Vorarlberg, Zürich oder Hamburg – die rund 600 Menschen reisten aus allen Ecken des deutschsprachigen Raums ins Zirbenschlössl. Großteils sind es Männer und Frauen im Pensionsalter, die den Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretikern auf der Bühne applaudieren.
Der AUF1-Song, der zum Auftakt der Veranstaltung gegen 15 Uhr gespielt wird, ist martialisch: „Doch ob Spritzen, Klimalüge, Kriegsgefahr, Ungerechtigkeit, Propaganda und Zensur – wir stehen dagegen auf, gemeinsam mit dir. Da wo die Freiheit ist, da sind auch wir“, schallt es aus großen Boxen über die grauhaarigen Köpfe des Publikums hinweg.
Das Musikvideo zeigt Soldaten, die Geschütze abfeuern, das Flugzeug, das in den ersten Turm des World Trade Centers kracht, und Menschenmassen, die gegen die COVID-19-Maßnahmen demonstrieren. Der Rocksong geht ins Ohr und animiert wahrscheinlich selbst Senioren zum rebellischen Aufbegehren. Der ideale Soundtrack zur unbewussten Radikalisierung.
„Laut denen sind wir ja alle rechtsextrem“
An der Raucherecke reden die Leute über den letzten Urlaub, wie es ihren Kindern in der Schule geht oder darüber, wie ungnädig die Sonne heute herunterbrennt. Wenn das Gespräch dann über Small Talk hinausgeht, driften die Themen schnell ins Politische: „Früher war ich mit den Linken unterwegs. Da bin ich nach Wien gefahren, um gegen die Atombomben-Stationierung in Deutschland zu demonstrieren“, erklärt eine grauhaarige Frau im Dirndlkleid. Sie sei von ihren einstigen Weggefährten enttäuscht worden, als diese sich „widerstandslos“ gegen COVID-19 impfen ließen.
Die Pandemie ist bei den Besuchern, die Slogans wie „gesichert unbequem“ oder „Frieden“ auf ihren T-Shirts präsentieren, immer noch ein Thema. Das bestätigt auch das Rechtsextremismus-Barometer 2024 des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Rund 30 Prozent der Gesamtbevölkerung ist der Meinung, die Corona-Pandemie sei inszeniert worden, um die Gesellschaft grundlegend umzubauen. Beim AUF1-Zuschauerfest ist der Prozentsatz wahrscheinlich um ein Vielfaches höher. Wer zugibt, nicht auf einer COVID-Demo gewesen zu sein, erntet skeptische Blicke.
Auch die im Vorfeld von Magnet diffamierte profil-Geschichte ist ein Thema unter den Besuchern. „Laut denen sind wir ja alle rechtsextrem“, scherzt eine rothaarige Frau aus Vorarlberg, die nicht wissen kann, dass sie gerade mit dem Autor des Artikel redet. Wie Magnet fühlt sie sich von dem „Systemmedium“ zu Unrecht beschuldigt.
Täter-Opfer-Umkehr
Mit einem „Wir-gegen-die-Anderen“-Narrativ inszeniert sich der Sender als Opfer, das vom „System“ verfolgt wird. Der heimische Verfassungsschutz bezeichnet AUF1 als das „mit Abstand reichweitenstärkste rechtsextreme“ Alternativmedium in Österreich, was Programmchef Andreas Retschitzegger auf der Bühne als einen von vielen „vom System versuchten Vernichtungsangriffen“ einordnet. Im Anschluss bittet er das Publikum, für einen Social-Media-Post aufzustehen und die Hände in die Luft zu werfen. „Bitte darauf achten, beide Hände zu heben, denn das System schläft nicht“, fügt er hinzu.
