Torsten Scholz von den Beatsteaks: „Es ist immer noch Klassenfahrt“

Torsten Scholz von den Beatsteaks: „Es ist immer noch Klassenfahrt“

Die Berliner Band Beatsteaks feiert Jubiläum, und das mit Tour, Best-of-Album und neuer Single. Wir haben Bassisten Torsten Scholz vor dem Konzert in der Arena Wien getroffen und mit ihm über die Band, deutsche Musik und die aktuelle Asylproblematik gesprochen.

profil: Die Beatsteaks gibt es nun seit 20 Jahren. Was ziehen Sie daraus für ein Resümee?
Torsten Scholz: Ich selbst begleite die Band zwar schon von Anfang an, aber als Musikant bin ich erst seit 15 Jahren dabei. Das Beeindruckende ist, wie man so lange Zeit zusammen an einem Projekt arbeiten kann, mit der Grundvoraussetzung, dass man sich gut versteht. Also es ist eigentlich schon beeindruckend dass wir uns seit 20 Jahren gut leiden können.

profil: Wie läuft das zwischenmenschlich ab?
Scholz: Früher war es schlimm. Wir hatten damals Konzerte, da wurde danach immer geschrien. Einer wollte immer die Band verlassen. Das ist jetzt alles anders, wir sind älter, haben Kinder, wir haben neue Prioritäten, da gibt es solche Probleme nicht mehr.

profil: Ihr seid familiärer und gesetzter geworden?
Scholz: Gesetzter sicher nicht. Ich bin froh, dass wir noch genauso die Pfanne heiß haben wir vor zehn Jahren. Es ist immer noch Klassenfahrt, obwohl wir alle zwischen 40 und 50 sind. Wir machen das halt schon echt lange, wir wissen mittlerweile alle worum es geht. Wir bezahlen mit der Musik unsere Miete, ich bezahle damit die Schule meiner Tochter, wir bezahlen über zehn Leute die mit uns auf Tour fahren.


Es gibt viele, die kennen „Hand in Hand“ oder „Gentleman of the Year“, aber die kennen die Band dahinter nicht

profil: Ihr bringt jetzt ein Greatest-Hits-Album heraus: 23 Singles. Wieso macht ihr das?
Scholz: Wir haben jetzt eben 20 Jahre Beatsteaks, und da feiert man eben ein bisschen und freut sich, dass man so lange in dieser Band spielt, die immer noch eine gewisse Relevanz hat. Es kommen viel mehr Leute zu unseren Konzerten, als unsere Platten kaufen. Es gibt viele, die kennen „Hand in Hand“ oder „Gentleman of the Year“, aber die kennen die Band dahinter nicht. Ich finde die Singles geben einen guten Überblick über die Band.

profil: Ihr habt für dieses Album zwei neue Lieder geschrieben. Der Song „Ticket“ ist auch gleich zur Single geworden. War da das Songwriting anders, weil ihr das Lied gleich als Single geschrieben habt.
Scholz: Wir haben diesmal das erste Mal seit langer Zeit wieder auf Tour an Songs gearbeitet. Ansonsten sind wir eine komische Band: Entweder touren wir oder wir sind im Studio. Vermischen können wir das nicht. Ein Lied als Single zu planen geht aber sicher nach hinten los.

Beatsteaks - Ticket

profil: Die Beatsteaks haben sehr lange mit Moses Schneider als Produzenten gearbeitet. Warum habt ihr jetzt zu Zebo Adam gewechselt?
Scholz: Irgendwann ist es Zeit, mal was Neues zu machen. Wir waren dann mit Bilderbuch als Support unterwegs, die ihr neues Album mit Zebo Adama aufgenommen haben. Wir sind dann nach Wien gefahren und haben innerhalb einer Woche aufgenommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in Zukunft noch mehr mit ihm aufnehmen.

profil: Wie seid ihr auf die Idee zum Musikvideo „Ticket“ gekommen? Ist die Kulisse im Hintergrund wirklich aus Bierkisten?
Scholz: (lacht) Ja das sind Bierkisten, endlich erkennt das mal einer. Wir haben uns die ganze Zeit Deichkind Videos angesehen und haben die total gefeiert. Die Videos für Deichkind machen seit drei Jahren die Gleichen, wir haben gefragt ob die nicht Bock hätten ein Video mit uns zu machen.


