Berlinale 2015: Goldener Bär für Jafar Panahis "Taxi"

Berlinale 2015: Goldener Bär für Jafar Panahis "Taxi"

Die Filmkunst ist hochpolitisch: Die Preisträger der Berlinale 2015.

Ein großer Abwesender ging, nicht ganz unabsehbar, als Sieger der diesjährigen Filmfestspiele in Berlin hervor: Dem iranischen Regisseur Jafar Panahi wurde am Samstagabend der Goldene Bär der Berlinale für seine sozialkritische Teheran-Ausfahrt „Taxi“ zugesprochen – und mit dieser Entscheidung konnte die internationale Jury um Darren Aronovsky („The Wrestler“, „Black Swan“) nichts falsch machen. Denn Panahis Arbeit wusste wie keine andere des Wettbewerbs 2015, filmisch und politisch komplexe Themen zur Debatte zu stellen, mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit von Freiheit und Beengung zu berichten, Komödiantisches und Existenzielles zu mischen. Panahi selbst sitzt in „Taxi“, freundlich lächelnd, am Steuer, die verstellbare, meist ins Wageninnere, bisweilen aber auch durch die Windschutzscheibe nach außen blickende Kamera ist am Armaturenbrett des Wagens montiert. Eine Reihe von Fahrgästen steigt, in immer neuen Konstellationen, zu und wieder aus, dazwischen kommt es zu (oft vehementen) Diskussionen über Todesstrafe, Kunstzensur und Raubkopien, man erlebt kleine Grotesken und Tragikomödien, alles ganz alltäglich und doch sehr deutlich zugespitzt. Der Regisseur bricht die scheinbar dokumentarische Form in vielfacher Weise sanft auf, stellt damit auch das Kino selbst zur Debatte. Die zehnjährige – in „Taxi“ eine altkluge Nebenrolle verkörpernde – Nichte des Künstlers, der über keine Reisegenehmigung verfügt (und seinen Film als File auf einem USB-Stick nach Berlin schmuggeln musste), nahm den Goldbären im Berlinale-Palast in Tränen, aber triumphierend entgegen.

Freiheit und Beengung: Szene aus "Taxi"

Mutige Filme

Auch der Große Preis der Jury, ein Silberner Bär, ging an einen ausgesprochen mutigen Film: Der Chilene Pablo Larraín geht in „El Club“ scharf mit der Heuchelei der katholischen Kirche ins Gericht; der bewusst ambivalente, sozialrealistisch-bizarre Tonfall dieser Inszenierung, die sich um eine Wohngemeinschaft kalt gestellter pädophiler Priester dreht, ist ebenso auf Verstörung angelegt wie die lichtarme, grau verhangene Fotografie des Films. Ein zweiter chilenischer Regisseur wurde als bester Drehbuchautor prämiert: Patricio Guzmán hatte mit seiner politisch-kosmischen Erzählung „The Pearl Button“ den einzigen Dokumentarfilm in den Wettbewerb gebracht. Als beste Regisseure zeichnete man die Polin Malgorzata Szumowska für ihre schwarze Psychokomödie „Body“ und den Rumänen Radu Jude für seinen angriffigen historischen Eastern „Aferim!“ aus. Die Schauspielerpreise vergab man an Charlotte Rampling und Tom Courtenay, das souveräne Hauptdarstellerpaar in der britischen Ehestudie „45 Years“ (Regie: Andrew Haigh). Zwei Silberne Bären sprach die Jury schließlich noch drei Kameraleuten zu, deren Arbeit sie zu „herausragenden künstlerischen Leistungen“ erklärte: Sturla Brandth Grøvlens 140minütiger Kraftakt in dem ohne Schnitt gedrehten, dabei höchst beweglichen deutschen Krimi „Victoria“ wurde ex aequo mit der von Evgeni Privin und Sergei Mikhalchuk für Alexei Germans russisches Endzeitkunstwerk „Under Electric Clouds“ bewerkstelligten Fotografie ausgezeichnet.