Illustration, die einen Kopf neben einem Infusionsbeutel zeigt
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Geheimsache Krebs: Ein Wunder-Medikament und seine Schattenseiten

Intransparenz und hohe Kosten: Warum nicht einmal das Gesundheitsministerium den Preis jenes Krebs-Mittels kennt, für das Österreichs Spitälern am meisten Geld ausgeben. Und welche weltweiten Nebenwirkungen das Milliarden-Business um „Keytruda“ hat.

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Es dauert gerade einmal eine halbe Stunde: Eine klare Flüssigkeit tropft durch einen Infusionsschlauch in die Vene eines Patienten. Keine große Menge, ein Viertelliter reicht aus. Währenddessen schaut der Patient aufs Handy oder liest die Zeitung. Wenn alles erledigt ist, steht er auf und geht – und zwar vergleichsweise guter Dinge, jedenfalls gemessen an der Schwere seiner Erkrankung. Wenn ein Arzt, der laufend in diesem Bereich arbeitet, das so beschreibt, klingt es eigentlich völlig unspektakulär. Tatsache ist jedoch: Es könnte kaum spektakulärer sein.

Seit eineinhalb Jahrezehnten revolutionieren sogenannte Immuntherapien die Behandlung verschiedener Krebsarten. Auch solcher, bei denen es früher praktisch keine Überlebenschance gab. Während Chemotherapien darauf ausgerichtet sind, Krebszellen anzugreifen, geht es bei der neuen Form der Behandlung darum, das körpereigene Immunsystem dazu zu bringen, den Krebs zu bekämpfen. Wenn jemand auf diese Therapieform anspricht, bestehen sehr gute Chancen, dass sich die Lebenszeit erhöht – und zwar bei guter Lebensqualität. Mitunter kommt es sogar zur Heilung. Ein „Game-Changer“, wie viele meinen.

Nebenwirkungen der anderen Art

Doch der medizinische Segen bringt das Risiko beträchtlicher Nebenwirkungen mit sich: Profitgier, Intransparenz, Verteilungs-Ungerechtigkeit, kriminelle Begleiterscheinungen. Kurz: vieles, was ein globales Milliarden-Business an direkten oder indirekten Problemen eben mit sich bringt. Wobei hier alles noch einmal eine ganz andere Dimension aufweist. Es geht es nämlich nicht nur um ganz viel Geld – es geht für viele Menschen um die Entscheidung: Leben oder Tod.

Kaum ein Beispiel wäre besser geeignet, dieses Spannungsfeld auszuleuchten, als das Immuntherapeutikum mit der sperrigen Bezeichnung „Pembrolizumab“ – besser bekannt unter dem Markennamen „Keytruda“. Das Krebs-Mittel gilt als umsatzstärkstes verschreibungspflichtiges Medikament der Welt. Mehr als 30 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 25 Milliarden Euro) hat es seinem Hersteller, das US-Pharmaunternehmen Merck, in die Taschen gespült – und zwar alleine im vergangenen Jahr.

Auch in Österreich geben Krankenanstaltenbetreiber enorme Summen dafür aus. Doch wie viel eine der begehrten Infusionen eigentlich kostet, gilt als wohlgehütetes Geheimnis, das mit Zähnen und Klauen gegen den Ruf nach mehr Transparenz verteidigt wird. Kurioserweise kennt nicht einmal das Gesundheitsministerium den tatsächlichen Preis. Ein Auswuchs einer Geschäftspolitik aus Schweigevereinbarungen und Vertraulichkeitsklauseln, die – so zumindest der Verdacht – eher im Interesse der Pharmabranche sein dürften als in jenem der öffentlichen Hand.

Projekt-Logo „The Cancer Calculus“: Eine Medikamentenflasche im Dollar-Design
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Investigativ-Projekt „The Cancer Calculus“

Grund genug, richtig gut hinzusehen: profil ist Teil eines globalen Investigativ-Projekts mit dem Namen „The Cancer Calculus“. Geleitet und koordiniert wird das Projekt vom „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) mit Sitz in Washington. Insgesamt sind an der Kooperation 48 Medienhäuser aus 37 Ländern beteiligt – darunter „USA Today“, der „Toronto Star“, das italienische Magazin „L‘Espresso“, und das deutsche Investigativbüro „Paper Trail Media“. In Österreich ist neben profil auch die Zeitung „Der Standard“ Teil der Recherchekooperation.

Es geht darum, die Schattenseiten des Milliardengeschäfts rund um „Keytruda“ auszuleuchten. Und solche gibt es einige: „Keytruda“ ist so teuer, dass es – global gesehen – für viele Menschen, die es dringend für ihr Überleben brauchen würden, unerschwinglich ist. In Wohlfahrtsstaaten, in denen es eine umfassende Krankenversicherung gibt, sind zwar die Chancen gut, dass jeder, der das Medikament benötigt, es auch bekommt. Doch die Sozial- und Gesundheitssysteme geraten finanziell unter großen Druck. Gerade im Arzneimittelbereich steigen die Kosten besonders stark.

Letztlich ist alles eine Frage des Preises. Warum ist dieser bei „Keytruda“ so hoch? Ist er angemessen? Wird im Sinne der Gewinnmaximierung versucht, das Medikament möglichst lange, möglichst teuer zu halten? Und was könnte für Entlastung sorgen? Die Recherchepartner im Projekt „The Cancer Calculus“ haben sich auf die Suche nach Antworten und Fakten begeben – mit durchaus erstaunlichen Ergebnissen.

Der Preis? Nicht bekannt.

Die Grundfrage bei alledem aus österreichischer Sicht: Zu welchen Preisen wird im heimischen Gesundheitssystem „Keytruda“ eigentlich eingekauft – und wie haben sich diese Preise im Laufe der Zeit verändert? „profil“ und „Standard“ wollten das Ende des Vorjahres zunächst vom Gesundheitsministerium erfahren. Doch die überraschende Antwort – zusammengefasst: Die tatsächlichen Preise seien „nicht bekannt“. Öffentlich zugängliche Daten dazu fehlen. Die echten Preise – unter Berücksichtigung von Rabatten und Nachlässen – würden nämlich „vertraulichen Vereinbarungen zwischen Krankenanstalten und pharmazeutischen Herstellern unterliegen“.

Mit anderen Worten: Nicht einmal das Gesundheitsministerium weiß, was eine Dosis „Keytruda“ in Österreich wirklich kostet. Zwar gibt es den sogenannten „Fabriksabgabepreis“ (FAP) – das ist quasi der offizielle Listenpreis. Dieser lag laut Ministerium im Dezember 2025 bei rund 3400 Euro für die Standardmenge von 100 Milligramm. Eine übliche Dosis im Rahmen der „Keytruda“-Therapie sind entweder 200 Milligramm alle drei Wochen oder 400 Milligramm alle sechs Wochen. Das wären dann also rund 6.800 Euro beziehungsweise 13.600 Euro pro Behandlung. Doch das ist nicht der echte Preis. Üblicherweise bieten Pharmafirmen den Krankenanstaltenbetreibern nämlich Rabatte und Nachlässe an. Diese können nahe am Listenpreis liegen oder auch stark davon abweichen. Und bei einem teuren Spezialmedikament wie „Keytruda“ fallen bereits ein paar Prozentpunkte stark ins Gewicht.

Stefan Melichar

Stefan Melichar

ist Chefreporter bei profil. Der Investigativ- und Wirtschaftsjournalist ist Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). 2022 wurde er mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Journalist*innenpreis ausgezeichnet.