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Rechnungshof ortet Kostenexplosion beim Salzburger Festspielbezirk
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Interims-Intendantin Karin Bergmann hat gleich in ihrer ersten Kuratoriumssitzung vor wenigen Tagen gelernt, was bei den Salzburger Festspielen zum Normalbetrieb gehört: Misstrauen und alte Rechnungen. Nach dem Abgang ihres exzentrischen Vorgängers Markus Hinterhäuser, nach Skandalen, Machtkämpfen und viel verbrannter Erde sollte Bergmann eigentlich einen Neuanfang ermöglichen.
Doch das Kuratorium ist Bergmanns kleinere Baustelle. Die größere ist eine echte: das Monster-Umbauprojekt Festspielbezirk 2030. Dort droht gerade aus dem Ruder zu laufen, was Bund, Land und Stadt seit Jahren als große Zukunftsinvestition verkaufen. Ein profil exklusiv vorliegender Rohbericht des Rechnungshofs zeichnet alles andere als das Bild eines solide aufgesetzten Unternehmens: explodierende Kosten, klaffende Finanzierungslücken, ein sich ständig dehnender Zeitplan, kaum eingepreiste Puffer und viele offene Risiken. Das birgt gewaltigen politischen Sprengstoff – in Salzburg wie in Wien.
Politiker bauen sich gerne Denkmäler. Der ehemalige Salzburger ÖVP-Landeshauptmann Wilfried Haslauer hatte eine sehr genaue Vorstellung davon, wofür er in Erinnerung bleiben wollte. Vor seiner Politpension sorgte er noch dafür, die weltberühmten Salzburger Festspiele unter seiner Verantwortung auf ein neues architektonisches Level zu heben. Die Spielstätten stammen teils aus dem 17. Jahrhundert, eine Sanierung war unbestritten dringend notwendig. Haslauer und die damalige Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler wollten aber mehr als eine Instandsetzung. Es sollte ein architektonisches Meisterwerk werden, einzigartig in Europa.
Das Projekt im Querschnitt
Bis zu 250.000 Kubikmeter Gestein sollen aus dem Mönchsberg gestemmt werden.
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Das Projekt im Querschnitt
Bis zu 250.000 Kubikmeter Gestein sollen aus dem Mönchsberg gestemmt werden.
Die drei ikonischen Spielstätten – Großes Festspielhaus, Felsenreitschule und Haus für Mozart – sollten in neuem Glanz erstrahlen. Außerdem brauche man mehr Platz, argumentierte die Leitung der Festspiele, die Jahr für Jahr aus allen Nähten platzen. Kein einfaches Unterfangen in der dicht bebauten Salzburger Altstadt. Also beschloss man, dass der Mönchsberg eben weichen müsse. Zumindest teilweise. Das Große Festspielhaus soll in den Berg erweitert werden, die drei Haupthäuser sollen unterirdisch und über Bergstollen miteinander verbunden werden, um Anlieferung und Logistik zu erleichtern. Auch Werkstätten sollen in den Berg gebaut werden. Insgesamt sollen rund 9000 Quadratmeter zusätzliche Fläche entstehen. Am Ende soll der Festspielbezirk über 45.500 Quadratmeter verfügen.
Minimalistische Kalkulation
Die intensiven Planungen begannen um 2018. Für österreichische Verhältnisse kam das Megaprojekt schnell zu politischen Beschlüssen. Erstaunlich auch: keine jahrelangen UVP-Verfahren (Umweltverträglichkeitsprüfungen), keine massiven Bürgerproteste trotz gigantischer Baustelle, keine langen Voruntersuchungen eines Berges, der sich bei anderen Bauprojekten immer wieder als störrisch und überraschend erwiesen hat. Die Salzburger Festspiele sind eben die Salzburger Festspiele. Da macht man kein Theater. Jedenfalls nicht das übliche.
Nach einem relativ rasch durchgezogenen Architekturwettbewerb wurde das zweitteuerste von sieben Projekten zum Sieger gekürt. 2020 wurde der politische Wille samt Finanzierungszusagen hergestellt: 40 Prozent sollte der Bund tragen, je 30 Prozent übernehmen Stadt und Land Salzburg. Das Projekt sollte, so rechnete man damals vor, rund 262,76 Millionen Euro kosten. Zumindest, wenn alles normal läuft.
Normal war zu diesem Zeitpunkt allerdings wenig. Die Covid-Pandemie hatte das Land im Griff, niemand konnte die wirtschaftlichen Folgen seriös abschätzen. Und die waren, wie man heute weiß, erheblich. Hohe Inflation, massive Preissteigerungen, vor allem am Bau. Also mussten in Salzburg Millionen nachgeschossen werden. So weit, so nachvollziehbar, befindet auch der Rechnungshof. Ordentlich zu kalkulieren sei unter diesen Bedingungen schwierig gewesen. Dann jedoch kommt das große Aber.
