisses zu Russen auf österreichische Art. Verhandlungen schon weit gediehen“, kabelte Peinsipp nach Wien. Im Klartext: Nagy wollte für Ungarn eine Neutralität nach österreichischem Muster.

Rückzug. Das konnte die Sowjetunion nicht hinnehmen. Im Osten des Landes wurden bis zum 4. November 60.000 Soldaten zur Aktion „Wirbelsturm“ auf die von den „Konterrevolutionären“ gehaltenen Gebiete gesammelt. „Es schien für die Bundesheer-Führung ausgemachte Sache zu sein, dass die Sowjets nicht an der österreichischen Grenze stehen bleiben würden“, schreibt der Historiker Manfried Rauchensteiner.

Im Ministerrat wies Handelsminister Fritz Bock (ÖVP) auf den Ernst der Stunde hin: „Ich bitte einzugreifen, dass man im Radio nicht lustige Musik spielt.“

In der Nacht vom 5. auf 6. November befahl die Heeresführung den taktischen Rückzug auf die Linie Wien–Semmering. Den Soldaten wurde eine Nachtübung vorgegaukelt. Die geschulten Truppenteile wussten, was lief. „Alarm. Mit dem Einmarsch russischer Truppen kann gerechnet werden“, heißt es im knapp nach Mitternacht erfolgten Eintrag ins Kommandotagebuch der bei Sauerbrunn stationierten Militärakademikerkompanie. Und noch ein Befehl erging in dieser Nacht: Alle Donaubrücken in Nieder- und Oberösterreich sind zur Sprengung vorzubereiten.

Nur die Gendarmen mit ihren Dienstpistolen bewachten nun die Grenze. „Ich stand mit einem Kameraden beim Schlagbaum in Klingenbach“, berichtete einer von ihnen später. „Auf der anderen Seite stand ein russischer Panzer. Wir wussten nicht, was wir tun sollten, also salutierten wir.“

Das Offizierskorps war sich des Ernstes der Lage bewusst: Viele hatten erst vor elf Jahren in der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjets gekämpft, manche waren vor nicht allzu langer Zeit aus der Gefangenschaft heimgekehrt.

Aber planten die Sowjets wirklich den Einmarsch in Österreich? Für diese Annahme gibt es nur vage Belege, etwa eine bei einem gefallenen Russen entdeckte Operationsskizze, auf der die Spitze der Pfeile nach Österreich gerichtet waren. Bruno Kreisky, damals Staatssekretär im Außenamt, berichtet in seinen Memoiren von abgefangenen Funksprüchen tschechischer und ostdeutscher KP-Führer an die Sowjets, in denen dringend um eine Wiederbesetzung Österreichs ersucht wurde. Nach Gesprächen mit US-„Quellen“ kabelte freilich Botschafter Karl Gruber, zuvor ÖVP-Außenminister, in einer profil vorliegenden Geheimdepesche aus Washington nach Wien: „Ich halte Sondervorgehen Sowjetunion gegen Österreich für kaum wahrscheinlich.“

Bis zu jenem so dramatischen 6. November waren erst rund 3000 Flüchtlinge nach Österreich gekommen, meist KP-Bonzen und Geheimpolizisten, welche die Rache der Aufständischen fürchteten. Jetzt kamen die Massen. Rund 180.000 Ungarn strömten in den folgenden Monaten nach Österreich, 70.000 davon über die berühmte Brücke von Andau, die der Autor James A. Michener in einem Roman verewigte. Erst am 21. November, die Kämpfe waren schon beendet, gelang es den Sowjets, die Brücke zu sprengen. Einige Kilometer weiter südlich spitzte sich die Situation noch einmal zu: Bei Rechnitz verfolgten zwei Rotarmisten am 23. November ein 18-jähriges Flüchtlingsmädchen bis auf österreichisches Staatsgebiet. Einer der beiden widersetzte sich der Aufforderung, stehen zu bleiben. Die Gendarmen streckten den 22-Jährigen mit einem Bauchschuss nieder. Wenig später war der Soldat tot. Die Sowjets hielten still, sie wollten keine neuerliche Eskalation.

Die eintreffenden Flüchtlinge werden liebevoll umsorgt. Mit später nie mehr gesehener Hingabe kümmern sich die Österreicher um die Habenichtse aus dem Osten. Die meisten von ihnen wollen ohnehin bald weiter, nach Übersee. Nur 20.000 Ungarn-Flüchtlinge werden bleiben, 1976 werden sie in Wien als autochthone Minderheit anerkannt. „Müsste ich je flüchten, so hoffe ich, dass es nach Österreich sein kann“, schwärmte Autor Michener über die hiesige Gastfreundschaft.

