Szene aus "Sonne"

Szene aus „Sonne“: Das Spielfilmdebüt der jungen Regisseurin Kurdwin Ayub

© Berlinale 2022

Berlinale
02/15/2022

Berlinale 2022: Burka, Sex und Familienquerelen

Die Filmfestspiele Berlin 2022 nähern sich ihrem Finale – mit freundlicher Unterstützung der eigensinnigen Kinoszene Österreichs.

von Stefan Grissemann

Jetzt hat es auch Isabelle Huppert erwischt. Die Schauspielerin, die in Berlin den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk entgegennehmen wollte, wurde am Dienstag in Paris positiv auf Covid-19 getestet. Es gehe ihr gut, richtete Huppert aus, und sie werde sich morgen gerne, pünktlich zur Preisverleihung, live aus der Quarantäne per Video zuschalten. Die unter schwierigen Bedingungen und beträchtlichem Akkreditiertenschwund leidende 72. Berlinale absolviert ihr Programm gerade im Eilverfahren: Den Wettbewerb, dessen letzte Beiträge derzeit über die Leinwände flimmern, hat man in fünf Spieltagen erledigt, am Mittwochabend werden bereits die Preise vergeben, bis Sonntag wird es dann nur noch Wiederholungsvorstellungen geben.

Im Kampf um den Goldenen Bären hat sich neben viel Kunstgewerbe immerhin eine Handvoll Filme als preisverdächtig in Position gebracht: Die französisch-schweizerische Regisseurin Ursula Meier seziert in ihrem dritten Kinofilm „La ligne“ tragikomisch die inneren Zerwürfnisse einer überspannten Familie von Musikerinnen, und Natalia López Gallardo legt mit dem mexikanischen Sozial- und Gangsterdrama „Robe of Gems“ ein erstaunlich sicheres, atmosphärenstarkes Debüt vor; zwei karge Bauernerzählungen, einmal aus Nordwestchina, einmal aus den Schweizer Alpen, gehörten hier außerdem zu den akklamierten Werken: „Return to Dust“ von Li Ruijun sowie Michael Kochs „Drii Winter“. Und Ulrich Seidls gewohnt zupackende Schlagersängergroteske „Rimini“ (profil berichtete) stach der Jury mindestens ins Auge. Allenfalls Außenseiterchancen wird wohl die französische Regie-Virtuosin Claire Denis haben, deren Betrugs- und Eifersuchtsstudie „Avec amour et acharnement“ über ein herausragendes Ensemble (Juliette Binoche, Vincent Lindon, Gregoire Colin) verfügt, in ihrem Beharren auf einer möglichst exakten Feinzeichnung der Ambivalenzen dessen, was man Liebe nennt, aber bewusst enervierend wirkt.

Österreichs starke Präsenz in Berlin dieses Jahr geht über Seidls Zutun weit hinaus. Zwei – einander diametral entgegengesetzte – dokumentarische Arbeiten aus Österreich stießen auf erheblichen Zuspruch: im Programm des „Forum“ dringt Constantin Wulff in „Für die Vielen“ in die Wiener Arbeiterkammer ein, um die täglichen Abläufe des dortigen Kampfs für die Rechte der arbeitenden Bevölkerung plastisch zu machen, während Ruth Beckermann in „Mutzenbacher“ männliche Zugänge zur Sexualität auslotet. Wulffs Institutionenporträt, merklich beeinflusst vom Direct Cinema des Amerikaners Fred Wiseman, 92, zerfällt in zwei scharf voneinander abgetrennte Teile: Begonnen vor der Pandemie, gewinnt der Film mit Ausbruch der Viruskrise neue Tonlagen und Intensität; die Büroräume und Korridore der Arbeiterkammer, in der sich die Hilfe und Beratung suchenden Menschen davor stets drängten, liegen plötzlich vereinsamt und verlassen da – das Leben stellt sich hier, nach einer Phase der Ratlosigkeit, erst zögernd wieder ein.

Die ungewöhnliche Methode, die Ruth Beckermann in „Mutzenbacher“ benutzt, stellt das Gegenteil des diskreten dokumentarischen Zugriffs Wulffs dar. Sie konfrontiert eine Reihe freiwilliger Selbstdarsteller, gefunden per Zeitungs-Casting-Aufruf, mit dem 1906 anonym publizierten, Felix Salten zugeschriebenen Pornoklassiker „Josefine Mutzenbacher“. Beckermann lässt die (höchst unterschiedlichen) Männer Passagen aus dem Werk vortragen und stellt aus dem Off lakonische Fragen zu deren eigenen sexuellen Erfahrungen. In dieser quasi-therapeutischen Konstellation wird Berührendes, fallweise aber auch Verstörendes sicht- und hörbar.

Und noch ein Film aus Wien reüssierte (wie „Mutzenbacher“) in der „Encounters“-Schiene, dem experimentelleren Zweitwettbewerb der Berlinale: „Sonne“, das Spielfilmdebüt der jungen Regisseurin Kurdwin Ayub, nähert sich mit nervöser Kamera, in scheindokumentarischem Stil dem fiktiven Familienleben einer jungen Kurdin, die in Wien ihre Freizeit zwischen Kopftuchgebot, Social-Media-Sucht und Freundinnen-Tollereien verbringt. Als ein selbstproduziertes Musikvideo ins Netz gestellt wird, das sie und ihre Clique singend in der Burka zeigt (man intoniert ausgerechnet den R.E.M.-Song „Losing My Religion“), winkt lokaler Ruhm, aber es beginnt auch Kritik zu hageln, und die Freundschaft der Mädchen wird ernsthaft auf die Probe gestellt. „Sonne“, als Eröffnungsfilm der kommenden Diagonale in Graz bereits fixiert, besitzt Witz, Energie und Frische, versorgt das österreichischen Kino so mit jenen dringend nötigen Antikörpern, die zuverlässig vor Lähmungserscheinungen und Routinebetrieb schützen.