Denn einiges hätte man sehr wohl planen können. Oder müssen. Kostenwahrheit scheint bei diesem Projekt eher Interpretationssache gewesen zu sein.
Baustelle von oben
Die Baustelle von oben.
© APA-Images / Laurin Christl
Baustelle von oben
Die Baustelle von oben.
„Die Errichtungskosten sind aus Sicht des Rechnungshofs zu niedrig bewertet“, heißt es in dem Bericht. Von Anfang an seien wesentliche Kosten und Risiken nicht in die erwarteten Gesamtkosten eingerechnet worden, kritisiert der Rechnungshof. Etwa die Frage, wo während der Sanierung bei laufendem Betrieb gespielt, gearbeitet und produziert werden soll. Für solche Interimsflächen werden nach profil-Recherchen rund 35 Millionen Euro zusätzlich nötig. Ein Betrag, der im offiziellen Finanzierungsbild nicht sauber eingepreist war. Die Politik hat diese zusätzliche Finanzierung offenbar in Aussicht gestellt, beschlossen ist sie noch nicht – und das in Zeiten massiver Budgetknappheit und Sparpakete auf Bundes- und Landesebene.
Auch bei Grundstücks-, Beratungs- und Gutachtenskosten sieht der Rechnungshof erhebliche Lücken. Der Salzburger Festspielfonds habe prognostizierte Grundstückskosten sowie Beratungs- und Gutachtenskosten nicht den Gesamtkosten des Projekts zugeordnet. Verhandlungen laufen noch immer, Vollständigkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit seien daher nicht gegeben.
Dazu kommt der Denkmalschutz. Auch dessen Auswirkungen seien noch nicht abschließend bewertet. Für mehrere geschützte Bauten lägen nicht alle behördlichen Zustimmungen vor; eine Behörde habe zum Zeitpunkt der Gebarungsprüfung weiterhin Bedenken geäußert. Der Rechnungshof prüfte das Projekt zwischen März und Oktober 2025, der behandelte Zeitraum reicht von 2018 bis Anfang 2025. Mit anderen Worten: Man plant und arbeitet längst weiter, obwohl zentrale Fragen offen sind.
Ein weiteres Risiko ist der Mönchsberg selbst. Auch hier fällt die Rechnungshofkritik deutlich aus: Es habe keine geologische Detailkartierung des Projektgebiets gegeben. Lediglich sieben Proben seien erhoben worden, die Gesteinszusammensetzung sei nicht ausreichend untersucht. Nun kann man argumentieren, dass in den Berg ja zum Beispiel schon eine Garage gebaut wurde. Nur kam es auch dort zu unerwarteten Problemen. Beim Festspielprojekt soll massiv in den Berg gebohrt und gebaut werden: Bis zu 250.000 Kubikmeter Felsmaterial müssten herausgelöst werden. Der Rechnungshof äußert erhebliche Zweifel daran, dass das so reibungslos funktionieren wird, wie es die Projektunterlagen nahelegen. Die Bohrungen hätten ursprünglich bereits im April 2026 starten sollen. Dann wurden sie verschoben, damit die Festspiele im Sommer noch einmal einigermaßen ungestört über die Bühne gehen können.
Wer wird das bezahlen?
Ab 1. September soll dann wirklich gebohrt werden – falls die Politik nicht doch noch die Reißleine zieht, das Projekt redimensioniert oder weitere Summen von rund hundert Millionen Euro zuschießt. Nachbudgetiert wurde bereits mehrfach. Das Projekt wurde größer, teurer, komplizierter. Inzwischen ist es künstlich in zwei Bauphasen geteilt worden.
Finanziert ist einstweilen aber lediglich Bauphase eins: 394,8 Millionen Euro für die Sanierung des Großen Festspielhauses und die massiven Umbauarbeiten im Berg. In Bauphase zwei sollen das Haus für Mozart und die Felsenreitschule saniert werden. Dafür gibt es keine gesicherte Finanzierung. Auch das kritisiert der Rechnungshof.
Für Bauphase zwei wären laut Festspielen weitere 86 Millionen Euro zu veranschlagen. Dazu kommen die bereits erwähnten 35 Millionen Euro für Interimsflächen. Damit läge man schon bei mehr als 515 Millionen Euro. Der Rechnungshof geht allerdings davon aus, dass auch das noch zu wenig sein könnte, weil Reserven und Risiken nicht ausreichend abgebildet seien. Inklusive Schwankungsbreite könnte das Gesamtprojekt bis zu 635 Millionen Euro kosten. Und das nur, sofern es nicht zu weiteren Verzögerungen kommt. Das Projekt ist ohnehin bereits mehrere Jahre im Verzug. Der Festspielbezirk 2030 wird nach aktuellem Stand nicht 2030 fertig, sondern frühestens 2033.
