Beglückende „Mad Max“-Raserei in Cannes

Beglückende „Mad Max“-Raserei in Cannes

Drei Jahrzehnte nach dem Ende seiner legendären „Mad Max“-Trilogie gibt sich der australische Regisseur George Miller noch einmal postapokalyptisch. „Mad Max: Fury Road“ bietet, auch ohne Mel Gibson, reine Action-Ekstase.

Unter den ehernen Gesetzen, die das Filmfestival in Cannes im Innersten zusammenhalten, ist die radikale Kollision von elitärer Filmkunst und schamlosem Entertainment nicht das unsympathischste. Die am Mittwoch Abend vergangener Woche eröffnete 68. Festivalausgabe glänzte daher bereits in ihren ersten Tagen mit extremen, mutwillig herbeigeführten Stimmungsschwankungen zwischen frenetischer Fantasy und tiefer Depression (siehe hier). „Mad Max: Fury Road“, die späte Rückkehr des aus­tralischen Regisseurs und Autors George Miller (nach „Schweinchen Babe“ und „Happy Feet“) in sein angestammtes Terrain, fiel in Cannes, wo man den weltweiten Kinostart dieses neuen Films nun mit einer akklamierten Europa-Premiere feierte, eindeutig in erstere Kategorie.

Mad Max: Fury Road - Official Main Trailer [HD]

Die Story ist simpel: Eine Renegaten­truppe nimmt den Kampf gegen den Wüstentyrannen auf (der Schauspieler Hugh Keays-Byrne fiel bereits im originalen „Mad Max“ böse aus der Rolle), der das Wasser monopolisiert hat und das versklavte Volk darben lässt. Die antifaschistische Gang wird von Charlize Theron geleitet, die hier unter dem nicht unpassenden Namen Furiosa firmiert. Der Titelheld schließt sich, zunächst als lebender Blutspender vor ein Auto gekettet, der kampfbereiten Frauenbande zögernd an, während ein Tarantino-geprüfter Kryptofeminismus durch den klassischen B-Picture-Sexismus strahlt.

Mel Gibson wird nicht vermisst

Ganz neu ist das alles nicht. Im April 1979 debütierte der damals 34-jährige Miller mit einem Film namens „Mad Max“, einem Genre-Bastard aus Italo-Western und postnuklearem Biker-Movie, der übrigens nicht auf Anhieb die Welt eroberte. Erst um den Jahreswechsel 1979/80 wurde er aus Australien nach Europa importiert, und ein paar weitere Monate dauerte es, ehe er die US-Kinos erreichte. Die hochtourige Mischung erwies sich langfristig aber als stabil, viele der erfolgreichen Actionserien der Nuller- und Zehnerjahre verdanken sich Millers Basisarbeit. (Als „Mad Max“ erstmals in die Kinos kam, war der spätere, inzwischen siebenteilige „The Fast and the Furious“-Star Vin Diesel noch gar nicht in der Pubertät.)

Gegen den produktionstechnischen und ästhetischen Irrsinn, den Miller in „Fury Road“ entfesselt, wirkt die analoge Verschrottungsdramaturgie jenes ersten Teils geradezu niedlich, aber schon in Millers Low-Budget-Debüt klopfte ein revolutionäres Herz. „Mad Max 2: The Road Warrior“ (1981) kam mit seinen Punk- und Mittelalter-Bezügen dem gegenwärtigen Stand der Serie näher. Das Tina-Turner-Spektakel „Mad Max Beyond Thunderdome“ (1985) überspannte den Bogen dann aber, hatte das Wendige, Kantige der ersten beiden Filme verloren, war somit endgültig in Hollywood angekommen.

Hochkomplex arrangierte Verfolgungsjagd

So ließ Miller seinen durchgedrehten Helden hinter sich und wandte sich anderen Projekten zu. Obwohl: Zu den wirklich Produktiven in Hollywood gehörte er nie. „Fury Road“ ist erst Millers neunter Kinospielfilm in 45 Jahren; auch als Produzent kommt er auf kaum höhere Schlagzahlen. Tatsächlich hat er mehr als 15 Jahre für seine „Mad Max“-Neuauflage gekämpft, die Anschläge vom 11. September 2001 hatten das verabredete Budget erstmals kollabieren lassen, weitere Rückschläge folgten, nicht zuletzt durch Mel Gibsons öffentliche und private Abstürze. Gibson, der als ikonischer Mad Max Rockatansky die Motoren zuletzt vor 30 Jahren in „Jenseits der Donnerkuppel“ heulen ließ, muss man übrigens nicht vermissen. Der britische Schauspieler Tom Hardy, 37, bekannt aus „Inception“ und zuletzt durch sein virtuoses Solo in „Locke – No Turning Back“, erfüllt die Rolle des Ex-Polizisten, der als Überlebenskünstler durch die Wüste kreuzt, mehr als kompetent.

Die Lust an der Kinetik treibt die „Mad Max“-Serie voran, sie steckt in den tausend heiteren Details des motorisierten Nahkampfs, der hier mit Sägeblättern und Flammenwerfern, mit wilden Kostümen und allerlei physischen Deformationen geführt wird. Dabei ist „Fury Road“ kaum mehr als eine zweistündige, aber eben hochkomplex arrangierte Verfolgungsjagd, die Blut und Benzin, Planung und Chaos zur reinen Action-Ekstase verdichtet. Die serielle Logik solcher Projekte ist unübersehbar. Fortsetzung wird folgen.