Besonders die Täter-Opfer-Umkehr ist in der Rhetorik von AUF1 tief verankert. „Es gibt im deutschen Raum wahrscheinlich keinen zweiten Sender, der derart unter Beschuss, unter Trommelfeuer steht wie wir“, erklärt AUF1-Moderator Bernhard Riegler, der durch den Nachmittag führt. Als Beispiel nennt er ein medienrechtliches Verfahren, das die Medienbehörde KommAustria eingeleitet hat. Der Grund: AUF1 hat acht Monate lang sein Programm über die Antenne des Regionalsenders RTV ausgestrahlt, ohne eine entsprechende Senderlizenz zu haben. Auf den Gesetzesbruch folgte eine Verwaltungsstrafe von insgesamt 7700 Euro gegen die Verantwortlichen von AUF1. Riegler wertet das als „Zensurversuch“.
Remigration und Globalisten
Mit Remigration ist die massenhafte Abschiebung von Menschen mit Migrationshintergrund, selbst von Staatsbürgern, gemeint, was einer Verletzung von Grundrechten gleichkommt. Der Aussage „Umfassende Remigration ist dringend notwendig“ stimmt laut DÖW-Studie die Hälfte der österreichischen Bevölkerung im Wahlalter zu. Fast gleich viele sind der Meinung, dass die österreichische Bevölkerung durch Zugewanderte ersetzt werde. Manche von Sellners Positionen sind längst keine Minderheitenmeinung mehr.
Der frühere Identitären-Sprecher verkündet auf der Bühne, eine Nichtregierungsorganisation gründen zu wollen. Als ihm das Publikum Buh-Rufe entgegenschleudert, rechtfertigt er sich: „Es braucht echte NGOs, weil die von den Linken sind nur verlängerte Arme der Regierung. Wir wollen aber einen Thinktank, eine Lobbygruppe gründen für einheimische Europäer gegen die Globalisten.“ Damit will er „Netzwerk-Ideen“ vereinen und stärken.
Nach etwa drei Stunden Programm, in dem immer wieder vor „dunklen Kräften“ und deren finsteren Machenschaften gewarnt wurde, tritt Stefan Magnet an das Rednerpult. Er schlägt in dieselbe Kerbe wie die rund 20 Redner vor ihm: „Sie wollen diese digitale Diktatur errichten und da ist ihnen jedes Mittel recht. Enteignung, Überfremdung, die Zersetzung soll weitergehen, neue mögliche Gesundheitsausnahmezustände stehen im Raum, mit dem Ziel, den Transhumanismus einzuführen und den biologischen Menschen inklusive Bevölkerungsreduktion abzuschaffen.“
Um 18 Uhr läuten die „Freiheitstrychler“ wortwörtlich das Ende des Programms ein. Die Schweizer wurden durch ihre Aufmärsche mit riesigen Glocken bei COVID-Demos bekannt. Und so marschieren sie auch durch den hellen Festsaal des Zirbenschlössls auf die Bühne. Der Frontman der Gruppe spricht über seine Beweggründe: „Es ist wichtig, weil sie haben es auf unsere Kinder abgesehen.“ Mit den Glocken will er „die Freiheit in die Welt hinaustragen. Das, was wir uns für unsere Kinder wünschen. Ganz einfach!“ Das Publikum geht steil.
Es ist schwer zu glauben, aber im Vergleich zum Zuschauerfest im vergangenen Jahr traten Magnet und seine Gäste gemäßigter auf. Unter dem Deckmantel des Kinderschutzes und Pazifismus schleusen die Sprecher menschenverachtende Ideologien und rechtsextreme Codes in die Köpfe ihrer Zuhörer. Der Sender will offenbar gesellschaftsfähiger werden und mit guter Miene sein böses Spiel weitertreiben.
Der Festsaal im Zirbenschlössl werde an „unterschiedliche Veranstalter“ vermietet, eine „inhaltliche Bewertung einzelner Aussagen oder auftretender Personen nehmen wir nicht vor“, erklären die Betreiber des Gasthauses auf profil-Anfrage. Die Belegschaft habe sich ausschließlich auf die Bewirtung am Getränkebuffet beschränkt. Für das Programm, den Inhalt und die auftretenden Personen wollen die Betreiber keine Verantwortung übernehmen. „Von den dort geäußerten Inhalten und Meinungen distanzieren wir uns ausdrücklich.“