Festspielbezirk 2030?
Es wird mindestens 2033 - wenn es nicht zu weiteren Verzögerungen kommt.
© APA/BARBARA GINDL
Festspielbezirk 2030?
Es wird mindestens 2033 - wenn es nicht zu weiteren Verzögerungen kommt.
Besonders brisant: Der Rechnungshof sieht das Projekt nicht als beliebig teilbar. Infrastruktur, Tunnelvernetzung, technische Voraussetzungen und Bauabwicklung hängen zusammen. Man kann also so tun, als finanziere man erst einmal nur Phase eins. Baulich und funktional bleibt es trotzdem ein Gesamtprojekt. Dazu kommt: Die Sanierung ist tatsächlich dringlich. In der Felsenreitschule tritt bei Starkregen regelmäßig Wasser ein. Die historische Substanz braucht Erneuerung. Nur macht das eine schlechte Projektplanung nicht besser.
Was also ist der Plan? Hoffen, dass die Politik am Ende zahlt, weil ihr nichts anderes übrigbleibt? Weil niemand die berühmten Salzburger Festspiele hängen lassen will? Weil es öffentlich schwer zu erklären wäre, wenn man um fast 400 Millionen Euro vor allem Räume in den Berg baut, die niemand sieht – während Gebäude in der Öffentlichkeit weiter auf ihre Sanierung warten?
Schwierig. Denn weder Bund noch Land können sich zusätzliche budgetäre Großzügigkeit leisten. Bei allem Verständnis für den Erhalt kulturellen Erbes: Es wird schwer erklärbar sein, warum bei Gesundheit, Pflege, Pensionen oder Universitäten gespart wird, während die öffentliche Hand eine schlechte Projektplanung sang- und klanglos ausbadet. SPÖ-Vizekanzler Andreas Babler musste gerade ein hartes Kulturbudget verhandeln, das für viele Kunst- und Kulturschaffende Einschnitte bedeutet. Zusätzliche Millionen für Salzburg wären da politisch toxisch.
Sprengstoff für die Landtagswahl
Für Salzburgs ÖVP-Landeshauptfrau Karoline Edtstadler ist die Lage noch unangenehmer. Sie hat das Projekt von ihrem Vorgänger geerbt und die zentralen Entscheidungen nicht selbst getroffen. Erfahrungsgemäß ist das der Wählerschaft egal. Edtstadler muss 2028 eine Landtagswahl schlagen – also genau dann, wenn die Baustelle in Vollbetrieb sein dürfte und weitere Kostensteigerungen sichtbar werden könnten. Dann müsste sie erklären, warum das Land Sparpakete schnürt und Leistungen kürzt, während für ein Loch im Berg weitere Millionen aufgetrieben werden müssen. Ihre Konkurrentin, FPÖ-Vizelandeshauptfrau Marlene Svazek, wird wissen, was sie damit anfängt.
Landeshauptfrau Karoline Edtstadler
Sie hat die Baustelle geerbt - und muss sie nun abarbeiten. Politisch ist das für sie höchstbrisant.
© APA-Images / Andreas Tischler
Landeshauptfrau Karoline Edtstadler
Sie hat die Baustelle geerbt - und muss sie nun abarbeiten. Politisch ist das für sie höchstbrisant.
Was bleibt also, wenn es nicht mehr Geld gibt? Man könnte Teile des Projekts auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben. Das würde am Ende wohl alles noch teurer machen und ist wegen der Bauabwicklung nur bedingt realistisch. Man könnte das Projekt redimensionieren und etwa die Werkstätten nicht in den Berg, sondern auf eine grüne Wiese bauen. Das würde massiv Geld sparen, hieße aber auch: zurück an den Start, neue Planung, neue Verfahren, neue Verzögerungen.
Dass die Projektplaner trotz fehlender Finanzierung weitermachen, als sei nichts geschehen, ist bezeichnend. Karin Bergmann kann im Kuratorium noch so viele Probleme moderieren, die Bewährungsprobe im Mönchsberg muss sie erst bestehen. Denn wie bei „Jedermann“ gilt auch beim Festspielbezirk: Am Ende geht es nicht darum, wer beim Glanz dabei war. Sondern wer vortritt, wenn die Rechnung kommt.
Anna Thalhammer
ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.