Beschwerden. Die Österreicher präsentieren den armen Verwandten aus Ungarn stolz ihren bescheidenen Wohlstand. Im Dezember veröffentlicht die „Illustrierte Bilderwoche“ die doppelseitige Reportage „Eine ungarische Flüchtlingsfamilie erlebt das weihnachtliche Wien“: leuchtende Augen vor einigermaßen vollen Schaufenstern.

Bald begannen die Mühen der Ebene. „Ich höre nur noch Beschwerden darüber, dass die ungarischen Flüchtlinge gratis Straßenbahn fahren“, ärgerte sich Bürgermeister Franz Jonas im Jänner 1957. „Würde man den Gerüchtefabriken glauben, dann verbrächten 169.500 von ihnen den ganzen Tag im Kaffeehaus“, zitierte die „Arbeiter Zeitung“ eines der gängigen Klischees. „Wer nicht zerlumpt und bis auf die Knochen abgemagert ist, kann kein wahrer Hilfsbedürftiger sein, argumentieren manche“, vermerkte die „Presse“. In Baden und Vöslau beschwerten sich Weinbauern über in Traiskirchen untergebrachte Flüchtlinge, die beim Traubendiebstahl ertappt worden waren.

Die Ungarn schufen sich ihre eigenen Rückzugsgebiete und Lokale, etwa das heute noch bestehende Ilona-Stüberl in der Bräunerstraße.

Ungarn und die Folgen. Im März 1957 erhob das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den schweren Vorwurf, die österreichische Bundesregierung würde internationale Hilfsgüter abzweigen. Titel der Story: „Ungarnflüchtlinge – das Geschäft des Jahrhunderts“. Kanzler Raab ließ laut einem profil vorliegenden Verschlussakt prüfen, ob die Verbreitung des „Spiegel“ in Österreich beschränkt oder der Korrespondent sogar des Landes verwiesen werden könne.

Schon bald wurden die Ereignisse dem Zeitgeschmack entsprechend im Heimatfilm verkitscht. „Der schönste Tag in meinem Leben“ (1957) erzählt mit Paul Hörbiger in der Hauptrolle von der Aufnahme eines ungarischen Flüchtlingsbuben bei den Wiener Sängerknaben.

Auch wenn der erste Einsatz des Bundesheers als heldenhaft in die Bücher einging, wurde schon damals die Saat des Zweifels am Sinn einer vollwertigen Armee gelegt: Die dramatischen Tage im Herbst ’56 hatten den Verantwortlichen die Unmöglichkeit vor Augen geführt, die Grenzen im Ernstfall auch nur so lange zu halten, „bis die Regierung in Wien Zeit hat, in die Unterhosen zu kommen“, wie Generaltruppeninspektor Erwin Fussenegger das bescheidene Ziel formulierte. Das Bundesheer mag tapfer gewesen sein – aber es wäre wohl innerhalb weniger Stunden aufgerieben gewesen. „Diese Maßnahmen waren improvisiert und auf optische Wirkung abgestellt; militärischer Wert ist sehr beschränkt“, hielt Fussenegger nach Ende der Krise in einem Memorandum fest.

Die Politik ließ denn auch keinen Zweifel daran, dass sie nicht viel ins Bundesheer zu investieren gedachte, und befand sich damit schon damals – lange vor den Eurofightern – im Einklang mit dem Volkswillen. Im Februar 1958, kaum eineinhalb Jahre nach der Ungarn-Krise, stellte Kanzler Raab fest, das Heer sei in erster Linie „ein Erziehungsfaktor für die Jugend“. Der SPÖ-Abgeordnete Otto Probst sekundierte: „Eine symbolische Verteidigung entspricht den österreichischen Verhältnissen am besten.“ Und Handelsminister Bock warnte, man solle ja nicht zu viele Panzer kaufen, „weil der Straßenzustand stark in Mitleidenschaft gezogen werden könnte“.

Eilig wurden die Ereignisse jenem Mythenschatz einverleibt, in dem seit 1955 auch die Reblaus-Schnurre lagert, wonach der Staatsvertrag Ergebnis der Trinkfestigkeit der österreichischen Verhandler gewesen sei. Ein im Spätherbst 1956 kursierender Witz ging so: „Stürzt ein aufgeregter Sekretär ins Arbeitszimmer von Außenminister Figl: ,Herr Minister! Die Russen marschieren ein!‘ Darauf Figl: ,Um Gottes willen, jetzt geht die Sauferei schon wieder los!‘“

Von Marianne Enigl und Herbert Lackner