Seit mehreren Jahren dominiert Helene Fischer die Top-Ten. Ich meine das nicht persönlich, ich kenne die Frau nicht, aber diese Musik ist schon so ein bisschen Volksverdummung

profil: In der deutschen Musikszene tut sich gerade sehr viel, es gibt viele neue Bands, viele deutsche Künstler schaffen es an die Spitze der Charts. Wie nehmen Sie das wahr?
Scholz: Wir finden Bilderbuch und Wanda, die ja aus Österreich kommen, sehr toll. Gerade bei K.I.Z. auf Platz eins der deutschen Charts habe ich mich total gefreut – auch Trailerpark finde ich sehr krass. Es sieht gerade echt gut aus. Aber wenn man sich ehrlich ist, ist in den deutschen Charts noch immer wirklich viel Scheiße drinnen. Seit mehreren Jahren dominiert Helene Fischer die Top-Ten. Ich meine das nicht persönlich, ich kenne die Frau nicht, aber diese Musik ist schon so ein bisschen Volksverdummung.

Sänger Arnim Teutoburg-Weiß in der ausverkauften Wuhlheide in Berlin

profil: Sollten sich Künstler politisch engagieren?
Scholz: Helene Fischer ist ja unpolitisch, das kann man ihr auch nicht vorwerfen. Sie hat ja auch keine fragwürdigen Texte. Aber sie distanziert sich auch nicht. Farin Urlaub wird mit den Ärzten sicher auch von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gehört, das ist nun mal so, die haben Millionen Hörer. Aber er macht ganz klare Aussagen und riskiert damit, dass ein paar Leute sich vor dem Kopf gestoßen fühlen. Helene Fischer macht das nicht. Sie könnte dann nicht mehr im Olympiastadion spielen.

profil: Wie reagieren Sie auf aktuelle politische Themen wie die Asylkrise? Setzt ihr konkrete Aktionen?
Scholz: Wir sind ja keine politische Band mit politischen Texten, also nutzen wir alle anderen Kanäle wie Social Media. Unser Sänger Arnim macht gerade wieder ganz tolle Ansagen auf Konzerten: Wer sich ein Shirt von uns kaufen will, geht bitte nicht zum Stand, sondern geht auf refugees-welcome.net und spendet die 20 Euro dort. Ich denke, die Flüchtlingsdebatte wird gerade erst akut. Man muss sich klarer positionieren.


Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass meine Tochter keine Nationalsozialistin wird

profil: Ihr stellt euch ja gezielt gegen Nazis. Wie geht ihr das an?
Scholz: Ich denke, es sollte gar nicht so weit kommen, dass Leute zu Nazis werden. Das ist das Problem. Ich bin selber Vater und bin sicher, dass ich da Sachen nicht immer richtig mache. Aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass meine Tochter keine Nationalsozialistin wird. Das liegt auch daran, dass ihre Mutter und ich sie so erziehen wie wir es eben tun.

profil: Was sollte man denn da anders machen, dass es nicht so weit kommt?
Scholz: Es ist wichtig, dass man Sachen nicht ungefragt hinnimmt, gerade bei der Asylproblematik.

profil: Woher kommt dieser Hass in der Bevölkerung?
Scholz: Die Ärzte-Sänger Farin Urlaub hat mal gesagt: Das sind Leute, die haben nichts worauf sie Stolz sein können, weil sie nichts können, weil sie nichts leisten, weil sie keine Arbeit haben. Und worauf bist du dann stolz? Dann bist du stolz auf dein scheiß Land. Da suchst du dir jemanden, der noch weniger wehrt ist als du und nimmst dir einen Ausländer. Wenn das alles passiert, dann ist davor schon was falsch gelaufen. Dann sind die Eltern schuld. Das sind dumme, ängstliche Bürger.

profil: Kommen wir abschließend noch zu einer schönen Sache. Ihr seid ja öfters in Wien, bleibt auch gerne Mal länger, was habt ihr für ein Verhältnis zu der Stadt?
Scholz: Wien ist für uns vor allem die Arena. So habe ich Wien kennengelernt. Da haben wir zuerst im Arena-Beisl gespielt, dann in der kleinen Halle, dann in der Großen und so weiter. Die Arena steht halt für was, die ist politisch, total autonom und trotzdem professionell. Es gibt in jeder Stadt noch Leute, die aus dem Normalen raus wollen, aus dieser Gleichschaltung. Hier gibt es noch Orte, wo die Subkultur erhalten wird, das finde ich total nett. Und Wien ist natürlich eine schöne Stadt. Da geht man mal einen Verlängerten trinken oder wie das heißt.